MARTINA EBERL
weiß, wie wichtig es ist, auf dem Golfplatz immer einen
Caddie als Partner an ihrer Seite zu haben. Hier erzählt sie, was sie erlebt hat.
Der Freund
–
in jeder Situation
I
n der vergangenen Ausgabe habe ich
angefangen, über den Job des Caddies
zu erzählen und habe bereits darüber
berichtet, wie ein wahrer Caddie sein
sollte. Er muss nämlich eine Menge Dinge
können: Er sollte moralische Unterstützung
liefern, mentale Unterstützung bieten sowie
Freund und Helfer in allen Lebenslagen sein.
Über Caddies könnte ich Bücher schreiben,
aber ich erzähle Ihnen zumindest die besten
Momente, die ich mit meinen Caddies erlebt
habe. NachdemMartin seine Caddie-Karriere
2007 mit einem Sieg beendete, war ich nun
bereit, einen Berufscaddie zu engagieren.
Ich stellte Paul ein. Ein junger Engländer aus
London, Sunningdale. Er war groß, 21 Jahre
jung und für einen Caddie ganz gut aus-
sehend. Aber das Wichtigste für mich, ich
konnte mich gut mit ihm unterhalten. Sein
Wissen über die Arbeit als Caddie war vor-
handen. Wie man einen Ball schlägt, wusste
er, da er selbst Playing Pro war, nur leider
keinen Sponsor gefunden hatte. Es fühl-
te sich an wie ein Lottogewinn. Ich ließ ihn
nach München kommen, er lernte mein Team
kennen, wir uns und er mein Training. Die
Saison begann. Es war herrlich, und mein
Vertrauen stieg, weil ich wusste, ich hatte ein
gutes Back-up neben mir, das mir in schwie-
rigen Momenten helfen konnte. 2008 schien
dann der Höhepunkt meiner Karriere zu
werden. Ich spielte sehr gut, und hatte einen
der besten Caddies an meiner Seite. Es schien
perfekt. Im Juni folgte der zweite Toursieg in
Italien. Paul motivierte mich, hielt mich in
der Gegenwart, unterhielt mich, erinnerte
mich anmeinen Rhythmus – er war ebenmein
bester Freund. Egal, ob auf der Runde oder im
Training, wir verstanden uns blendend.
Dann stand die Krönung nach einer lan-
gen Saison bevor: Im Februar in Australien
angefangen, über den ganzen europäischen
Kontinent hinweg, kamen wir im September
wieder nach Dänemark. Diesmal sollte dieses
Turnier aber kein normales „Danish Open“
sein, es sollte das letzte europäische Turnier
für mein Vorbild Annika Sörenstam werden.
Mein Standing in der Order of Merit war
glänzend. Somit hatte ich die Ehre,
mit ihr schon die ersten zwei Runden
zu spielen. Es fühlte sich an wie ein
Traum. Für Paul war es ebenfalls
etwas Besonderes.
Wir arbeiteten schon so gut und
intensiv zusammen, dass ich ihn
sogar beim Lesen meiner Puttlinie
helfen ließ, was ich sonst niemanden
machen lasse. Warum ich das sonst
niemandem überlasse? Ganz
einfach: Wie man die Linie
liest, hängt auch vom Speed
ab, und Paul wusste immer,
wie ich Putts spielen würde.
Somit war das Verständnis da.
Zurück zur Finalrunde Däne-
mark. Ich ging als Zweite in
die letzte Runde. Melissa Reid
als Erste und Annika als Dritte.
Wieder ein Traumflight. Und
wieder schaute ich nicht auf Lea-
derboards, weil das Paul für mich erledigte,
und wieder führte ich meine „mentale Score-
karte“, die mich meinen Score vergessen
ließ. Ich wusste, ich lag gut, und nach einem
Eagle an der 16 und vielen vielen Zuschauern,
erahnte ich, es könnte eng werden.
An der 18 machte ich meinen ersten
schlechten Drive. Paul beruhigte mich, ein
Marshall fand den Ball. Aus dem dicksten
Dickicht blieb mir nichts anderes übrig, als
nur irgendwie aufs Fairway zu kommen. Ich
war wie hypnotisiert, und sah keinen anderen
Ausweg mehr als „Attacke“. Ich hatte noch
ca. 185 Meter zur Fahne, vor dem Grün ein
kleines Wasser, also Carry. Ich hatte das am
Tag vorher geschafft, warum also nicht heute?
Für mich war klar, mein 3er-Holz muss
raus. Paul gab es mir nicht. „I know, you don’t
want to know how the score is Martina, but
it is my job and my duty now, to tell you, you
are still two shots ahead! So please take a 120
meter club, you got 65 left, your favourite
distance, and play smart!“ Und das hab ich
dann auch gemacht. Paul hat mich in mei-
ner Zone gepackt und mich wieder in
die Realität zurückgebracht. Ohne ihn
hätte ich dieses Turnier nicht gewonnen.
Ich habe auch versprochen, zu er-
zählen, ob die Caddies wirklich so arm
sind, wie man sich das vorstellt. Nein,
sind sie nicht, wenn sie gut sind.
Natürlich, die Jungs von Rory und
Co. haben keine finanziellen Sor-
gen mehr. Aber es gibt viele gute
Caddies da draußen, die weniger
Glück haben und am Existenz-
minimum leben. An sich kannman
für einen Caddie auf der Damen-
tour 1.000 Euro Festgehalt und
5 bis 15 Prozent Gewinnbeteili-
gung pro Turnier einberechnen.
Wenn die Ergebnisse des Arbeit-
gebers von Anfang an nicht stim-
men, dann sollte man sich über-
legen, einen anderen Job als den
eines Caddie zu machen…
GT
Caddie Teil ii
CADDIe PAul
und Trainer Danny Wilde (links)
zusammen mit Proette Martina Eberl
MARTINAS
ECKE
www.golftime.deGOLF TIME
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4-2016
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