Blickpunkt Schule 4 2026

Urteilskraft statt Tooltraining Mit dem SAM-Modell zur intellektuellen Souveränität im KI-Zeitalter

Titelthema

KERNTHESE

DIE AUTOREN

Holger Horz ist Professor der Pädagogischen Psychologie und geschäftsführender Direktor der Akademie für Bildungswissen schaft und Lehrkräftebildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er forscht seit Mitte der 90er insbesondere zum Thema Digital Education. Pauline Czora ist Doktorandin der Pädagogischen Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie forscht zur KI- Readiness von Lehrkräften. Zuvor studierte sie Lehramt für Englisch

Schule in der VUCA-Welt Künstliche Intelligenz ist für Schule nicht einfach das nächste digitale Werkzeug. Sie verändert die Grundbedin gung schulischer Bildung. Informationen, Formulierungen, Zusammenfassungen, Übersetzungen, Aufgabenvarianten und ganze Argumentationen sind in Sekunden verfügbar. Knapp wird damit nicht mehr der Zugang zu Wissen, son dern die Fähigkeit, Wissen zu prüfen, einzuordnen und ver antwortet zu verwenden. Genau darin liegt die eigentliche pädagogische Herausforderung. KI verändert deshalb nicht nur die Frage, welche digi- talen Werkzeuge im Unterricht erlaubt sind. Sie berührt Hausaufgaben, Prüfungen, Rückmeldungen, Elternkom munikation und Schulentwicklung. Viele Kollegien schwan ken derzeit zwischen Neugier und Sorge. Beides ist nach vollziehbar. Hilfreicher als eine Grundsatzentscheidung für Künstliche Intelligenz verschiebt das Bildungspro blem von der Informationsbeschaffung zur urteils fähigen, selbstregulierten Nutzung. Schule muss deshalb KI nicht nur regulieren, sondern Selbstregu lation, Ambiguitätstoleranz und Methodenkom petenz systematisch aufbauen – und zwar so, dass alle Lernenden die Kooperation mit KI führen kön nen, statt von ihr geführt zu werden.

und Biologie und sammelte bereits während des Studiums umfangreiche Praxiserfahrung an Schulen.

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Warum AI Readiness zeitstabiler ist als Kompetenzlisten Kompetenzforschung gerät hier unter Druck: Kompetenz modelle, Curricula und Fort bildungsprogramme benöti gen Zeit, um Begriffe zu klä ren, Anforderungen zu be schreiben, Materialien zu entwickeln, Standards abzu stimmen und Evaluationen durchzuführen. KI entwickelt sich schneller. Neue Modelle, multimodale Funktionen und Agenten verändern Kom petenzanforderungen schneller, als Kompetenz kataloge stabilisiert werden können. KI-Kompetenz wird so zum Moving Target. KI-Kompetenzen sind dennoch nicht überflüssig. Der europäische AI Act, die KMK-Handlungsempfehlung, das OECD/EC AI Literacy Framework und das UNESCO-Kom petenzrahmenwerk für Lehrkräfte zeigen zu Recht, dass sie zur institutionellen Aufgabe werden. Kurzsichtig wäre je doch, Schule auf eine ständig wachsende Liste von Prompt Techniken, Toolnamen oder Bedienroutinen zu verpflichten: Wer heute nur das aktuelle Werkzeug trainiert, unterrichtet morgen womöglich Technikgeschichte [ s. Abbildung 1] . Sammelbegriff für Wissen, Fertigkeiten und Haltungen im Umgang mit KI. Hilfreich für Curricula und Gover nance; begrenzt, wenn daraus rasch veraltende Listen konkreter Anforde rungen werden. Infobox: KI-Kompetenzen| AI Literacy

oder gegen KI ist jedoch die Frage, welche Formen von Selbstständigkeit und Urteils kraft Schule künftig gezielt fördern muss. VUCA bezeichnet eine Um welt mit schnellen Verände rungen und begrenzt vorher sehbaren Folgen. Das Kürzel steht für Volatilität, Unsicher heit, Komplexität und Ambi guität: Volatilität meint sprunghafte Veränderungen,

Infobox: VUCA-Welt VUCA steht für Volatilität, Unsi cherheit, Komplexität (Comple xity) und Ambiguität. Für Schule heißt das: Technik, Recht, Unter richt und Prüfungsrisiken ver ändern sich durch KI gleichzeitig und zunehmend schneller. Ge fragt ist Orientierung unter Un sicherheit.

Unsicherheit begrenzte Vorhersagbarkeit, Komplexität das gleichzeitige Wirken technischer, rechtlicher, sozialer und pädagogischer Faktoren, Ambiguität mehrere plausible Deutungen derselben Situation. Für Schulen ist dies Alltag und kein Management-Schlagwort: Ein neues KI-Modell kann binnen Wochen Unterrichtsaufgaben, Recherchewege und Täuschungsmöglichkeiten verändern. Deshalb genügt es nicht, einzelne Tools zu beherrschen; entscheidend ist, unter beschleunigter Unsicherheit urteilsfähig zu bleiben.

SCHULE 4|2026

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