Blickpunkt Schule 3 2026
stützt erfolgen. Bewertung hingegen bleibt ein komplexer Abwägungspro zess, der Fachlichkeit, Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein erfor dert. Die Perspektive der Lehr kräfte: zwischen Anspruch und Belastung Lehrkräfte bewerten täglich. Leis tungsbewertung ist kein Zusatz, son dern permanenter Bestandteil des Unterrichts. Zunehmende Erwartun gen an individuelle Rückmeldungen, an Integration neuer Prüfungsforma te, rechtliche Belastbarkeit der Be wertung, Anforderungen an Trans parenz und Nachvollziehbarkeit bei wachsender Heterogenität der Lern gruppen erhöhen die Ansprüche an das, was Lehrkräfte leisten sollen. Wir Lehrkräfte brauchen dafür sowohl klare Orientierungsnormen als auch Gestaltungsspielräume und vor allem gute Rahmenbedingungen, um Leis tungsbewertung verantwortungsvoll gewährleisten zu können. Bezugsnormen: Maß- stäbe entscheiden über Sinn – und Aufwand Wie Leistungen bewertet werden, hängt entscheidend von den Bezugs normen, von der sozialen (Vergleich), individuellen (Lernfortschritt) und kri terialen Bezugsnorm (fachliche Anfor
derungen) ab. Die soziale Bezugsnorm ist vergleichsweise einfach handhab bar, beantwortet aber nicht die Frage nach der Erfüllung der fachlichen An forderungen. Die individuelle Bezugs norm ist pädagogisch wertvoll, führt jedoch zu hohem Aufwand durch dif ferenzierte Beobachtung und Rück meldung und vernachlässigt die fach liche Ausrichtung. Die kriteriale Be zugsnorm sichert die Fachlichkeit der Leistungsbewertung bei klaren Erwar tungshorizonten und ermöglicht effi ziente Korrekturprozesse. Eine profes sionelle Leistungsbewertung sollte aus meiner Sicht zwei Perspektiven verbinden, nämlich schwerpunkt mäßig die kriteriale, »Was wurde fach lich erreicht?«, und immer wieder auch die individuelle, »Welche Entwicklung ist sichtbar?«. Diese Balance ist päda gogisch notwendig – aber sie muss im Rahmen des Machbaren bleiben und sollte mit einer klaren Prioritätenset zung erfolgen: Die kriteriale Bezugs norm bildet das Fundament, die indivi duelle Perspektive ergänzt sie gezielt. ‘Weiterentwicklung der Prüfungskultur’ Eine reflektierte Auseinandersetzung um eine ‘Weiterentwicklung der Prü fungskultur’ hin zu einer stärkeren Vielfalt der Formate und zu einer stär keren Prozessorientierung, auch mit digitalen Möglichkeiten, wird uns zu Recht abverlangt. Insbesondere unter
aktuellen Bedingungen ist dabei mit zu bedenken: Jede gewünschte zusätzli che Differenzierung verursacht auch Mehraufwand. Neue Prüfungsformate können klassische Formate ergänzen, sollten sie aber nicht beliebig vermeh ren. Rückmeldeformate müssen prak tikabel und an der kriterialen Bezugs norm orientiert bleiben. Ziffernnoten behalten ihre Funktion als effizientes und verständliches Instrument. Konsequenzen für Bildungspolitik und Praxis Schulische Leistungsbewertung soll fachlich fundierte, transparente und von Lehrkräften verantwortete Rück meldung über Bildungsprozesse, Fachwissen und Kompetenzstände der Schülerinnen und Schüler geben. Aus Sicht der Lehrkräfte ergeben sich daraus Forderungen an die Politik: Vertrauen in unsere professionelle Urteilskraft tut Not auf der Basis von klaren, verbindlichen Kriterien statt übergroßer bürokratischer Detail steuerung, realistische Erwartungen an Rückmeldeformate müssen ge meinsam sorgsam reflektiert werden – und wir brauchen angemessene Zeitressourcen für professionelle Be wertungsprozesse, gerade auch beim Abitur. Leistungsbewertung braucht um unserer Schülerinnen und Schüler willen Qualität – und Qualität bedarf guter Arbeitsbedingungen für uns Lehrkräfte.
Titelthema
10
SCHULE 3|2026
Foto: mpix-foto|AdobeStock
Made with FlippingBook - professional solution for displaying marketing and sales documents online