GOLF TIME 5/2025
übertrieben. Es ist oft eine heikle Diskussi on, einen modernen Spieler mit Woods zu vergleichen, dem für viele besten Golfer al ler Zeiten. Es ist meist unnötig, unverdient und eine ungerechtfertigte Belastung. Dass Scheffler ernsthaft in diese Diskus sion einbezogen wird, zeigt, dass er mög licherweise der Einzige ist, der diese Last nicht spürt. Irgendwann in den letzten fünf Jahren setzte sich der Konsens durch, Scheffler sei langweilig. Seinem Golf fehl te oft die Theatralik eines Woods oder die Achterbahnfahrt eines Rory McIlroy. Er galt als langweilig, respektiert, aber nicht verehrt. Seine Persönlichkeit wurde im „SEINE TRÄUME AUSLEBEN ZU KÖNNEN, IST ETWAS GANZ BESONDERES, ABER LETZT ENDLICH BIN ICH NICHT HIER, UM DIE NÄCHSTE GENERA TION VON GOLFERN ZU selben Licht gesehen. Ein unglaublicher Golfer, aber einer, mit dem man sich nicht so identifizieren konnte wie mit den Pub likumslieblingen dieser Generation, wie McIlroy oder Max Homa. EINBLICKE IN GEFÜHLSWELT Diese Stimmung ändert sich seit einiger Zeit langsam, wenn man aufmerksam zu sieht. Scheffler gibt seine Zurückhaltung öfter mal auf, hat aber dennoch keine Zeit dafür, sich Gedanken zu machen, wie es sich anfühlt, die Nummer 1 der Welt zu sein, oder was ein Ergebnis für seinen Kar riereverlauf oder seine Geschichte bedeu ten könnte. Sucht man nach Erklärungen für die Do minanz von Scottie Scheffler, hilft es, in die Pressekonferenz zu Beginn der Open reinzuzoomen. In einem fünfminütigen, unerwarteten Monolog gab der oft miss verstandene Weltranglistenerste Einblick in seine ganz spezielle Gefühlswelt. „Ist es toll, Turniere zu gewinnen und im Golf so viel zu erreichen?“, fragte Scheffler. „Ja, mir kommen die Tränen, wenn ich nur daran denke, denn ich habe mein ganzes Leben lang hart dafür gearbeitet, in diesem Sport gut zu sein. Dieses Erfolgserlebnis zu haben, finde ich, ist ein ziemlich cooles Ge fühl. Seine Träume ausleben zu können, ist etwas ganz Besonderes, aber letztendlich INSPIRIEREN.“ SCOTTIE SCHEFFLER
bin ich nicht hier, um die nächste Gene ration von Golfern zu inspirieren. Ich bin nicht hier, um der beste Spieler der Welt zu werden, denn was bringt das? Das ist kein erfülltes Leben. Es erfüllt durch das Erfolgserlebnis, aber nicht aus tiefstem Herzen.“ Schefflers Identität ist nicht die eines Gol fers. Es ist das, was er tut, aber nicht, wer er ist. Seine Identifikation ist manifestiert in seinem Glauben an Gott und in seiner Fa milie. Diese Distanz zu seinem Tagesjob ist gefährlich – für die Konkurrenz. Ein Geist, frei von der Last der Erwartungen oder der Last der bevorstehenden Geschichte, ge paart mit einem Talent, das besser scheint als alle anderen. GRAND SLAM IM VISIER Mit seinem Triumph bei den Open fehlt Scheffler nur noch ein U.S.-Open-Sieg zum Karriere-Grand-Slam. Sollte er diesen Titel gewinnen, wäre er der erste Karriere Grand-Slam-Sieger, der als Draufgabe auch eine olympische Goldmedaille gewinnen konnte. Interessiert sich Scheffler dafür? Sie kennen die Antwort bereits. Dass er so dominant und generationenübergreifend geworden ist, liegt genau daran, dass er keine Erfüllung darin findet, diesen Erfol gen nachzujagen. Und das Erschreckendste ist, dass Scheff ler trotz allem unermüdlich daran arbeitet,
Unter dem Radar auf Rang zwei: Harris English
besser zu werden – motiviert vom Prozess, nicht vom Ergebnis. In Schefflers dreijähri ger Erfolgsgeschichte ist die eine Schwäche verwoben, die ihn davon abhielt, Rekorde zu brechen: sein Putten. Die Zahlen waren schlecht. Die Optik bei Fehlschlägen noch schlechter. Das führte dazu, dass Scheffler vom Blade- zum Mallet-Putter wechselte und Phil Kenyon als Putting-Trainer engagier te – neben Randy Smith der einzige andere Trainer, den Scheffler je hatte. Das waren drastische Veränderungen für einen
Die Familie und sein Glaube: Das Wichtigste im Leben von Scottie Scheffler
GOLF TIME | 5-2025
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