12_2017

Das wilde Heer tobt durch di Nacht

UmWeihnachten, Silvester und Dreikönigstag reichen sich in den Alpenländern Christentum und heidnische Gestalten die Hand. In Appenzell Innerrhoden wird das «Räuchlen» zur Besänftigung der Geister gepflegt. Weihrauch findet Absatz.

Die Zeit der Sonnwende hat die Men- schen schon immer beschäftigt. In vor- christlicher Zeit wurde die Winterson- nenwende als Geburt der Sonne gefeiert. In diesenTagen kämpfte das Licht mit der Finsternis, das Gute mit dem Bösen. Während der Raunächte, ursprünglich vom 21., später vom 24. Dezember bis zum 6. Januar, tobte gemäss Legende das wilde Heer mit Jagdrufen und Hun- degebell durch die Nacht, Frau Holle ging um, Orakel erlaubten den Blick in die Zukunft, und zauberisches Wirken war in diesen Tagen besonders macht- voll. Die Seelen der Verstorbenen, Schweine, Hasen und andere Tiere sol- len das wilde Heer begleitet haben. Frau Holle straft und schützt Frau Holle, auch Percht, Berchta oder Mittwinterfrau genannt, hatte ihren fes-

ten Platz im mitteleuropäischen Volks- glauben: als Muttergöttin, Berggöttin, als Hebamme in Leben undTod. Sie hü- tete das Spinnen und Weben, das Garn und das Korn. Sie wachte über die toten Seelen und holte die Seelen der Sterben- den zu sich.Vorwitzige und brutale Men- schen bestrafte sie, hilflosen Menschen, insbesondere Kindern und Frauen, ge- währte sie Schutz. Um die Percht auf ihrem Zug milde zu stimmen, stellte man ihr in den Raunächten weisse Spei- sen aufs Hausdach. Am Tag der Frau Holle, dem heutigen Dreikönigstag, endeten die Raunächte. Fleissige Spinnerinnen, so die Überlie- ferung, wurden mit goldenen Flachskno- ten belohnt, tüchtige Mägde fanden Münzen in den Eimern; Gierige und Ei- gennützige dagegen wurden bestraft. Im Wallis und in Graubünden berichten

Sagen von Seelenprozessionen, vom Nachtvolk, von der Nachtschar, dem Volkgang oder Gratzug, die einiges mit dem wilden Heer gemeinsam haben. Man hörte die Toten murmeln, flennen, beten und trommeln, vernahm aber auch wunderbare Musik. «Räuchlen» mit der Kupferpfanne Die christlicheTradition ging mit Beweih- räucherung gegen die Geister und damit auch gegen die alten Bräuche vor. Das Räuchern war früher im ganzen Alpen- raum üblich, ist heute aber nur noch in Rückzugsgebieten bekannt.Vreni Fässler aus Appenzell erinnert sich, wie sie als Kind vor derWeihnachtsbescherung hin- ter ihrem betenden Vater und der rau- chenden Kupferpfanne durch den Stall, um den Brunnen und durch das Haus gezogen war. Spannend für das Mäd-

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SCHWEIZER GEMEINDE 12 l 2017

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