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SCHWEIZER GEMEINDE 12 l 2017

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«An Saint-Nicolas fühle ich

mich wirklich als Freiburgerin»

Saint-Nicolas ist der Schutzpatron von Freiburg. In keiner anderen Schweizer

Stadt wird der Saint-Nicolas-Tag so feierlich begangen. Die Hauptakteure sind

Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Zum Beispiel Nadia Bärlocher.

Nadia Bärlocher schlendert die enge Rue

de Lausanne hinunter und zeigt auf die

Fenster und Balkone der Altstadthäuser:

«Überall standen Leute und schauten zu

uns hinunter.» Die 18-jährige Gymnasi-

astin spricht von der Saint-Nicolas-Feier.

Es ist das wichtigste Fest in der zwei-

sprachigen Stadt Freiburg, deren Schutz-

patron der heilige Nikolaus ist, Bischof

des antiken Myra. Das Fest, das ihm zu

Ehren jedes Jahr am ersten Samstag im

Dezember gefeiert wird, lockt mittler-

weile rund 30000 Menschen an.

Die Hauptakteure dieser Tradition sind

die Schülerinnen und Schüler des Frei-

burger Gymnasiums St.Michael. Sie

stellen das Personal für den Umzug. So

war Nadia Bärlocher 2016 eine von acht

Schmutzlis, die mit Saint-Nicolas und

seinem Esel durch dieAltstadtgassen bis

zur Kathedrale zogen. Der Höhepunkt

des Festes ist die kritische und humor-

volle Rede (siehe Auszug links), die

Saint-Nicolas, flankiert von seinen

Schmutzlis, auf dem Balkon der Kathed-

rale auf Deutsch und Französisch hält.

Schweizer Gemeinde:Wie ist das, vor

30000 Menschen neben Saint-Nicolas

auf der Kathedrale zu stehen?

Nadia Bärlocher:

Das ist gewaltig! Vor-

her, während des Umzugs, war ich voll

in meiner Rolle, ein bisschen wie in

Trance. Als wir dann auf dem Balkon der

Kathedrale standen und ich die vielen

Menschen sah, begriff ich zum ersten

Mal die Bedeutung und Reichweite die-

serTradition. Ich fühlte mich als Teil einer

Elite, die diese Tradition prägt und aus

nächster Nähe erleben darf.

Was ging Ihnen während Saint-

Nicolas‘ Rede durch den Kopf?

Bärlocher:

Ich habe vor lauter Eindrü-

cken nicht die ganze Rede mitbekom-

men. Aber ich habe sie anschliessend

gelesen. Sie war wie immer pointiert

und politisch, mit Bezügen zu unserer

Stadt, aber auch zurWeltpolitik. Saint-Ni-

colas regt uns an, Dinge zu hinterfragen,

über uns und unsereTaten Rechenschaft

abzulegen. Gleichzeitig steckt viel Hu-

mor in seinen Reden. Ich fühle mich je-

weils besonders angesprochen, weil ich

bilingue bin und sowohl den französi-

schen als auch den deutschsprachigen

Teil verstehe.

Wären Sie gerne selber Saint-Nicolas

gewesen und hätten demVolk ins

Gewissen geredet?

Bärlocher:

Saint-Nicolas kann man nicht

werden, dazu wird man geboren (lacht).

Er kommt jedes Jahr aus derTürkei und

kehrt nach dem Umzug auch wieder

dorthin zurück.

Beeindruckend, wie gut Deutsch und

Französisch er spricht… Und wie wird

man Schmutzli?

Bärlocher:

Man muss sich im Saint-Nico-

las-Komitee engagieren. Alle 3.-Klass-

Gymnasiasten von St.Michael können in

diesem Komitee mitmachen. Letztes

Jahr waren wir rund dreissig. EinigeWo-

chen vor dem Umzug wird ausgelost,

wer als Schmutzli mitläuft, wer den Esel

führt oder wer den Bischofsstab trägt.

War es schwierig, in die Rolle des

strengen Schmutzli zu schlüpfen?

Bärlocher:

Eigentlich nicht.Vor demUm-

zug wird das ganze Gesicht bis zu den

Ohrläppchen schwarz geschminkt, und

man taucht immer tiefer in diese Rolle

ein. Sobald sich der Umzug in Bewe-

gung setzt, ist man Schmutzli, nicht

mehr Schülerin. Manchmal hatte ich ein

schlechtes Gewissen wegen der Reak-

tion der Kinder. Wir schlagen die Kinder

natürlich nicht, aber unsere Rolle ist es

schon, ihnenAngst einzujagen, damit sie

im nächsten Jahr brav sind. Und man

merkt, wie sie es sich zu Herzen nehmen.

Dass sie daran denken, was sie im ver-

gangenen Jahr nicht gut gemacht haben.

Welche Aufgaben hat das Komitee in

der Vorbereitung?

Bärlocher:

Die Komiteemitglieder schrei-

ben zum Beispiel Einladungen oder fra-

gen Altstadtgeschäfte für eine Spende

an. Ausserdemmalen Schülerinnen und

Schüler des Wahlfachs Bildnerisches

Gestalten eine Saint-Nicolas-Karte. Das

Motiv, das am meisten Stimmen erhält,

wird gedruckt, und jeder Schüler, jede

Schülerin muss zwölf dieser Karten ver-

kaufen. Der Erlös wird zugunsten be-

nachteiligter Kinder in Freiburg gespen-

det. Als Schmutzli muss man noch eine

Rute basteln. Ansonsten stellt die Schule

alles zur Verfügung. Die Hauptarbeit am

Fest selber ist der Umzug. Aber das ist

vor allem eine Belohnung. Im Umzug

mitzulaufen, macht dieses Fest noch ma-

gischer.Wobei ich schon auch den Druck

gespürt habe, dieser langjährigenTradi-

tion gerecht zu werden.

Was bedeutet Ihnen diese Freiburger

Tradition?

Bärlocher:

An Saint-Nicolas fühle ich

mich wirklich als Freiburgerin. Ich fühle

mich verbunden mit allen. Es ist ein Ge-

meinschaftsgefühl, das ich sonst nicht

habe. Als Schülerin des Kollegiums

St.Michael bin ich fest in dieserTradition

verankert. Seit über hundert Jahren or-

ganisiert unser Gymnasium das Fest,

und als dessen Schülerin fühle ich mich

aufgerufen, diese Tradition weiterleben

zu lassen und die Rolle von Saint-Nico-

las in Erinnerung zu rufen.

Barbara Spycher

Infos:

www.st-nikolaus.ch

SAINT-NICOLAS

Nadia Bärlocher vor der Freiburger

Kathedrale.

Bild: Barbara Spycher