Blickpunkt Schule 4 2026

Dennoch halte ich die Folgerung, KI müsse aus der Schule verbannt werden, für einen Fehlschluss. Denn schlechte Nutzung entsteht selten durch das Werkzeug selbst, sondern durch fehlende Anleitung im Umgang damit. Und an mancher Stelle müssen wir uns wohl auch ehrlich fragen, ob es noch zeitgemäß ist, dass Schüle rinnen und Schüler jede Aufgabe voll ständig selbst erledigen, oder ob nicht vielmehr die Aufgaben so weiterent wickelt werden sollten, dass sie auch in Zeiten von KI funktionieren. Dass diese Zeiten längst angebrochen sind, zeigt mir ein Blick in den eigenen Jahrgang. Wenn ich nachdenke, fallen mir kaum Mitschülerinnen und Mit schüler ein, die auf KI verzichten. Die Frage ist also gar nicht mehr, ob Schü lerinnen und Schüler mit KI arbeiten, sondern nur noch, ob ihnen jemand beibringt, es gut und verantwortungs voll zu tun. Das zeigt auch unsere 3. Hessische Schüler*innenbefragung aus dem zweiten Halbjahr des vergangenen Schuljahres. Darin haben wir die Schülerinnen und Schüler unter ande rem gefragt, wie oft sie KI nutzen. Achtzig Prozent gaben an, KI regel mäßig oder gelegentlich zu verwen den, etwa um sich Unterrichtsinhalte erklären zu lassen oder als Hilfestel lung bei den Hausaufgaben. Mehr als zwei Drittel wünschen sich zudem mehr Aufklärung über den richtigen Umgang mit KI in der Schule. Ein Blick über die Schule hinaus zeigt außerdem, worauf Schule ei gentlich vorbereiten soll. In modernen Unternehmen ist der Einsatz künst licher Intelligenz längst Alltag. Wer heute ins Berufsleben startet, wird mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Eine Schule, die nicht nur auf die nächste Klausur vorbereitet will, muss

ihren Schülerinnen und Schülern des halb auch den Umgang mit KI ver mitteln. Doch KI gehört meiner Meinung nach nicht nur in die Schule, weil sie zu einer spannenden und abwechs lungsreichen Unterrichtsgestaltung beiträgt und uns Schülerinnen und Schüler auf die spätere Arbeitsrealität vorbereitet. Sie kann auch helfen, Unterricht zu dem zu entwickeln, was er eigentlich sein sollte: ein Ort, an dem jede und jeder im eigenen Tempo, auf die eigene Art und mit den eigenen Stärken und Schwächen lernen darf. Unterricht muss viel personalisierter sein, als er es heute ist, und dabei kann KI an zwei Stellen ansetzen. Zum einen erwarten wir Schülerin nen und Schüler von unseren Lehr kräften nicht, dass sie die besten Grafikdesigner, die fleißigsten E-Mail- Beantworter oder die schnellsten For mularausfüller sind. Wir brauchen Lehrkräfte, die Zeit für uns haben. Zeit, uns Inhalte zu erklären, und Zeit, uns individuell zu fordern und zu för dern. Zu oft höre ich von meinen Lehr kräften, dass ihnen Aufgaben, die mehr Verwaltung als Pädagogik sind, genau diese Zeit rauben. Das kann die Reisekostenabrechnung der Klassen fahrt sein oder der hundertste Eltern brief für eine Exkursion. Überlegen Sie selbst einmal, welche organisatori schen Aufgaben Sie regelmäßig von Ihrer eigentlichen Arbeit abhalten. Genau hier sehe ich großes Potenzial. Vieles davon kann eine KI heute in Se kunden erledigen oder zumindest so weit vorbereiten, dass nur noch ein prüfender Blick nötig ist. Jede Stunde, die eine Lehrkraft nicht mit Formula ren verbringt, ist eine Stunde, die bei uns Schülerinnen und Schülern an kommen kann. KI kann daher nicht einfach nur Lehrkräfte entlasten, son

dern ihnen mehr Zeit für ihre eigent lichen Kernaufgaben geben. Zum anderen brauchen wir mehr Raum für individuelles und personali siertes Lernen, und genau das wird durch KI erstmals im Schulalltag rea listisch. Ein Arbeitsblatt für dreißig Schülerinnen und Schüler bedeutet zwangsläufig, dass es für die einen zu leicht und für die anderen zu schwer ist. Ich habe das Gefühl, dass echte Differenzierung bisher oft daran ge scheitert ist, dass es aus zeitlichen Gründen schlicht nicht möglich war. Doch mithilfe von KI lassen sich Übungsaufgaben in verschiedenen Schwierigkeitsgraden generieren oder zusätzliche Beispiele zu genau dem Teilschritt erstellen, an dem jemand hängt. Wer schneller ist, bekommt Vertiefung statt Leerlauf. Und wer mehr Übung braucht, bekommt sie, ohne sich dafür rechtfertigen zu müs sen. Die Lehrkraft wird dadurch nicht ersetzt. Im Gegenteil, sie gewinnt die Freiheit, dort gezielt zu unterstützen, wo ein Mensch durch nichts zu erset zen ist, nämlich beim Motivieren, beim Begleiten und beim Erkennen, warum jemand gerade nicht weiterkommt. Mein Mathelehrer hat an jenem Frei tag in der sechsten Stunde nichts Re volutionäres getan. Er hat einfach et was Neues ausprobiert. Genau darum möchte ich auch Sie bitten. Probieren Sie es einfach einmal in einer Stunde oder in einem Fach aus, indem Sie sich von einer KI ein Arbeitsblatt differen zieren oder den nächsten Elternbrief vorformulieren lassen. Vielleicht funk tioniert es nicht beim ersten Mal. Aber das Gesetz der großen Zahlen lehrt uns ja, dass es auf den einzelnen Wurf nicht ankommt, sondern auf die vielen danach. Wir Schülerinnen und Schüler würfeln gerne mit. Laurenz Spies | Landesschulsprecher Hessen

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SCHULE 4|2026

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