12_2017

SAINT-NICOLAS

«An Saint-Nicolas fühle ich mich wirklich als Freiburgerin»

Saint-Nicolas ist der Schutzpatron von Freiburg. In keiner anderen Schweizer Stadt wird der Saint-Nicolas-Tag so feierlich begangen. Die Hauptakteure sind Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Zum Beispiel Nadia Bärlocher.

weils besonders angesprochen, weil ich bilingue bin und sowohl den französi- schen als auch den deutschsprachigen Teil verstehe. Wären Sie gerne selber Saint-Nicolas gewesen und hätten demVolk ins Gewissen geredet? Bärlocher: Saint-Nicolas kann man nicht werden, dazu wird man geboren (lacht). Er kommt jedes Jahr aus derTürkei und kehrt nach dem Umzug auch wieder dorthin zurück. Beeindruckend, wie gut Deutsch und Französisch er spricht… Und wie wird man Schmutzli? Bärlocher: Man muss sich im Saint-Nico- las-Komitee engagieren. Alle 3.-Klass- Gymnasiasten von St.Michael können in diesem Komitee mitmachen. Letztes Jahr waren wir rund dreissig. EinigeWo- chen vor dem Umzug wird ausgelost, wer als Schmutzli mitläuft, wer den Esel führt oder wer den Bischofsstab trägt. Bärlocher: Eigentlich nicht.Vor demUm- zug wird das ganze Gesicht bis zu den Ohrläppchen schwarz geschminkt, und man taucht immer tiefer in diese Rolle ein. Sobald sich der Umzug in Bewe- gung setzt, ist man Schmutzli, nicht mehr Schülerin. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen der Reak- tion der Kinder. Wir schlagen die Kinder natürlich nicht, aber unsere Rolle ist es schon, ihnenAngst einzujagen, damit sie im nächsten Jahr brav sind. Und man merkt, wie sie es sich zu Herzen nehmen. Dass sie daran denken, was sie im ver- gangenen Jahr nicht gut gemacht haben. Bärlocher: Die Komiteemitglieder schrei- ben zum Beispiel Einladungen oder fra- gen Altstadtgeschäfte für eine Spende an. Ausserdemmalen Schülerinnen und Schüler des Wahlfachs Bildnerisches Gestalten eine Saint-Nicolas-Karte. Das Motiv, das am meisten Stimmen erhält, War es schwierig, in die Rolle des strengen Schmutzli zu schlüpfen? Welche Aufgaben hat das Komitee in der Vorbereitung?

Nadia Bärlocher schlendert die enge Rue de Lausanne hinunter und zeigt auf die Fenster und Balkone der Altstadthäuser: «Überall standen Leute und schauten zu uns hinunter.» Die 18-jährige Gymnasi- astin spricht von der Saint-Nicolas-Feier. Es ist das wichtigste Fest in der zwei- sprachigen Stadt Freiburg, deren Schutz- patron der heilige Nikolaus ist, Bischof des antiken Myra. Das Fest, das ihm zu Ehren jedes Jahr am ersten Samstag im Dezember gefeiert wird, lockt mittler- weile rund 30000 Menschen an. Die Hauptakteure dieser Tradition sind die Schülerinnen und Schüler des Frei- burger Gymnasiums St.Michael. Sie stellen das Personal für den Umzug. So war Nadia Bärlocher 2016 eine von acht Schmutzlis, die mit Saint-Nicolas und seinem Esel durch dieAltstadtgassen bis zur Kathedrale zogen. Der Höhepunkt des Festes ist die kritische und humor- volle Rede (siehe Auszug links), die Saint-Nicolas, flankiert von seinen Schmutzlis, auf dem Balkon der Kathed- rale auf Deutsch und Französisch hält. Schweizer Gemeinde:Wie ist das, vor 30000 Menschen neben Saint-Nicolas auf der Kathedrale zu stehen? Nadia Bärlocher: Das ist gewaltig! Vor- her, während des Umzugs, war ich voll in meiner Rolle, ein bisschen wie in Trance. Als wir dann auf dem Balkon der Kathedrale standen und ich die vielen Menschen sah, begriff ich zum ersten Mal die Bedeutung und Reichweite die- serTradition. Ich fühlte mich als Teil einer Elite, die diese Tradition prägt und aus nächster Nähe erleben darf. Bärlocher: Ich habe vor lauter Eindrü- cken nicht die ganze Rede mitbekom- men. Aber ich habe sie anschliessend gelesen. Sie war wie immer pointiert und politisch, mit Bezügen zu unserer Stadt, aber auch zurWeltpolitik. Saint-Ni- colas regt uns an, Dinge zu hinterfragen, über uns und unsereTaten Rechenschaft abzulegen. Gleichzeitig steckt viel Hu- mor in seinen Reden. Ich fühle mich je- Was ging Ihnen während Saint- Nicolas‘ Rede durch den Kopf?

wird gedruckt, und jeder Schüler, jede Schülerin muss zwölf dieser Karten ver- kaufen. Der Erlös wird zugunsten be- nachteiligter Kinder in Freiburg gespen- det. Als Schmutzli muss man noch eine Rute basteln. Ansonsten stellt die Schule alles zur Verfügung. Die Hauptarbeit am Fest selber ist der Umzug. Aber das ist vor allem eine Belohnung. Im Umzug mitzulaufen, macht dieses Fest noch ma- gischer.Wobei ich schon auch den Druck gespürt habe, dieser langjährigenTradi- tion gerecht zu werden. Bärlocher: An Saint-Nicolas fühle ich mich wirklich als Freiburgerin. Ich fühle mich verbunden mit allen. Es ist ein Ge- meinschaftsgefühl, das ich sonst nicht habe. Als Schülerin des Kollegiums St.Michael bin ich fest in dieserTradition verankert. Seit über hundert Jahren or- ganisiert unser Gymnasium das Fest, und als dessen Schülerin fühle ich mich aufgerufen, diese Tradition weiterleben zu lassen und die Rolle von Saint-Nico- las in Erinnerung zu rufen. Was bedeutet Ihnen diese Freiburger Tradition?

Barbara Spycher

Infos: www.st-nikolaus.ch

Nadia Bärlocher vor der Freiburger Kathedrale.

Bild: Barbara Spycher

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SCHWEIZER GEMEINDE 12 l 2017

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