GOLF TIME 5/2025

REISE | NORDIRLAND

Gras drumherum Sinn macht, den Driver das eine oder andere Mal steckenzulassen. Statt mit dem zweiten Schlag aufs Grün zu spielen, konzentriere ich mich darauf, den Ball mit dem dritten draufzubringen. Auch dann wartet noch reichlich Arbeit, denn die Grüns haben klitzekleine Wellen, die mit dem bloßen Auge kaum erkennbar sind. Wie von Geisterhand geführt, biegt der Ball, den man schon im Loch wähnt, gerne ab und nimmt Fahrt auf in Richtung der tiefen Pot-Bunker, die jedes Grün verteidi gen – oder droht zurück auf das Fairway zu rollen. Zu meiner Freude erspiele ich mir mehre re Birdiechancen, die allerdings ungenutzt bleiben, schaffe zwei Pars, drei Triple bogeys und jede Menge Bogeys. Beson ders stolz bin ich auf mein Bogey an der legendären 16, die aus gutem Grund „Calamity Corner“ genannt wird. Das ist ein 185 Meter langes Par 3, das auf der rechten Seite von einem steilen Abhang flankiert wird. Wer da nach rechts schlägt, hat keine Chance, seinen Ball jemals wiederzufinden. Um überhaupt in die Nähe des Grüns zu kommen, muss man den Ball allerdings erst einmal 160 Meter Carry über tiefes Rough schlagen, denn auch da wäre die Kugel verloren. Mit ein bisschen Glück steigt mein Ball so hoch, dass er nach etwa 120 Metern direkt auf den drei Meter breiten Fußweg fällt, den man vom Abschlag zum Grün gehen muss. Mit dem zweiten komme ich ran und den vierten versenke ich zum Bogey. Und genau diese Herausforderungen machen den Platz selbst an einem Tag mit wenig Wind zu etwas Besonderem. Gekrönt wird das Ganze dann von dem unglaublichen Gefühl, die 18 runter in das gewaltige Stadion zu spielen, wo am letzten Tag rund zehntausend Zuschauer sitzen werden, um den „Champion Golfer of the Year“ zu feiern. Mich hingegen feiert niemand für meine 34 Nettopunkte, die aber auch gar nicht so wichtig sind. Vielmehr hatte ich einen unfassbaren Golftag auf einem der spektakulärsten Linksplätze der Welt, der jede noch so lange Anreise wert ist. Grund genug, noch mal in „The Harbour Bar“ vorbeizuschauen, dem offiziellen neun zehnten Loch der Open. Und da stört sich auch niemand an Shorts, egal wie kurz die Socken sind. Übrigens: Letztlich habe ich nur zwei Bälle verloren – geht doch! GT

Son Vida Golf: Einer von drei Plätzen im Arabella Golf Resort Mallorca Mit meinem zweiten Schlag lande ich etwa 30 Meter unterhalb des Grüns in einer Senke. Diese Senken sind typisch für Royal Portrush, wo viele Grüns auf Plateaus lie gen, von denen aus es vorne, hinten, links und rechts oft steil runtergeht. Doch damit beschäftige ich mich nicht weiter, denn mein dritter Schlag landet etwa 5 Meter hinter der Fahne mitten auf dem Grün. Eine Par-Chance gleich zum Auftakt ist weit mehr, als ich mir erträumt hatte, und ich putte den Ball mit etwas zu viel Schwung Richtung Loch. „Im schlechtes ten Fall wird es ein Bogey“, denke ich mir. Während ich dem Ball hinterherschaue, höre ich noch, wie einer meiner Mitspieler „Good bye“ ruft und sehe, wie mein Ball etwa 20 Zentimeter am Loch vorbeirollt und auf dem abschüssigen Grün richtig Fahrt aufnimmt. Innerhalb von Sekunden rollt er den kompletten Hügel wieder run ter in Richtung Abschlag und bleibt erst nach etwa 40 Metern in der Senke liegen. Also zurück zum Bag, Putter rein, Eisen raus und ab dem dritten Schlag alles noch mal. Der fünfte landet diesmal etwa drei Meter hinter dem Loch. Der Putt bleibt jetzt aber direkt vor dem Loch liegen, denn nun weiß ich ja über Geschwindigkeit und Gefälle der Grüns Bescheid. Am Ende dem freundlichen Herrn im Clubjackett und grinse über beide Ohren.

Zufrieden mit seiner Runde: Taufig Khalil

genug Lehrgeld für den Tag gezahlt habe und sage mir: „Damit war ich besser als Rory.“ Eine Runde auf so einem Platz, umgeben von den Aufbauten, die einen dauernd an das gewaltige Turnier erin nern, das hier bald gespielt wird, muss man sowieso genießen. Dementsprechend ehrfurchtsvoll gehe ich jedes Loch einzeln an und spiele mich in einen Tunnel. Die Ausblicke sind gewaltig und die Herausforderungen nicht kleiner. Schnell lerne ich, dass es wegen der schmalen Fairways und der steilen Hügel mit tiefem

schreibe ich eine Sieben! BESSER ALS RORY …

Mit einem Lächeln hole ich den Ball aus dem Loch, beschließe, dass ich damit

Ruhe vor dem Sturm: Tribüne und Aufbauten für die 153. The Open am 18. Grün

60 GOLF TIME | 5-2025

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