Vitamin K 2-2021

Titelthema

Titelthema

6

7

am häufigsten diagnostizierte Krebsart bei Frauen. Jedes Jahr erkranken rund 70.000 Patientinnen daran. Zudem werden circa 6.000 Tumoren „in situ“, also Vor- oder Frühformen von Brustkrebs, erkannt. „Deshalb ist es für jede Frau so wichtig, auf die Signale des eigenen Körpers zu achten, sich selbst in regelmäßigen Abständen abzutasten und die Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen“, erklärt Dr. Kirn. Denn die gute Nachricht ist: Noch nie ließ sich Brustkrebs, besonders in einem frühen Stadium, so gut behandeln wie heute. Dass Antje Koehler den Termin bei ihrer Frauenärztin noch wahrgenommen hat, ist also intuitiv genau die richtige Ent- scheidung gewesen. „Ich habe schon viel geflucht im letzten Jahr“, sagt Antje Koehler und lächelt dabei verschmitzt. Aber Widerstand helfe ja letztendlich auch nicht in dieser Situation. Natürlich sei die Immunschwäche während der Behandlungen gerade zur Coronazeit noch mal ein besonde- rer Angstfaktor gewesen. Jeder Infekt kann für Krebspatien- ten lebensbedrohlich werden. Plötzlich gehört man zu einer besonders vulnerablen Risikogruppe. Ein Wort, das für die allermeisten in den letzten Monaten einen ganz besonderen Klang bekommen hat. Antje Koehler bleibt weiter zuver- sichtlich und sie sagt lachend: „Ich glaube an die heilende Wirkung von Zitroneneis mit Sahne!“ Jeder Nachsorgeter- min sei zwar immer noch mit Angst verbunden, doch sie freue sich über die Glücksmomente im Alltag und natürlich auch darüber, dass – trotz der widrigen Umstände – alles für sie gut gegangen ist. Wenn sie sich kraftvoll genug fühlt, will sie nach Indien reisen. Wegen der Pandemie und ihrer Erkrankung hatte sie sich gar nicht von ihrem langjährigen Zuhause verabschieden können. „Aber erst einmal bin ich glücklich, hier in Köln zu sein, und steige nun Schritt für Schritt wieder in mein Berufsleben ein.“ Rückblickend sagt sie: „Dieses letzte Jahr hat mir in besonderer Weise gezeigt, wie unglaublich wichtig es ist, in ganz existenziellen Situati- onen den Menschen um einen herum vertrauen zu können.“ Neben der medizinischen Expertise hätten ihr die Zuwen- dung und die besonders persönliche Betreuung geholfen, immer mit allem zu rechnen – auch mit dem Guten.

Foto: © Ben Kerckx/pixabay.com

Sturz aus der Wirklichkeit Psycho-Onkologin Larissa Bartsch hilft Frauen nach einer Krebs­ diagnose, das Leben zu sortieren und nach vorn zu blicken

Foto: © Privat

Drei Jahre lebte Antje Koehler mit ihrem Mann in Chennai, Indien. Im März 2020 fuhr sie zu einem kurzen Heimaturlaub nach Deutschland zurück und bekam dort die Diagnose Brustkrebs.

Die psychoonkologische Begleitung findet dann im ambulanten Setting, beispielsweise in einer Krebsbera- tungsstelle, statt. Da gehen die Eltern dann hin für ein Coaching oder die Familie geht zusammen hin. Und was ist mit den Männern? Bartsch: Die Männer erlebe ich sehr nah bei ihren Frauen, sie geben viel Unterstützung, einfach auf pragmati- sche Weise. Unser Angebot nehmen sie eher nicht wahr. Sie schauen, was jetzt gebraucht wird. Rollen müssen oft neu verteilt werden, das Gespräch darüber, der Austausch sind dabei sehr, sehr wichtig.

nen Raum, in dem alles ausgesprochen werden kann, ich helfe zu sortieren und zu differenzieren. Oft reicht ein Erstgespräch. Wir schauen, was an Ressourcen vorhanden ist, was die Frauen ambulant brauchen können, welche Beratungsstellen es gibt, ich nenne Adressen und Anlaufstellen. Telefonisch können die Frauen mich weiterhin jederzeit um Unterstützung fragen. Wie weit sind die Angehörigen in die Beratung einbezogen? Bartsch: Eine Krebserkrankung betrifft das ganze Beziehungssystem. Seit Corona ist das noch mal wichtiger ge- worden, weil der Kontakt nach außen so schwierig bis unmöglich war. Unser Angebot richtet sich natürlich auch an die Angehörigen und es wird in der Regel dankbar angenommen. Es hilft, das System zu stabilisieren und zu beruhigen. Was passiert mit den Kindern? Wie werden die aufgefangen? Bartsch: Kinder nehmen alles sehr sensibel wahr, gerade die Ängste, und sie leiden, wenn zu wenig offen gesprochen wird. Zu den Kindern haben wir meistens keinen direkten Kontakt, eher sieht es so aus, dass die Patientinnen nachfragen, wie sie mit dieser oder jener Situation umgehen.

Wer braucht nach einer Brust- krebsdiagnose therapeutische Begleitung? Bartsch: Das niederschwellige psycho- onkologische Angebot in unserem Brustzentrum erlebe ich als sehr gut. Wir verteilen nach der Aufnahme Fragebögen und machen möglichst allen Patientinnen ein Gesprächs- angebot. Ganz viele sind dankbar für das Angebot und können das psychoonkologische Gespräch gut für sich nutzen. Ungefähr ein Drittel der betroffenen Frauen braucht eine intensivere psychotherapeutische Behandlung. Die anderen erlebe ich in der Situation gut aufgestellt. Warum ist Hilfe und Unterstützung notwendig? Bartsch : Jede Krebsdiagnose bedeutet einen Sturz aus der normalen Wirk- lichkeit. Die Frauen berichten häufig davon, dass sie sich neben sich fühlen, wie hinter Glas, gar nicht in der Welt. Nach und nach findet die Realisierung statt. Bei dieser großen Angst und Verunsicherung ist eine psycho-onko- logische Begleitung unterstützend und sinnvoll. Wie sieht die Hilfe im Einzelnen aus? Bartsch: Das richtet sich nach dem, was die Frau braucht. Ich schaffe ei-

des Brustzentrums, und auch Dr. Claudius Fridrich, Chef- arzt der Frauenklinik, haben immer wieder geduldig und verständlich erläutert, wie die nächsten Schritte aussehen und haben sich – trotz Maske, Sicherheits- und Hygie- nevorschriften – sehr menschlich und fürsorglich um sie gekümmert. „Auch wenn ich sicher nicht alle medizinischen Informationen bis ins Detail verstanden habe, wurden doch meine Bedenken und Einwände ernst genommen und in Ruhe besprochen. Wir haben oft gemeinsam gelacht und konnten uns kennenlernen“, erinnert Antje Koehler sich. Die persönliche Ansprache und der entspannte Umgang miteinander seien befreiend gewesen. Auch ihr Mann wurde per Telefon mit einbezogen, das hat zusätzlich Vertrauen aufgebaut. Im Herbst 2020 war es dann soweit. Die Operation der Tumore stand an und wieder wurden die pandemiebeding- ten Maßnahmen verschärft. Jetzt hieß es: Allein stationär ins Krankenhaus. „Aber die Pflegenden und die Ärzte waren da und haben mich auch durch diese Zeit begleitet, dafür war ich so dankbar. Außerdem schaute eine Nachbarin, die in der Anästhesie-Pflege arbeitet, jeden Tag nach der Dienstzeit bei mir vorbei. Alle gaben mir Grund zur Hoffnung – und daran habe ich mich orientiert“, sagt Antje Koehler später über diese Phase ihres Lebens. Es habe ihr so gut getan, dass sich die Menschen vor Ort bei guten Nachrichten aufrich- tig für sie mitfreuten, bei Komplikationen mitfühlten und ihr immer wieder Mut zusprachen. Mal sei es ein Lächeln gewesen, mal eine tröstende Berührung oder ein aufmun- terndes Wort – all das habe dazu beigetragen, dass sie das Gefühl hatte, es werden nicht nur ihre kranken Anteile, sondern sie selbst, als ganzes „Ich“ gesehen. Das Mamma- karzinom ist heute in den Industriestaaten die mit Abstand

Leiterin | Kooperatives Brustzentrum Priv.-Doz. Dr. Verena Kirn Frauenklinik Tel 0221 7491-8289

senologie.kh-heiliggeist@cellitinnen.de www.die-frauenklinik.koeln Heilig Geist-Krankenhaus | Köln-Longerich

Vitamin K – Das Gesundheitsmagazin für Köln – Ausgabe 2.2021

Vitamin K – Das Gesundheitsmagazin für Köln – Ausgabe 2.2021

Made with FlippingBook - professional solution for displaying marketing and sales documents online