GOLF TIME Nov-Dez/2025
DAS GÖTZITAT
THAT‘S ENTERTAINMENT! Die Golfsaison 2025 geizte nicht mit hochdramatischen Höhepunkten. Doch abseits der großen Bühnen stellt es leider viel zu oft auch eine perfekte Einschlafhilfe dar!
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ory McIlroys Vollendung seines Karriere-Grand-Slams beim Mas ters oder der Coup der Europäer
lieber den Stars im Internet widmen. Influencer wie Rick Shiels, Grant Horvat oder die Bryan Bros beweisen, dass man Millionen Menschen errei chen kann, ohne dass jemand vier Stunden war ten muss. Und wenn es doch einmal länger dau ert, wie jüngst bei der Internet Invitational, gibt es zumindest reichlich Abwechslung. Man spielte Scrambles, Bestball-Formate und sogar Skins-Lö cher um hohe Preisgelder. Was nach Chaos klingt, ergab eine sechsteilige Blaupause für zukünftige Events mutiger Veranstalter und alternativer Tou ren in der Golfwelt von morgen. Selbstverständlich bin ich nicht so naiv, zu glauben, man könne die gesamte Turnierkultur mit all ihren Strukturen zugunsten spaßiger Golf Spielshows aufgeben. Doch da draußen schlum mert enormes ungenutztes Potenzial. Der Fokus sollte weniger auf den Stars liegen, die ohnehin im Rampenlicht stehen, sondern auf jenen Spie lern, die nicht das große Geld verdienen, sondern täglich um ihre Existenz kämpfen. Also ähnlich wie all die C-Promis diverser Dschungel- oder Big-Brother-Formate, die auf der Suche nach ei nem warmen Platz im Herzen des Publikums sind. Stellen Sie sich ein Sudden-Death-Turnier um einen Masters-Startplatz vor: Acht Profis, ein Platz, ein Ziel – wie „The Bachelor“, nur mit Driver statt Rose. Nachdem nur noch zwei Kandidaten übrig sind, fällt die Entscheidung bei Long-Drive-, Nearest-to-the-Pin- und Long-Distance-Putt Challenges. Würden Sie einschalten? Ich wäre dabei! Ebenso würde ich bei einem Skins Game um die Tourkarte mitfiebern: Die Spieler, deren Karte nach der Saison auf der Kippe steht (Bubble Boys), treten gegeneinander an, und der Sieger erhält neben einem ordentlichen Scheck auch die Spielberechtigung für das kommende Jahr. Sie halten dieses Zocken um die Existenz eines Golfers für unmoralisch? Dann bedenken Sie, wie hoch die Q-School-Hürde heute ist: Jedes Jahr kämpfen über 700 Spieler um 25 Plätze auf der DP World Tour, von denen dann meist nur 18 eine eingeschränkte Spielberechtigung erhalten. Und niemand schaut zu! Würde man aus diesem Pro zess ein mehrteiliges YouTube-Spektakel destillie ren, hätten die Verlierer zumindest einen gewis sen Bekanntheitsgrad, um sich als Golf-Influencer zu positionieren. Und glauben Sie mir: Sollten Sie diese Kolumne in zehn Jahren erneut hervorholen, wird es all das in irgendeiner Form geben. Und niemand wird sich bei mir bedankt haben … GT
beim Ryder Cup in Bethpage beweisen, dass Golf atemberaubend sein kann. Doch abseits der großen Bühnen stellt es leider viel zu oft auch eine perfekte Einschlafhilfe dar. Natürlich leiden die meisten regulären Profi-Turniere unter dem Manko, nicht das gewisse Etwas eines Majors bieten zu können. Diese Top-Events müssen nicht um die Teilnahme der besten Spieler buhlen, und dem Sieger sind weltweite Schlagzeilen auch au ßerhalb des Golfkosmos‘ gewiss. Der Champion einer Magical Kenya Open hin gegen – ein DP-World-Tour-Turnier am anderen Ende der Nahrungskette – muss froh sein, wenn irgendjemand seinen Namen (Jacques Kruyswijk) korrekt aussprechen kann. Eine Woche später erinnert sich wahrscheinlich kaum einer der we nigen Hundert TV-Zuschauer an ihn, die ohnehin jedes Golfturnier wie eine der unzähligen Netflix Serien verfolgen, die man nur weiterschaut, weil man hofft, dass irgendwann mal etwas passiert. Doch wenn man möchte, dass etwas passiert, muss man auch dafür sorgen. Ein bestes Beispiel dafür war das Skins Game zwischen Keegan Bradley, Xander Schauffele, Shane Lowry und Tommy Fleetwood, Ende November, das dem Golf-Fan einige Stunden erstklassige TV-Unter haltung (in Deutschland auf Amazon Prime) bot. Das Format erlaubte es, in kurzer Zeit eine Reihe spannender Situationen zu erzeugen, die man auf der regulären Tour nur mit der Lupe findet: Loch gewinne von über einer Million US-Dollar, hoch intensive Matchplay-Momente – und das alles kompakt mit nur vier Protagonisten über einen Zeitraum von weniger als vier Stunden. „Klar, wenn man vier der besten Golfer der Welt um vier Millionen Dollar zocken lässt, schaut jeder gerne zu“, könnten Sie jetzt sagen – und ich gebe Ihnen recht. Doch überlegen Sie einmal, welchen Aufwand all die regulären 08/15-Events betreiben müssen, um 156 Spieler an den Start zu bringen, die dann Woche für Woche unzählige Schläge addieren, um nach über 80 Stunden Tur nierspielzeit endlich einen Sieger präsentieren zu können. Inklusive Preisgeld, Logistik und Infra struktur stellen vier Millionen US-Dollar bei den meisten Events nur einen kleinen Teil dar, um ein weiteres austauschbares Turnier zu erzeugen. Kein Wunder also, dass vor allem junge Golffans
GÖTZ SCHMIEDEHAUSEN Ambitionierter Hobbygolfer mit variablem Handicap
„Nachdem nur noch zwei Kandidaten übrig sind, fällt die Entscheidung bei Long-Drive-, Nearest-to-the-Pin- und Long-Distance Putt-Challenges. Würden Sie einschalten? Ich wäre dabei!“
GOLF TIME | Nov/Dez-2025
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