Blickpunkt Schule 2 2026
Wenn Unterricht innehält Werteerziehung als Grundlage gelingenden Lernens
Titelthema
Werte- und Demokratie bildung im schulischen Alltag – ein Praxisbeispiel Zum Schuljahr 2024/2025 hat der hessische Kultusminister Armin Schwarz das Thema ‘Werte- und Demokratiebildung’ ausdrücklich in den Fokus der schulischen Bildung gestellt. Viele Lehrkräfte fühlen sich durch diese Schwerpunktsetzung ge stärkt. Bereits seit einiger Zeit werden zahlreiche Projekte, Fortbildungen und Unterstützungsangebote seitens des Hessischen Ministeriums für Kul tus, Bildung und Chancen (HMKB), der Lehrkräfteakademie sowie durch außerschulische Kooperationspartner angeboten. Diese Initiativen sind ein wichtiger Baustein, um Schulen in ihrer Bildungs- und Erziehungsarbeit zu unterstützen. Als katholische Reli gionslehrerin war mir das Thema Werteerziehung jedoch schon immer ein zentrales Anliegen. In meinem schulischen Alltag habe ich christliche Werte nicht nur thematisiert, sondern vor allem versucht, sie vorzuleben. Aus meiner Sicht sind Projekte und spezielle Unterrichtsreihen wichtig, doch das tägliche Miteinander, das konsequente Vorleben von Werten durch Lehrkräfte, Eltern, Politik und Gesellschaft insgesamt, hat aus mei ner Sicht sogar einen noch höheren Stellenwert. Ein prägendes Erlebnis im Fachunterricht Wie wichtig dieses Thema ist, wurde mir in diesem Schuljahr in meiner Ar beit mit einer 6. Klasse wieder beson ders deutlich. Seit Beginn des Schul jahres unterrichte ich diese Klasse im Fach Musik. In einer Musikstunde kam es zu einer rassistischen Beleidigung gegenüber einem Mitschüler. Der be troffene Schüler war so verletzt, dass er in Tränen ausbrach. In diesem Mo ment war klar: Fachunterricht war
rum, ihnen bei ihren Problemen im Umgang miteinander zu helfen. Sie machten deutlich, dass sie Unterstüt zung benötigen und bereit sind, an sich und ihrer Klassengemeinschaft zu arbeiten. Seitdem nehme ich mir regelmäßig dreißig Minuten jeder Musikdoppelstunde Zeit, um gemein sam mit der Klasse über ihr soziales Miteinander zu sprechen. Wir thema tisieren Konflikte, reflektieren unser Verhalten, besprechen Regeln und su chen nach Wegen, den Umgang un tereinander zu verbessern. Damit wird Werte- und Demokratiebildung be wusst in den Fachunterricht integriert. Inhaltlich orientiere ich mich dabei am Lions-Quest-Programm, insbesonde re am Kapitel ‘Wir sind damit fertig, andere fertig zu machen’ . Die Schüle rinnen und Schüler entwickeln eigene Klassenregeln und reflektieren ge meinsam, welche positiven Verände rungen sich durch deren Einhaltung ergeben würden. Dieser Prozess stärkt soziale Kompetenzen, Selbstwirksam keit und demokratisches Denken. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Ar beit als Lehrkräfte ist aus meiner Sicht das Erleben von Wertschätzung. Kurz vor Weihnachten schrieben sich die Kinder dieser 6. Klasse gegenseitig Freundschaftstelegramme mit positi ven und ermutigenden Rückmeldun gen. Damit jede Schülerin und jeder Schüler ein solches Telegramm erhielt und sich die Lernenden auch darin schulen konnten, jemandem, dem man nicht so nahesteht, etwas Nettes zukommen zu lassen, schrieb jedes Kind jeweils zwei Telegramme, eines an den Vorgänger und eines an den Nachfolger in der alphabetischen Klassenliste. Auch ich beteiligte mich bewusst an dieser Aktion und schrieb jedem Kind ein persönliches Freund schaftstelegramm. Die Reaktionen Wertschätzung sichtbar machen
Foto: privat
Leonore Schagen
nicht mehr möglich, pädagogisches Handeln war zwingend erforderlich. Ich habe den Unterricht unterbrochen und der Klasse in einem etwa zehnmi nütigen Vortrag unmissverständlich erklärt, dass ich ein solches Verhalten nicht dulde. Ja, Vorträge mögen auf den ersten Blick eher ‘oldschool’ da herkommen, aber manchmal sind klare Statements, deutliche Ansagen mit eindeutigen Bekenntnissen sei tens der Lehrkraft auch sehr hilfreich, weil sie die Schülerinnen und Schüler erst einmal innehalten lassen, weil sie dann ganz bewusst merken: »Halt! Stopp! Hier gibt es eine Grenze, hier bietet mir jemand Contra – und aber auch Halt.« In solchen Momenten spielt für mich vor allem das Sichbe wusstmachen der ‘Goldenen Regel’ eine Rolle: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Diese Regel bildet für mich eine un verzichtbare Grundlage des Zusam menlebens. Ohne sie ist weder Ge meinschaft noch Lernen möglich, da her nehme ich sie in Momenten, in de nen das Miteinander in einer Klasse oder Gruppe problematisch ist, immer wieder besonders in den Fokus. Wenn Schülerinnen und Schüler Verantwortung einfordern Besonders bemerkenswert war die Reaktion der Klasse im Anschluss an diesen Vorfall. Die Schülerinnen und Schüler baten mich ausdrücklich da
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SCHULE 2|2026
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