CellitinnenForum 1_2019

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unter Hochdruck. Ebenso bei Ver- letzungen oder Fehlfunktionen der Organe, wie bei Entzündung der Bauchspeicheldrüse, bei Tumoren und Herzinfarkten. Neben diesen Akutschmerzen gibt es noch den chronischen Schmerz. Dabei haben die Nozizeptoren auf Daueralarm geschaltet oder Infor- mationen leitende Nervenfasern sind geschädigt. Auch psychische Belastungen wie Stress können Schmerzen hervorrufen, zum Bei- spiel im Magen-Darm-Bereich, im Rücken oder am Herzen. Bei ei- nigen Patienten verselbstständigt sich der Schmerz, ist nicht mehr Folge einer Reizung, Verletzung oder Krankheit, sondern wird zu einem eigenen Problem. Hat der Akutschmerz, so ungern wir ihn spüren, noch die lebensnotwendige Funktion, Alarm zu schlagen, wenn etwas am oder im Körper nicht stimmt, sind chronische Schmer- zen eine dauernde Belastung, die mit der Zeit Körper und Psyche schädigen. Sie zu behandeln er- fordert viel Fingerspitzengefühl und Geduld. Während nach derzeitigen wis- senschaftlichen Erkenntnissen die Schmerzempfindungsschwelle bei allen Menschen gleich ist, be- stimmen gesellschaftlich-kulturelle Unterschiede, wie auf Schmerzen reagiert wird. Wie geht eine Kultur allgemein mit Gefühlen um? Was ist angemessen, was gilt als un- schicklich? Während in Mittel- und Nordeuropa sowie im nordame- „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“

rikanischen Raum ‚die Zähne zu- sammengebissen werden‘, gilt im Mittelmeerraum und in Vorderasien nur derjenige als krank, der seine Hilfsbedürftigkeit laut und deutlich zum Ausdruck bringt. Die vonei- nander abweichenden sozio-kul- turellen Muster führen außerhalb des eigenen Kulturkreises imDialog zwischen Arzt, Pfleger und Patient schnell zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen. Auch die Religiosität spielt im Um- gang mit Schmerzen eine Rolle. Manche fromme Menschen deu- ten Schmerzen als Strafe, Prüfung oder Botschaft Gottes, die entweder laut oder leise, auf jeden Fall aber demütig hinzunehmen sind. Fol- gerichtig verzichten diese Patien- ten nicht selten auf die Einnahme von Schmerzmedikamenten, was wiederum auf das Unverständnis vieler Mediziner stößt. Selbst das Lokalisieren und Beschreiben der Schmerzen hängt vom Kulturkreis ab. Während Mittel- und Nordeuro- päer dem Schmerz rational auf die Schliche kommen möchten – Bein, Bauch, Brust; pochen, stechen, brennen –, erleben ihn Menschen aus der Mittelmeerregion als etwas nicht nur auf ein Organ oder einen Bereich Beschränktes. Das stellt den in Deutschland sozialisierten Arzt vor eine Herausforderung. Auf die Frage „Wo tut es denn weh?“ wird er keine brauchbare Antwort erhalten, denn „es schmerzt überall“. In solchen Situationen braucht es multikulturelle Kompetenzen, um den Kern des Übels ausfindig zu machen.

scheinbar bequem auf einem Na- gelbrett liegen, während bei den meisten allein der Gedanke daran ausreicht, die körpereigenen Nozi- zeptoren wachzurütteln?

Den Schmerz ‚wegdenken‘

Die individuelle Schmerztoleranz- grenze lässt sich durch Atem- und Entspannungsübungen erweitern. Diesen ‚Trick‘ benutzen auch Fa- kire. Indem sie sich beispielsweise gezielt auf ihren Atem konzentrie- ren, lenken sie ihr Bewusstsein von den Schmerzen ab. Ein Baustein in der Therapie chronischer Schmerz- patienten basiert ebenfalls auf sol- chen ‚Aufmerksamkeitsverschie- bungen‘. Auch wer lacht, möglichst in einer Gruppe, nimmt Schmerzen weniger intensiv wahr. Die Wissen- schaftler gehen davon aus, dass die freigesetzten Glückshormone, die Endorphine, dem Körper bei der Schmerzbewältigung helfen. Nur sehr wenige Menschen emp- finden tatsächlich keine Schmer- zen. Durch eine Genmutation hat sich bei ihnen das sogenannte ‚Fakir-Gen‘ ausgebildet. Das mag auf den ersten Blick verlockend er- scheinen. Tatsächlich ist es lebens- bedrohlich. Denken Sie nur einmal an die Folgen einer nicht bemerkten und nicht rechtzeitig therapierten Blinddarmentzündung. In den folgenden Artikeln kommen wir den Schmerzen auf die Spur. In unseren Kranken- und Senioren- häusern arbeiten Ärzte und Pfle- gende daran, dass Patienten nicht mehr ‚die Zähne zusammenbeißen müssen‘.

Warum können einige Menschen über Glasscherben laufen oder

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