Blickpunkt Schule 2 2026

fahren die Lernenden durch Quellengattungen wie ei nen verzweifelten Brief Magda Spiegels an den Frank- furter Bürgermeister oder Rezensionen, wie der Prozess des Ausgrenzens einsetzte und wie das Mitläufertum im Alltag ablief. Es wird deutlich, dass Kennzeichnun gen wie »verfolgt vom Nationalsozialismus« oft nicht die Tiefe der individuellen Tragik erfassen. An diesem Abend erleben die Schüler, was es bedeutet haben muss, wenn Spiegel 1941 ihre Wohnung in der Holzhau senstraße 16 unerwartet gekündigt wird und sie nur in verschiedene – damals als »Judenhäuser« diffamierte - Quartiere ausweichen kann. Das Fach Deutsch: Die Vielfalt der Textsorten und die dramaturgische Struktur – ein dialogischer Vortrag zweier Sprecher im Wechsel mit Musikaufnahmen und Vorspielen – schulen die Analysefähigkeit. Die authen tische Multiperspektivität ist zugleich interpretations bedürftig und interpretationswürdig. Ein Zitat aus Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster (»Das Vergan gene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen«) könnte als literarischer Leitfaden dienen, um die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart zu reflektieren. Das Fach Ethik: Durch die Gegenüberstellung von Magda Spiegels künstlerischem Glanz und ihrer spä teren schrittweisen Entrechtung werden moralische Fragen nach Verantwortung und Zivilcourage aufge worfen. Die Schülerinnen und Schüler erkennen am personalisierten Einzelschicksal, welche Rollen Täter und Opfer in der Gesellschaft spielen, wie die Vergan genheit ihre Gegenwart beeinflusst. Das vermittelt ih nen das fachübergreifend zu vermittelnde Ziel, den Wert der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (fdGO) vor dem Hintergrund ihres Gewordenseins und dem Schrecken ihrer Vorgeschichte zu verstehen und zu schätzen. Der außerschulische Lernort als Erfahrungsraum Die Wahl des »Depot« des Schauspiels Frankfurt als Auf führungsort ist außerordentlich passend für das Dokumen tarkonzert. Die in kaiserzeitlichem gelbem Backstein, »Greppiner Klinker«, 1900 erbaute, lichtarme Hauptwerk statthalle der Frankfurter Straßenbahn ist von der Gebäu defunktion her gekennzeichnet; schon die riesigen Tore zeugen von der mechanischen Kälte des Schienenverkehrs. Diese Atmosphäre lässt die weit in der Vergangenheit lie genden Ereignisse unmittelbar empfinden. In diesem Vorstellungsraum hören die Jugendlichen Adressen der vorübergehenden Wohnungen Spiegels in der Hansaallee, der Mainzer Landstraße oder in der Holzhau senstraße. Daran, wie auch an der wiederaufgebauten Alten Oper, der Wirkungsstätte von Magda Spiegel, führen die Schulwege vieler Schüler vorbei. Spuren der Deporta- → →

tion auch Magda Spiegels sind nah der Europäischen Zentralbank – wo sommers Sportunterricht im nahe gele genen Calisthenics-Park stattfindet – zu besichtigen. Dort berichten Gleise, ein Tunnel und in den Boden eingelassene Zitate von der Deportation. All diese Elemente schaffen einen Kontext für die knappen Vermerke auf Magda Spiegels Stolperstein vor ihrer Wohnung in der Holzhausenstraße. Für die Schüler verwandelt sich die Stadt Frankfurt so in einen begehbaren Raum der Erinnerungsarbeit. Plädoyer für eine lebendige Erinnerungskultur – Schule als Ort der Demokratiebildung Die Oper Frankfurt hat durch diese Vorstellung im Schul programm »JETZT! Junge Oper« eine emotional erfahr bare Erkenntnissituation ermöglicht, die die Nachhaltigkeit der schulischen Werte- und Demokratiebildung unter stützt. Die vorgetragene Musik, die vielfältigen Erzähltexte und dokumentarischen Wortlaute, die Gesten und Symbole ermöglichen es den Schülern, Geschichte nicht durch Geschichte, sondern durch dokumentierte »Geschichten« zu erfahren. Abschließend verklingen im Knistern einer Schellack platte Töne einer 1923 von Magda Spiegel gesungenen Arie aus Guiseppe Verdis Oper »Don Carlos« (1867). Angesichts der in der dunklen Halle verklingenden Töne wirft der Er zähler die Frage auf, was der Nachwelt von diesem Men schenleben bleibt. Das Dokumentarkonzert verleiht Magda Spiegels Stimme auch nach ihrem Verstummen und Pha sen des Vergessens eine eindringliche werte- und demo kratiebildende Präsenz. Eine Wiederholung oder Publikati on ist bislang leider nicht geplant. Informationen zum Schulprogramm der Oper Frankfurt, insbesondere für rabattierte Karten für Schüler im Klassen verband, Schülerworkshop und Lehrkräfteinformationen sind erhältlich unter opernprojekt@buehnen-frankfurt.de. Dr. Christian Kuhn | Klingerschule Frankfurt/Main, christian.kuhn2@schule.hessen.de

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Foto: privat

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