GOLF TIME 5/2025

EDITORIAL

BESTER LANGWEILER Scottie Scheffler ist zweifelsohne der sportliche Dominator im Herrengolf. Der frisch gebackene „Champion Golfer of the Year“ gibt dennoch Anlass zum Stirnrunzeln.

angweiliger geht’s wohl nicht mehr: Mit vier Schlägen Vorsprung gewinnt Scottie Scheffler quasi im Spaziergang unangefochten die 153. Open Championship im Royal Portrush Golf Club und gibt sich bei der Siegerehrung nüchtern realitätsbewusst: „Ich weiß, dass ich heute nicht der Publikumsliebling war, deshalb schätze ich es umso mehr, dass ihr trotzdem gekommen seid, um mich zu unterstützen.“ Der 29-jährige Texaner, souverän die Nummer 1 der Weltrangliste, spielt Golf wie von einem anderen Stern. Der nun vierfache Major-Gewinner – es fehlt nur noch ein U.S.-Open-Sieg für den Karriere-Grand-Slam – und 17-fache PGA-Tour Sieger ist drauf und dran, Tiger Woods den Rang als erfolgreichster Golfer aller Zeiten abzulaufen. Wenn allerdings, dann nur rein sportlich. Denn emotional ist der gläubige Scheffler eher eine Schlaftablette. Während Woods die Zuschauer massen durch seinen mitreißenden Jubel elektrisierte, gibt sich der schlaksige Mus terschüler nach seinem ersten Open-Sieg so, als ob er gerade den Monatsbecher in seinem Heimatclub gewonnen hätte (Cover „In einer eigenen Liga“, ab Seite 26). L

„Irgendwann setzte sich bei Scheffler das Image als „Mr. Nice Guy“ durch, der langweilig ist, dem die Emotionen fehlen.“

Nicht die Claret Jug hob er triumphierend in die Höhe, sondern seinen einjährigen Sohn Ben nett, der tollpatschig auf seinen Vater zusteuerte und schließlich vor ihm auf dem Bauch landete. Bitte nicht missverstehen: Wie gut, einmal einen stoisch ruhigen Champion zu erleben, der nicht wie verrückt auf dem Grün herumhüpft, nur weil er gewonnen hat – aber dennoch ... „Ich denke, mit der Zeit könnte sich Scheffler sogar als besser und langlebiger erweisen als Tiger Woods“, sagt kein Geringerer als Ex-Ry der-Cup-Captain Paul McGinley. Tatsächlich ist Scheffler auf dem Golfplatz eiskalt und wickelt die Majors ab wie ein Roboter, im Gegensatz zu

Open-Champion: Scottie Scheffler mit Sohn Bennett und der Claret Jug

Tiger, den ein Killerinstinkt auszeichnete, vor allem, wenn er in Führung lag. Irgendwann setzte sich bei Scheffler das Image als „Mr. Nice Guy“ durch, der langweilig ist, dem die Emotionen fehlen. Dazu passen auch die Worte Schefflers: „Ich bin nicht hier, um die nächste Generation von Golfern zu inspirieren …“ Und: „Zu siegen ist nicht das Wichtigste in meinem Leben, ich identifiziere mich nicht über Erfolge, sondern über meinen Glauben an Gott und meine Familie.“

In diesem Sinne,

Ihr

OSKAR BRUNNTHALER Chefredakteur

GOLF TIME | 5-2025

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