Blickpunkt Schule 3 2026

reichend betreut und verpflegt, während man ihre Arbeitskraft aus beutete. Viele wurden außerdem Opfer von Zwangssterilisationen. Der Kriegsbeginn stellte einen weiteren Einschnitt auf dem Kalmen- hof dar. Bereits ab Oktober 1939 erhöhte sich die Zahl der Todesfälle erheblich. Im Zuge der ‘Aktion T4’ erhielt der Kalmenhof die Funktion einer ‘Zwi schenanstalt’ für die Tötungsanstalt Hadamar. In dieser ‘Zwischenanstalt’ wurden die zur Ermordung bestimm ten Patientinnen und Patienten ge sammelt. Zwischen Januar und Juli 1941 deportierten die Verantwort lichen über 730 Personen von und über Idstein nach Hadamar, wo sie in der Gaskammer der Tötungsanstalt ermordet wurden. 2 Um den Jahreswechsel 1941/ 1942 herum entstand auf dem Kalmenhof eine ‘Kinderfachabteilung’. Diese ‘Fachabteilungen’, also Tatorte der reichsweit durchgeführten ‘Kinder euthanasie’, gab es in über dreißig Anstalten und Kliniken im Deutschen Reich. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte töteten dort über 5000 Kinder und Jugendliche, die als behindert stig matisiert wurden. 3 Im Kalmenhof war die ‘Kinderfachabteilung’ im Kranken hausgebäude der Anstalt unterge bracht. Tatsächlich mordeten die Ärztin Mathilde Weber, der Arzt Hermann Wesse und die Kranken schwestern Maria Müller, Frieda Wind müller und Änne Wrona auch eigen mächtig – außerhalb der ‘Kinder- euthanasie’ – im Rahmen der soge nannten dezentralen ‘Euthanasie’. Insgesamt tötete das medizinische Personal bis Kriegsende über 700 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Spritzen, überdosierten Medika menten sowie mittels unterlassener medizinischer Hilfeleistung und Nahrungsentzug. Die Leichen der Ermordeten wurden zunächst in der nahegelegenen Lei chenhalle ‘gelagert’ und anschließend bestattet. Dafür nutzte die Anstalt zuerst den städtischen Friedhof, dann den in Beschlag genommenen jüdi

schen Friedhof. Letztlich errichtete man auf dem anstaltseigenen Acker ein Gräberfeld – so konnte man den Umfang des Mordens leichter ver schleiern. Nach der Befreiung durch die Ame rikaner im Frühjahr 1945 wurden die Täterinnen und Täter verhaftet und angeklagt. Einige mussten sich 1947 vor Gericht verantworten. Die mit den Urteilen beschlossenen Strafen fielen größtenteils gering aus. In vielen Fällen erfolgten später Begnadigungen, die nicht zuletzt auch aus Initiativen aus der Idsteiner Bevölkerung hervorgin gen. Der Kalmenhof wurde nach Kriegs ende als Behinderten- und Jugend hilfe-Einrichtung vom späteren Lan deswohlfahrtsverband Hessen (LWV) weitergeführt. Die Verbrechen und Vorkommnisse aus den Jahren 1933 bis 1945 wurden lange Zeit aktiv ver drängt und geleugnet. Den Anstoß zur Aufarbeitung der Geschichte und zur Erinnerung an die Opfer der ‘Eutha nasie’-Verbrechen auf dem Kalmen hof gab eine regionale Jugendinitia tive in den 1980er-Jahren. In diesem Jahrzehnt wurde nach ersten For schungen 4 eine Gedenklandschaft mit Mahnmal auf der Gräberfläche errich tet und eine Ausstellung zur Ge schichte des Kalmenhofs realisiert. Eine kleine, 2024 überarbeitete Ver sion der Ausstellung steht im Verwal tungsgebäude des Kalmenhofs – heute Vitos Teilhabe gGmbH – und klärt dort über die Verbrechen wäh rend der Zeit des Nationalsozialismus auf. Nachdem 2016 das ehemalige Krankenhausgebäude veräußert wer den sollte, kam es zu Protesten. Es formierte sich bürgerschaftliches Engagement, das dort die Einrichtung eines Gedenkortes und aktive Gedenk- und Bildungsarbeit forderte. Dem folgte ein intensiver Auseinanderset zungsprozess, begleitet von neuen Forschungen, die ein umfassenderes Bild der Geschichte des Kalmenhofs ermöglichten. 5 Das Projekt ‘Gedenk- und Lernort Kalmenhof’, welches im Auftrag des Landeswohlfahrtsver bandes Hessen von der Gedenkstätte

ADRESSE

Gedenk- und Lernort Kalmenhof Auf dem Gelände der Vitos Teil habe gGmbH Veitenmühlweg 10 | 65510 Idstein Ein Gedenkort der Gedenkstätte Hadamar Mönchberg 11 | 65589 Hadamar Telefon: +49 (0) 6433 91845 – 01

Historisch-politische Lernorte

E-Mail: gedenkort-lernort- kalmenhof@lwv-hessen.de

Website: https:// www.gedenk-und- lernort-kalmenhof. de

Hadamar betreut wird, stand als Ergebnis am Ende dieses Prozesses. Ein neuer Gedenkort entsteht Der Gedenk- und Lernort Kalmenhof wird in den nächsten Jahren baulich weiterentwickelt. Zwei Ausstellungen sollen dabei die historischen Orte des Krankenhausgebäudes, der Leichen halle und der Gedenklandschaft er läutern, geschichtlich einordnen und partizipative Zugänge bieten. Die Ge schichte des Kalmenhofs bietet eine einzigartige Grundlage, um über die Dimensionen der nationalsozialisti schen ‘Euthanasie’ und die Nachwir kungen der Verbrechen zu sprechen. Bundesweit gibt es beispielsweise we nig Gedenkorte, die den Verbrechens komplex der ‘Kindereuthanasie’ am authentischen Ort vermitteln können und die gleichsam eindrücklich zei gen, dass die Verbrechen des Natio nalsozialismus nicht weit entfernt, sondern wortwörtlich »direkt vor der Haustür« stattfanden. Lernen am historischen Ort Bereits jetzt versteht sich der Gedenk- und Lernort Kalmenhof als eine Stätte der historisch-politischen Bildung und verfügt über vielfältige Angebote. >>

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