GOLF TIME 5/2025
DAS GÖTZITAT
UNINSPIRIERT ABKASSIERT Warum Scottie Scheffler zwar der sportlich hochverdiente Sieger der 153. Open Championship ist – aber möglicherweise auch der denkbar falsche …
K
ennen Sie Wrexham, eine Berg arbeiterstadt in Wales? Der lokale Fußballclub schaffte dieses Jahr den Aufstieg in die zweite englische Liga.
ters gewann und die Zuschauer kollektiv durch drehten. Vielleicht spürten die Besucher, dass dem traditionsreichsten Golfturnier der Welt ein anderer Champion besser gestanden hätte. Einer, dem man abnimmt, dass sich vor den Augen der Welt gerade sein größter Golftraum erfüllt – und nicht nur sein Bankkonto. Erinnern Sie sich an Shane Lowry 2019, dann wissen Sie, was ich meine. Und ohne es explizit auszuführen, offenbarte Scheffler bei seinem Seelen-Striptease seine primäre Triebfeder, der beste Golfer der Welt sein zu wollen: Geld. Fair, aber unsexy. Damit reiht sich Scottie in die traurige Garde entwur zelter Champions des 21. Jahrhunderts ein, die als Kind wohl weniger mit einem imaginären Major-Pokal, sondern einer Platin-Kreditkarte vor dem Spiegel posiert haben – und heute fast ausnahmslos auf der LIV-Tour zu Hause sind. Bei allem Respekt vor der sportlichen Leis tung Schefflers – diese ungeschminkte „Stell den Pokal zu den anderen“-Haltung hat selbst mich dazu gebracht, während der Finalrunde abzuschalten, um dafür das hochspannende Bundesliga-Aufstiegsspiel der Herrenmann schaft meines Golfclubs in Würzburg miterle ben zu können. Die feiern ihren Erfolg wenigs tens noch so richtig. Letztlich ist Scottie Scheffler nur das Pro dukt der heutigen Zeit, in der sich Golfturniere permanent gegenseitig mit Preisgeld-Töpfen überbieten und Spieler Schecks kassieren wie Pauschaltouristen, die am All-you-can-eat-Buf fet den x-ten Nachschlag in die aufgeblähten Bäuche stopfen. So bleibt vielleicht nur noch der Ryder Cup als letzte Bastion – ein Turnier, bei dem (offiziell) niemand bezahlt wird, ganz ohne schnöden Kommerzgedanken. Doch halt – da hat leider unser allseits geliebter Pay-TV-Sender Sky etwas dagegen! Denn auch in diesem Jahr hat man wieder vor, die Live-Übertragung ca. alle 15 bis 20 Minuten mit sich ständig wiederho lenden Spots für Kunstgrüns zu torpedieren. Und zwischen den Werbeblöcken erzählt uns ein Expertenteam, bestehend aus einem überdrehten Dampfplauderer und einem schrägen Muskel-Otto in irritierend engen Shorts, was der zahlende Kunde zwischenzeit lich verpasst hat. Na dann – viel Vergnügen! (Kündigung ist raus). GT
Warum das von Interesse ist? Vor knapp fünf Jahren kauften die Schauspieler Ryan Reynolds und Rob McElhenney den damaligen Fünftligis ten und engagieren sich seither mit Herzblut für ihren Club. In der TV-Dokumentation „Welcome to Wrexham“ beweisen sie, dass Idealismus und echte Fanbegeisterung im Fußball – trotz Infantino, Saudi-Prinzen und Co. – immer noch quicklebendig sein können. Etwa zur gleichen Zeit, als 2022 Wrexhams märchenhafter Aufstieg begann, gewann ein gewisser Scottie Scheffler sein erstes Turnier als Golfprofi. Dreieinhalb Jahre später dominiert er die Golfwelt wie einst Tiger Woods. Doch anders als Wrexham macht es Scheffler den Menschen nicht gerade einfach, sich für ihn zu erwärmen: Stellen Sie sich vor, die Wrexham Kicker würden sich vor dem Aufstiegsspiel öffentlich darüber auslassen, dass sie gar nicht wissen, warum sie überhaupt siegen sollen, und infrage stellen, ob das alles so wichtig ist. Im Vorfeld der 153. Open Championship spru delten derlei Gedanken aus Scheffler heraus. Er philosophierte über seine innere Zerrissenheit und gewährte erstaunlich tiefe Einblicke: „Wenn ich gewinne, ist das für zwei Minuten großartig. Doch letztlich ist es (das Siegen) ein unbefriedi gendes Unterfangen.“ So sehr ich Schefflers ehrliche Worte schätze, so desillusionierend war sein Vortrag. Als wür den die Darsteller in einem Blockbuster bewusst daran erinnern, dass alles nur Kulisse, Schall und Rauch ist. Ein weiterer Höhepunkt war der Moment, als Scottie erklärte, sich nicht dazu berufen zu fühlen, eine neue Generation von Golfern zu inspirieren: „What’s the point?“ Stellen Sie sich diesen Satz als Aufhänger in einem Werbespot für Schefflers Ausrüster Nike vor – deren vormalige Galionsfigur Tiger Woods unzählige Menschen für den Golfsport begeis tern konnte. Als der Amerikaner nach einem – passenderweise wenig aufregenden – Finaltag die Claret Jug im nordirischen Royal Portrush überreicht bekam, fiel die Reaktion der Zu schauer respektvoll höflich aus. Kein Vergleich zur umgekehrten Gemengelage, als Rory McIl roy in Schefflers Heimatland im April das Mas
GÖTZ SCHMIEDEHAUSEN Ambitionierter Hobbygolfer mit variablem Handicap
Das Audiofile vom Autor gelesen auf www.golftime.de
„Ein weiterer Höhepunkt war der Moment, als Scottie erklärte, sich nicht dazu berufen zu fühlen, eine neue Generation von
Golfern zu inspirieren: ,What’s the point?‘“
GOLF TIME | 5-2025
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