12_2017
CASTAGNATE
Köstlich duftende, heisse Marroni gehören imTessin zu den Herbstfesten.
Zubereitung der Marroni über dem offenen Feuer, die Frauen in derTracht. Bild: swissimages
Bild: bellinzonese-altoticino
Das «Brot der Armen» ist heute eine Delikatesse und gehört zum Fest
Die Kastanienfeste – die so genannten «castagnate» – gehören imTessin zum Herbst wie das Risotto zur Karnevals zeit. In etlichen Gemeinden finden diese Feste auf den Dorfplätzen statt. Die «Maronatt» rösten die Edelkastanien auf dem offenen Feuer. Die Pfannen hängen oft an Metallgestellen, um den Männern die Arbeit zu erleichtern. Da mit die Früchte nicht anbrennen, müs sen die Pfannen ständig geschüttelt werden. Die Castagne werden am liebs ten zusammen mit einemGlas Rotwein, einem Bier oder einer einheimische Gazzosa (Limonade) verspeist. Neben den Feuerstellen stehen die Marroni säckeweise. Und wer genau hinschaut, sieht, dass es sich in der Re gel um Importprodukte handelt, insbe sondere aus Italien, aber auch aus Frankreich und Portugal. Der Grund: Die inländischen Kastanien erfüllen in Be zug auf Grösse und Geschmack nicht die heute gültigen Qualitätskriterien. Daher greift man auf die süsseren und grösseren Importmaroni zurück, eine besondere Züchtung der Edelkastanie. Dazu kommt: In den letzten Jahren gab es im Tessin praktisch keine einheimi schen Früchte.Verantwortlich dafür war die Gallwespe. Dieser ursprünglich aus China stammende Schädling war im Jahr 2009 vom Piemont in die Süd
schweiz eingewandert und machte sich in den Kastanienbäumen breit. Auch SüdbündnerTäler und dasWallis waren betroffen. Die Wespe verursachte an den Ästen der Kastanienbäume so ge nannte Gallen, sprich Wucherungen. Die Pflanzen sterben nicht ab, aber ihre Produktivität und ihre Widerstandsfä higkeit werden stark gemindert. Verbessert hat sich die Situation dank einer Schlupfwespe namens «Torymus sinensis». Dieser Parasit wirkt wie ein Gegenmittel, da er die Larven in den Gallen abtötet und so die Ausbreitung der Gallwespe eindämmt. In Italien wurde er ausgesetzt. Von dort ist er ins Tessin eingewandert und hat als biolo gischer Gegenspieler der Gallwespe ganze Arbeit geleistet. Die Anzeichen einer Besserung in den Kastanienwäl dern sind deutlich sichtbar. Auf Stras sen und Wanderwegen liegen wieder die Früchte und stacheligen Fruchtbe cher der Edelkastanien, nachdem sie über Jahre praktisch verschwunden waren. Heute hat die Edelkastanie fast den Sta tus einer saisonalen Delikatesse. Fami lien und Kinder suchen die schönsten Exemplare imWald, danach werden sie zu Hause am Kamin gebraten. Eher in Vergessenheit geraten ist, dass diese Frucht einst ein Hauptnahrungsmittel
der Bevölkerung war – als «Brot der Ar men». Ursprünglich stammt die Edel kastanie aus Kleinasien. Die Römer verbreiteten sie dann in ihrem ganzen Herrschaftsgebiet, sogar bis nach Eng land. Seit dem 11. Jahrhundert breitete sie sich rasch weiter aus, vor allem in Gebieten, in denen wegen des Klimas oder derTopografie kein Getreide ange baut werden konnte. ImTessin besteht ein Fünftel der gesamten Waldfläche aus Edelkastanien. Der Kastanienkon sum nahm allerdings in demMasse ab, in dem es sich Menschen leisten konn ten, auch Brot, Reis und andere Grund nahrungsmittel zu kaufen. Der Bedeutungsverlust der Kastanie als Grundnahrungsmittel führte zwangs läufig auch zu einer Vernachlässigung der Kastanienhaine. Inzwischen fand aber ein Umdenken statt. In den letzten 25 Jahren wurden diese bewusst – mit Unterstützung des Kantons und häufig gemeinsam mit dem Fonds Landschaft Schweiz – wieder angelegt und ge pflegt, etwa im Malcantone. Neben landschaftlichen Aspekten verfolgen diese Projekte das Ziel, dereinst auch eine bessere Qualität der Traditions frucht zu ermöglichen.
Gerhard Lob
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COMUNE SVIZZERO 12 l 2017
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