Blickpunkt Schule 5/2022

diglich mitgemeint, erweist sich als reine Polemik.« 10 Um zu einem zweiten zentralen Punkt zu kommen (wie gesagt, unter vielen weiteren Problemen, die die Gendersprache mit sich bringt): Was soll an einer Sprache ’gerechter’ sein, wenn es plötzlich keine Ärzte, Polizis ten oder Touristen mehr gibt, sondern nur noch »Ärzt*innen«, »Polizist*in nen« oder »Tourist*innen«? Die männlichen Formen sind verschwun den, es gibt keine Ärzte, Polizisten oder Touristen mehr, sie sind beim Le sen bestenfalls noch anhand des Sternchens angedeutet und somit ’mitzudenken’ – beim Aussprechen werden sie, wenn überhaupt noch, nur durch eine Pause von einer Milli sekunde vor dem angehängten »-in nen« angedeutet. Der semantische Unterschied beispielsweise zwischen »Kolleginnen« und »Kolleg*innen«, der ja durchaus nicht unerheblich ist, wird jetzt also akustisch lediglich durch eine winzige Sprechpause mit ten imWort abgebildet. Kann das wirklich wahr sein? Soll so allen Erns tes unsere Kommunikation funktio nieren? Auch wenn die Vertreter dieser Sprachregelung lapidar bemerken, das sei kein großes Problem und letzt lich nur eine Sache der Gewöhnung, so bleibt doch nüchtern betrachtet festzustellen, dass auf diese Weise quasi über Nacht aus Ärzten und Pa tienten faktisch nunmehr Ärztinnen und Patientinnen geworden sind – das generische Maskulinum ist fak tisch durch das »generische Femini num« ersetzt worden. Was daran ’ge rechter’ sein soll, erschließt sich mir leider nicht. Die Protagonisten des Genderns schrecken nicht einmal vor solch völlig unsinnigen Konstruktio nen wie »Französ*innen« oder »Jüd*innen« zurück. Letzteres hat Ellen Presser, die Leiterin des Kultur zentrums der Israelitischen Kultusge meinde München und Oberbayern, unlängst in der Jüdischen Allgemei nen 11 zu der Aufforderung veranlasst, mit »Jüd*innen und anderem Gen derstuss« aufzuhören. Und der Zen tralrat der Juden wendet sich gegen

die dem Genderwörterbuch allen Ernstes entsprungene alternative For mulierung »Mitbürger*innen jüdi schen Glaubens« (nur um den »männlichen« Begriff »Jude« zu ver meiden). Denn ein Jude sei eben längst nicht dasselbe wie ein »Mitbür ger jüdischen Glaubens«. 12 Aber was ficht das schon die Genderaktivisten an? Sprachliche Exaktheit und se mantische Genauigkeit sind offenbar Kategorien von gestern. Wie ist es an ders zu erklären, dass in den ’Leitfä den für eine geschlechtergerechte Sprache’ aus Radfahrern »Radfahren de« werden, aus Zuschauern »Zu schauende«, aus Mitarbeitern »Mitar beitende«, aus Bewerbern »Bewer bende«, aus Gastarbeitern »Gastar beitende« – und das ist nur ein klei ner Auszug aus dem Gruselkabinett des ’Genderwörterbuchs’ – und das alles nur, um das Maskulinum zu ver meiden, das böse, ungerechte, alle anderen Geschlechter exkludierende, diskriminierende Maskulinum, das es mit allen Mitteln auszumerzen gilt, ei nem Kreuzzuge gleich. So etwas als ’natürlichen’ Sprachwandel zu be zeichnen, grenzt geradezu an puren Zynismus. Ich erinnere mich noch an einen Tag im Mai letzten Jahres, als es auf der an meiner Schule benutzten Lern plattform ’Teams’ plötzlich keine »Schüler« mehr gab: Sie heißen seit dem »Lernende«. Nur damit das Mas kulinum in »Schüler« getilgt war – zu »Schüler*innen« konnten sich die »Programmierenden«, pardon, Pro grammierer*innen dann wohl (noch) nicht durchringen. Aber dass ein Schüler noch lange nicht automatisch ein »Lernender« ist, davon können wir uns alle in unserer täglichen Arbeit überzeugen! Der Begriff »Lernender« ist somit ein irreführender, ein falscher Begriff, ebenso wie ein Radfahrer nicht dasselbe ist wie ein »Radfahren der«. Hat zum Beispiel schon jemand einen »toten Radfahrenden« gese hen? Aber das ist alles völlig egal, es spielt keine Rolle mehr – Hauptsache weg mit dem verpönten Maskulinum! Selbst einfachste, ehemals unver fängliche Sätze wie »Forscher suchen

nach einem Impfstoff« werden zum ideologischen Schaulaufen, je nach dem, ob man »Forscher« sagt oder »Forscher*innen«, »Forscherinnen und Forscher« oder auch »Forschen de«. Für ein und denselben, eigentlich ganz klaren und unverfänglichen Sachverhalt gibt es mittlerweile min destens diese vier unterschiedlichen Varianten, die allenthalben unter an derem in den Medien zu hören und zu lesen sind. Der Sprecher (pardon, »die sprechende Person«) offenbart allein durch die Art und Weise, wie er (sie) diesen simplen Satz ausspricht, seine Geisteshaltung. Wer »Forscher*in nen« sagt, ist fortschrittlich, will glei ches Recht für alle Menschen, ist mo dern und aufgeklärt, ist auf der Höhe der Zeit. Wer »Forscherinnen und For scher« sagt, hat zumindest den Geist der Zeit mitbekommen. Wer »For schende« sagt, ist offenbar jemand, der es sich mit niemanden verscher zen will (was aber auch nur im Plural klappt, denn im Singular stellt sich die Genus Frage dann doch wieder: Ist es der/die Forschende/r? Oder der*die Forschende*r?). Wer aber am altmo dischen Begriff »Forscher« festhält, ist reaktionär bis ’rechts’, fürchtet um seine Privilegien als Mann, ist eh zu alt, um noch mitreden zu können, gilt als Auslaufmodell. Solches und der gleichen mehr bekommt man allen Ernstes immer mal wieder zu hören, wenn man das Gendern kritisiert. Sprache ist ein hohes Kulturgut. Sprache ist nicht etwas, das man ein fach so wechseln kann wie die Unter wäsche. Die Strukturen einer Sprache sind über Jahrhunderte gewachsen (natürlich unter stetigemWandel). Sie ist Teil unserer Identität. Sie bildet die Basis von Kommunikation und Verständigung. Diese Basis aber erodiert, wenn man gezielt in Sprache eingreift, Grammatik auf den Kopf stellt und gemäß der eigenen ideologischen Weltsicht neue Regeln einführt. Die ’geschlechtergerechte’ Sprache ist angetreten mit dem Anspruch und Ziel, dass sich alle Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Reli gion etc. »angesprochen fühlen«,

Klartext

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