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SCHWEIZER GEMEINDE 1 l 2015

7

AKTUELL

«Die Richtung stimmt»

Auf kommunaler Ebene hat die Energiezukunft schon lange begonnen. Was

sagen drei Vertreter aus Gemeinden, die vorbildliche Projekte umgesetzt haben,

zu den Entscheiden des Nationalrates zur Energiestrategie 2050?

Es war eine Monsterdebatte: Während

rund 20 Stunden hat der Nationalrat in

der Wintersession über die Energiestra-

tegie 2050 beraten. Die Grosse Kammer

folgte in ihren Entscheiden im Grossen

und Ganzen dem Bundesrat. Entspre-

chend zufrieden zeigte sich Energiemi-

nisterin Doris Leuthard. Die wichtigsten

Entscheide des Nationalrats: Die durch-

schnittliche Jahresproduktion von Strom

aus neuen erneuerbaren Energien soll

im Jahr 2020 bei mindestens 4,4 Tera-

wattstunden (TWh) und im Jahr 2035 bei

14,5 TWh liegen. Für die Jahresproduk-

tion von Strom ausWasserkraft liegt der

Zielwert bei mindestens 37,4 TWh im

Jahr 2035. Heute verbraucht die Schweiz

rund 60 TWh Strom.

Der Energieverbrauch pro Person und

Jahr soll bis 2020 um 16 Prozent und bis

2035 um 43 Prozent sinken (gemessen

am Stand des Jahres 2000), der Strom-

verbrauch bis 2020 um 3 Prozent und bis

2035 um 13 Prozent.

Die Nutzung erneuerbarer Energien soll

zum nationalen Interesse erklärt werden.

Windturbinen oder Wasserkraftwerke

könnten also auch in Naturschutzgebie-

ten gebaut werden.

Mehr Geld für KEV und Sanierungen

Der Nationalrat will, dass für die kosten-

deckende Einspeisevergütung (KEV)

mehr Geld eingesetzt wird. Bezahlen

würden dies die Konsumenten mit ei-

nem höheren Netzzuschlag. Heute darf

dieser maximal 1,5 Rappen pro Kilowatt-

stunde betragen, der Nationalrat hat

diesen maximalen Beitrag auf 2,3 Rap-

pen erhöht.

Heute beträgt die CO

2

-Abgabe 60 Fran-

ken proTonne oder 16 Rappen pro Liter

Heizöl. Der Bundesrat hat die Kompe-

tenz, die Abgabe auf höchstens 120

Franken zu erhöhen, falls die Zwischen-

ziele für die Brennstoffe nicht erreicht

werden. Für das Gebäudeprogramm

sollen mehr Mittel eingesetzt werden.

Die Gelder stammen zu zwei Dritteln aus

der CO

2

-Abgabe und zu einemDrittel aus

den kantonalen Staatshaushalten. Aus

der CO

2

-Abgabe dürfen heute höchstens

300 Millionen Franken pro Jahr für die

Gebäudesanierungen eingesetzt wer-

den. Künftig sollen es 450 Millionen

Franken sein. Die Mittel sollen auch für

Gebäudetechniksanierungen zur Verfü-

gung stehen, nicht nur für die Gebäude-

hülle.

Der Ständerat wird wahrscheinlich im

Herbst über die Energiestrategie 2050

debattieren.Voraussichtlich diesen Früh-

ling wird der Bundesrat das zweite

Massnahmenpaket zur Energiestrategie

präsentieren.

«Lastgangmessungen abschaffen»

Andreas Meyer, Bau- und Energievor-

steher der luzernischen Gemeinde Alt-

büron, hat die Debatte im Nationalrat

verfolgt. «Die Richtung der Entscheide

stimmt», sagt er. Positiv sei, dass für die

KEV zukünftig mehr Geld zur Verfügung

stehen soll. Die geplante KEV-Förderung

derWasserkraft sei aber teilweise unge-

nau beschrieben und lasse einen gros-

sen Spielraum offen. KEV-Beiträge seien

Anschubfinanzierungen für neue Tech-

nologien, die noch nicht marktfähig sind,

und dürften nicht für Anlagensanierun-

gen verwendet werden, die wegen der

sinkenden Stromtarife nicht mehr renta-

bel wirtschaften. Meyer erhofft sich, dass

die Eigenverbrauchsregelung weiter

gefördert wird: «Personen, die über eine

eigene Photovoltaikanlage verfügen,

sollen vermehrt ihren eigenen Strom

bewusst für ihre Haushaltgeräte verwen-

den und nur den überschüssigen Strom

auf dem freien Markt verkaufen kön-

nen.»Ausserdem erhofft sich Meyer von

der nationalen Politik, dass der «Rendi-

tekiller Lastgangmessungen» bei Photo-

voltaikanlagen abgeschafft wird. «Um

die teure Lastgangmessung zu umge-

hen, werden aus betriebswirtschaftli-

chen Gründen viele Anlagen auf Einfa-

milienhäusern unter 30 Kilowatt peak

erstellt», sagt Meyer. Es sei schade,

wenn freie Dachflächen nicht verbaut

werden.

«Es wäre wünschenswert, wenn diejeni-

gen, die Vorhaben zur Förderung der

erneuerbaren Energien vorschlagen,

mehr Handlungsspielraum hätten», sagt

Fulvio Lurati, Gemeindeschreiber von

Canobbio. Die bei Lugano gelegene Ge-

meinde will möglichst bald das Label

Energiestadt für eine nachhaltige kom-

munale Energiepolitik erhalten.

Christian Hunziker, Verantwortlicher

Energie und Initiator des Photovoltaik-

projekts in der Waadtländer Gemeinde

Corcelles-sur-Chavornay, wollte die Ent-

scheide des Nationalrats nicht kommen-

tieren. «Ich habe mich nicht im Detail

damit auseinandergesetzt», sagte er auf

Anfrage.

sda/pb

Energieministerin Doris Leuthard ist insgesamt zufrieden mit

Bild: Patrick Kramer/Keystone

den nationalrätlichen Entscheiden zur Energiestrategie 2050.