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Götz SchmiedehauSen

Autor des essenziellen Leitfadens

durch die Welt des Golfwahnsinns

in Buchform: „Golf oder

gar nichts!“. Weiß mehr über Golf,

als ihm (und seiner Umwelt) gut

tut. Besondere Abneigung hegt

er gegen Spieler wie bspw.

Dustin Johnson, die ihren Kopf

komplett ausschalten und dadurch

die Lichter ausschießen können.

GÖTZ

ZITAT

I

ch hasse diese Typen, die auf einemGrün,

dessen Oberfläche heftigere Wellen wirft

als die Nordsee bei Starkwind, ohne

lange zu fackeln und „nach Gefühl“ aus

jeder beliebigen Entfernung erfolgreich

putten können.

Nichts bringt mich so effektiv zur Weißglut.

Nicht der Spargeltarzan mit der Kassengestell-

brille und dem chronischen Haltungsschaden,

der jedoch imstande ist, einen schnurgeraden

300 Meter Drive nach dem anderen rauszuballern.

Auch nicht diese Rentner, die eine flusskieselharte

Billigmurmel mit einem ihrer unzähligen Holz-

schläger vor sich hertreiben, bis sie sich gerade

eben so in Rufweite des Grüns befinden, um den

Ball dann mit ihrem Chipper tot ans Loch zu

löffeln. Bei der Siegerehrung spüre ich in meinem

Rücken immer ihre selbstzufriedenen Blicke,

wenn sie in der Bruttowertung wieder einmal vor

mir stehen, obwohl ich sie an jedem Abschlag um

wenigstens hundert Meter kurz gelassen habe.

Nach einem jahrzehntelangen Studium unzähliger

Fachbücher verfüge ich heute über ein profundes

(theoretisches) Wissen um die biomechanischen

Feinheiten des Schwungs, zudem habe ich mich

intensiv mit jedwedem Aspekt des Golfspiels

befasst, der auch nur ansatzweise interessant sein

könnte. Heute könnte ich aus dem Stegreif über

allerlei aufregende Themen referieren, darunter

so beliebte Klassiker wie „150 essenzielle Check-

listenpunkte vor dem Durchschwung“, „Der

goldene Karpfen – warum ein geöffneter Mund

und ein entspannter Kiefer fünf Prozent mehr

Weite bedeuten können“, „Die geheime Kunst des

Dimple-Zählens“ oder auch „Warum Plastik-Tees

beim Verwenden von genoppten Golfschuhen im

Grunde total nutzlos sind“.

Doch ich komme ums Verrecken nicht dahinter,

wie jemand über zehn Meter, fünf Breaks und

zwei Grünterrassen „nach Gefühl“ erfolgreich

putten kann. Haben Sie überhaupt eine Ahnung,

was ich alles veranstalten muss, bis ich es mir

zutraue, einen Ball von A nach B zu rollen?

Zuerst betrachte ich die Puttlinie aus der Perspek-

tive des Balls und anschließend aus der des Lochs.

Dabei schreite ich entlang des potenziellen Roll-

weges und erspüre mit meinen Füßen die Gras-

wuchsrichtung sowie die vorhandenen Breaks.

Diese Faktoren rechne ich in Zahlenwerte um,

die ich auf einer standardisierte Fingerskala von

1 bis 5 einordne. Dann halte ich die entsprechende

Fingeranzahl so vor mein linkes Auge, dass der

dem Break zugewandte Finger genau die Mitte

des Lochs verdeckt. Der gegenüberliegende Finger

markiert den Zielpunkt. Anschließend richte

ich die Ziellinie des Balls, die ich mithilfe eines

schwarzen Edding-Stiftes der Stärke 3 (nehmen

Sie um Gottes willen nie 2 oder 4!) und einer

Schablone aufgemalt habe, auf diesen gedachten

Punkt aus. Wichtig: Nur bei einer ausführlichen

Rundum-Betrachtung kann man annähernd

sicher sein, dass sich die Ziellinie wirklich auf

der Null-Grad-Ebene befindet und der Ball nicht

etwa leicht angekippt ist. Erst dann greife ich zum

Putter und verifiziere mit einem prüfenden Blick

über den Schaft, den ich mit zwei Fingern halte

und wie ein Lot auspendeln lasse, ob die Anord-

nung stimmt. Falls nicht, fange ich noch einmal

von vorne an. Erst wenn alles passt, richte ich

meine Füße an der Ziellinie aus, wobei die Fuß-

standbreite in einem exakt bemessenen Verhält-

nis zur abgeschrittenen Ball-Loch-Distanz steht.

Nach nur drei bis vier Probeschwüngen spreche

ich den Ball final an und dann geht es auch schon

los. Aktuell benötige ich etwa 38 Putts pro Runde,

die durchschnittlich sechs Stunden dauert.

Warum das so ist, weiß ich nicht.

Bei einer meiner letzten Runden habe ich wieder

so einen „Gefühlsputter“ im Flight gehabt. An

meinem Stolz würgend, habe ich ihn gefragt, wie

er denn gelernt habe, so zu putten. „Keine

Ahnung“, bekam ich als Antwort. „Ich stelle ein-

fach den Zielcomputer aus. Wie Luke Skywalker

beimAnflug auf den Todesstern.“ Dann hat er fröh-

lich gelacht und keine fünf Sekunden später aus

fünf Metern Distanz zum Birdie eingelocht. Ich

gratulierte ihm herzlich, doch im Stillen habe ich

ihm natürlich die Pest an den Hals gewünscht ...

Gt

Legasthenie mit

Hand und Fuß

»Ich hasse diese

›Gefühlsputter‹.

Haben Sie über-

haupt eine Ahnung,

was ich alles

veranstalten muss,

bis ich es mir

zutraue, einen Ball

von A nach B

zu rollen?«

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GOLF TIME

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7-2016

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