Profil 7-8/2018

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IV. Aber was bedeutet das, wenn wir nicht das Falsche der Tradition wiederbeleben, vor allem die Stoffhu- berei, die auch zur Reform geführt hat, und wir uns dennoch an den guten Sinn der Tradition erinnern? Fächer als Schulfächer sind in dieser Tradition ausgezeichnet worden wegen und mit ihrer Bildungsfunktion, nicht aber unter dem Gesichtspunkt offensichtlicher Nützlichkeit für das Er- werbsleben und die private Lebensbewältigung. Die Kulturwerk- zeuge, die als Eroberung von Schrift, Zahl, Zeichen und Symbol verstanden wurden, werden in der Grundschule erworben. Da- nach ist man in die Welt der Dinge hoffentlich Neugier erhal- tend und stiftend eingeführt. Man besitzt die Kompetenzen, auf denen alles Komplexere aufbaut. Nach der ersten Fibel der Weltdinge geht es in der allgemeinbildenden Schule um die ver- tiefende Kenntnisnahme aller zentralen fachlich organisierten Wissensbereiche, die uns erlauben zu verstehen, was in der

finden, denn erst dann wird Lernen wirksam, eben als Kompe- tenz.

Kurzum: Wir haben die Schule zum Kompetenzzentrum zu machen, alles hat sich darauf auszurichten.

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Schulen haben Kompetenz-Karten zu schreiben, damit die Schulinspektion beim Besuch Reformgefolgschaft feststellen kann. Die Lehrbuchverlage mussten ihre Domäne schützen, in- dem sie schnell kompetenzorientierte Lehrwerke auf den Markt brachten. Wir haben in einer Studie solche Lehrwerke für den Politik-Unterricht analysiert. Die Schüler werden zwar unausge- setzt mit didaktischen Sonderformen beschäftigt, aber am Ende fragt sich der Beobachter, was sie gelernt haben könnten, jen- seits der Handhabung solcher Aktionsformen. Manche derjenigen, die von 2003 an lautstark das Neue propa- gierten, sind nun schweigsam geworden oder vorsichtig, wo-

Welt ist und von Menschen dabei geschaffen wurde. Das, was die ausgezeichneten Fächer hierzu bei- tragen können und wie sie dabei vorgehen, ist allen Schülern zugänglich zu machen. Die-

ses kann nicht in der Breite aller denk- möglichen Fächer vollzogen werden, weswegen die auszuwählen sind, die in unserem Verständnis geschichts- trächtig, gegenwartsbedeutend und zukunftssichernd sind. Was unver- zichtbar dazu gehört, was dagegen zwar wünschenswert ist, aber zu- gunsten der intensiven Behandlung des Ausgewählten zurückgenom- men werden soll, müsste wieder ver- antwortlich diskutiert werden. Hier- bei ist zu unterscheiden in die Fächer für alle, die der Allgemeinbildung bis zur Klasse 10, und den Differenzie- rungen und Schwerpunktsetzungen danach. Man sollte dabei weiter auf die bekannten Schulfächer setzen und nicht in Schlüsselprobleme aus- weichen. Denn nur so kann auf gesi- chertemWissen aufgebaut werden

»Bildender Unterricht wäre vor diesem Hin- tergrund vor allem ei- ner, der diese Dimen- sion so entfaltet, dass es zum substanziellen Verstehen kommt.«

und verhindert werden, dass das schulische Lernen modisch wech-

Foto: ra2 studio/AdobeStock

selnd und modernistisch mit allem, was an der Zeit ist, aber von der Welt nicht gelöst worden ist, belastet wird, nämlich so, als ob die Schule die Schlüsselprobleme der Welt lösen könnte. Zu vermeiden ist das, was ich kritisch ’Postulatepädagogik’ ge- nannt habe: Das Anhäufen von allemWünschenswertem auf dem Papier. (Wie die Lehrerbildungsreformen und die Kompe- tenzkataloge zeigen, sind Vertreter des Faches Meister in sol- cher Postulatepädagogik.) Zu erreichen wäre eine ganz anders realistische Pädagogik, nämlich eine solche, die sich darauf kon- zentriert, was Schule mit Aussicht auf Erfolg erreichen kann.

möglich auf demWeg des Widerrufes. Ihnen wird langsam be- wusst, welche fatalen Wirkungen eine in ihren Augen gute Idee nach sich zieht, die, wie ich zumindest anzudeuten versuchte, nie eine gute, sondern allein eine suggestive Idee war. Wer nicht zu bestimmen wusste, was er mit Kompetenz meint, darf sich nicht wundern, welche Blüten die Freilassung aus dem Ernst des Bildungsauftrages treiben lässt. Nun liest man immer ein- dringlicher. Wir müssen das Fachliche wieder stärken! Ich ver- misse bis heute eine rückhaltlose Selbstkritik der Reformer, ih- nen sind die Argumente längst ausgegangen, sie haben die De- fizite der Konzeption nicht beseitigen können. Es besteht mithin jeder Grund für eine Re-Revision. Sie kann nun nicht darin bestehen, dass man munter zu dem zurück- kehrt, was ja selbst wiederum nicht ohne Grund in Verruf gera- ten war: Die Ersetzung einer lehrbaren Form der Bildung durch das Auftürmen von Bildungspostulaten und -inhalten.

Möglich sollte sein, dass die Schüler zu jedem Fach fünferlei erarbeitend kennenlernen:

• die erschließungskräftigen Grundbegriffe, • die grundlegenden Fragen und Antworthorizonte, • die antreibenden Problemstellungen und Aufgaben,

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