32
Fortbildung aktuell - Das Journal
Nr. 2/2011 der Apothekerkammer Westfalen-Lippe
F rtbildung aktuell – Das Journal
Nr. 1/2014 der Apoth kerkammer Westfalen-Lippe 32
– as
r al
de Apothek k mmer Westfalen-Lippe
Der Chemie(un)fall in der Apotheke
gehalt regelmäßig überprüft werden.
Das 2,4-Dinitrophenylhydrazin diente
dem Nachweis von Carbonylgruppen über
die Bildung scharf schmelzender Hydrazo-
ne.
Die bitter schmeckende (pikros = bitter),
stark saure (pKa = 1,02) Pikrinsäure
32
,
der „Sprengstoff im Apothekerschrank“
(die Presse berichtete) dient der Herstel-
lung gut kristallisierender, schwer lös-
licher und scharf schmelzender Pikrate
(Pikratschmelzpunkte).
Als Monographie im Arzneibuch findet
sich außerdem das topische Akne-Thera-
peutikum (Di-)benzoylperoxid (Wasser-
haltiges Benzoylperoxid), ein organisches
Peroxid. Die USP und auch die Ph. Eur. be-
schreiben Explosionsgefahr bei Tempera-
turen > 60 °C.
34
Die Substanz wird daher
zur Verwendung in pharmazeutischen
Zubereitungen mit 25 % Wasser ebenfalls
phlegmatisiert.
Referenzen & Literatur
1
Festschrift 100 Jahre WDT,
/
files/100_Jahre_WDT.pdf?PHPSESSID_netsh7021
9=51a31a8e0189cdb876e1f5d67bd3a35b, 2004,
S. 41.
2
J. Ziegler, Cresylsäureunfall in Hildesheimer
Apotheke, Berlin, 24.09.2013,
.
deutsche-apotheker-zeitung.de/spektrum/
news/2013/09/24/cresylsaeureunfall-in-hildes-
heimer-apotheke/11086.html, letzter Abruf:
09.03.2015.
3
A. Schmidt, Apotheke entsorgt Altbestän-
de, Memmingen, 04.05.2012,
deutsche-apotheker-zeitung.de/spektrum/
news/2012/05/04/apotheke-entsorgt-altbestaen-
de/7161.html, letzter Abruf: 09.03.2015.
4
DAZ.online, Memmingen, 02.02.2015 Bewäh-
rungsstrafe im Memminger Giftalarm-Prozess,
letzter Abruf: 04.05.2012.
5
J.
Hähndel,
Deutschland
in
der
Pikrinsaurehysterie – oder: Stenkelfeld ist
uberall, CHEMKON, 15 (2008) 194-195.
6
M. Kleinrensing, ABC-Alarm in Hagener Apo-
theke, 27.09.2012,
/
staedte/hagen/abc-alarm-in-hagener-apotheke-
id7140305.html – plx1760120190, letzter Abruf:
10.03.2015.
7
Hedinger,
Kaliumaluminiumsulfat,
Sicher-
Sicherheitshinweis
Sollte die Pikrinsäure kristallisiert sein,
wird folgende Vorgehensweise emp-
fohlen:
33
Kristallisierte Pikrinsäure in Behält-
nissen aus Glas oder Kunststoff soll
zunächst vorsichtig kopfüber in den
Abzug gestellt werden und mit einer
Pipette Wasser in den Gewindebereich
getröpfelt werden, um sicherzustellen,
dass eventuelle Pikrinsäurereste im
Gewinde feucht sind. Das Gefäß soll
mindestens über Nacht stehengelassen
werden, damit das Wasser das Gewin-
de durchfeuchten kann. Anschließend
kann es geöffnet, das Gewinde und
der Verschluss sorgfältig gereinigt,
die Masse der Pikrinsäure durch Dif-
ferenzwägung ermittelt und Wasser
entsprechend 33 % der Masse ergänzt
werden.
Phlegmatisierte Substanzen dürfen vor
ihrer Verwendung keinesfalls im Tro-
ckenschrank getrocknet werden!
Fazit
Der alltägliche Umgang mit gefähr-
lichen Stoffen, sei es im Schul-, Hoch-
schul- oder Apothekenlabor, birgt
grundsätzlich Gefahren. Es kann sich
immer etwas Unvorhergesehenes er-
eignen. Zwar wird der Umgang mit den
unterschiedlichsten Stoffen im Labor-
und Apothekenalltag durch eine Viel-
zahl von Gesetzen, Vorschriften und
Richtlinien genau geregelt. In erster
Linie tragen aber eine solide fachliche
Qualifikation verbunden mit gründ-
lichen Kenntnissen der Substanzeigen-
schaften dazu bei, das Gefahrenpo-
tenzial beim Umgang, der Lagerung,
dem Transport und der Entsorgung
einzuschätzen und nicht zuletzt ent-
sprechende spezifische Maßnahmen
bei unbeabsichtigter Stofffreisetzung
zu ergreifen. In den seltensten Fällen
wird es daher notwendig sein, beim
Umgang mit den üblicherweise kleinen
Mengen gefährlicher Stoffe im Labor
etwa einen Großeinsatz diverser Ret-
tungskräfte auszulösen. Stets gilt es,
die Ruhe zu bewahren und besonnen
zu handeln. Durch geeignete stoffspe-
zifische (Art?, Menge?) Maßnahmen
dürften sich – wie an einigen Beispielen
aufgezeigt – die meisten „Chemie(un)
fälle“, in der Apotheke sicher beherr-
schen oder im Vorfeld vermeiden las-
sen.
Entsorgungshinweis
Bezüglich des Dibenzoylperoxid gilt,
dass einmal verwendete Substanz nicht
mehr ins Gefäß zurückgegeben wer-
den darf. Man zerstört Restmengen
mit verdünnter Natronlauge (10 %ig)
und überprüft mit einigen Kristallen
Natriumiodid nach Ansäuern mit ver-
dünnter Salzsäure (7,3 %ig). Es darf
kein Iod mehr freigesetzt werden.
34
Abbildung 17:
Strukturen zu phlegmati-
sierender Substanzen.
Abbildung 18:
Zum Teil ältere, zu phleg-
matisierende Reagenzien.