Previous Page  86 / 116 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 86 / 116 Next Page
Page Background

COMUNE SVIZZERO 12 l 2017

86

Das «Brot der Armen» ist heute eine Delikatesse und gehört zum Fest

Die Kastanienfeste – die so genannten

«castagnate» – gehören imTessin zum

Herbst wie das Risotto zur Karnevals­

zeit. In etlichen Gemeinden finden diese

Feste auf den Dorfplätzen statt. Die

«Maronatt» rösten die Edelkastanien

auf dem offenen Feuer. Die Pfannen

hängen oft an Metallgestellen, um den

Männern die Arbeit zu erleichtern. Da­

mit die Früchte nicht anbrennen, müs­

sen die Pfannen ständig geschüttelt

werden. Die Castagne werden am liebs­

ten zusammen mit einemGlas Rotwein,

einem Bier oder einer einheimische

Gazzosa (Limonade) verspeist.

Neben den Feuerstellen stehen die

Marroni säckeweise. Und wer genau

hinschaut, sieht, dass es sich in der Re­

gel um Importprodukte handelt, insbe­

sondere aus Italien, aber auch aus

Frankreich und Portugal. Der Grund: Die

inländischen Kastanien erfüllen in Be­

zug auf Grösse und Geschmack nicht

die heute gültigen Qualitätskriterien.

Daher greift man auf die süsseren und

grösseren Importmaroni zurück, eine

besondere Züchtung der Edelkastanie.

Dazu kommt: In den letzten Jahren gab

es im Tessin praktisch keine einheimi­

schen Früchte.Verantwortlich dafür war

die Gallwespe. Dieser ursprünglich aus

China stammende Schädling war im

Jahr 2009 vom Piemont in die Süd­

schweiz eingewandert und machte sich

in den Kastanienbäumen breit. Auch

SüdbündnerTäler und dasWallis waren

betroffen. Die Wespe verursachte an

den Ästen der Kastanienbäume so ge­

nannte Gallen, sprich Wucherungen.

Die Pflanzen sterben nicht ab, aber ihre

Produktivität und ihre Widerstandsfä­

higkeit werden stark gemindert.

Verbessert hat sich die Situation dank

einer Schlupfwespe namens «Torymus

sinensis». Dieser Parasit wirkt wie ein

Gegenmittel, da er die Larven in den

Gallen abtötet und so die Ausbreitung

der Gallwespe eindämmt. In Italien

wurde er ausgesetzt. Von dort ist er ins

Tessin eingewandert und hat als biolo­

gischer Gegenspieler der Gallwespe

ganze Arbeit geleistet. Die Anzeichen

einer Besserung in den Kastanienwäl­

dern sind deutlich sichtbar. Auf Stras­

sen und Wanderwegen liegen wieder

die Früchte und stacheligen Fruchtbe­

cher der Edelkastanien, nachdem sie

über Jahre praktisch verschwunden

waren.

Heute hat die Edelkastanie fast den Sta­

tus einer saisonalen Delikatesse. Fami­

lien und Kinder suchen die schönsten

Exemplare imWald, danach werden sie

zu Hause am Kamin gebraten. Eher in

Vergessenheit geraten ist, dass diese

Frucht einst ein Hauptnahrungsmittel

der Bevölkerung war – als «Brot der Ar­

men». Ursprünglich stammt die Edel­

kastanie aus Kleinasien. Die Römer

verbreiteten sie dann in ihrem ganzen

Herrschaftsgebiet, sogar bis nach Eng­

land. Seit dem 11. Jahrhundert breitete

sie sich rasch weiter aus, vor allem in

Gebieten, in denen wegen des Klimas

oder derTopografie kein Getreide ange­

baut werden konnte. ImTessin besteht

ein Fünftel der gesamten Waldfläche

aus Edelkastanien. Der Kastanienkon­

sum nahm allerdings in demMasse ab,

in dem es sich Menschen leisten konn­

ten, auch Brot, Reis und andere Grund­

nahrungsmittel zu kaufen.

Der Bedeutungsverlust der Kastanie als

Grundnahrungsmittel führte zwangs­

läufig auch zu einer Vernachlässigung

der Kastanienhaine. Inzwischen fand

aber ein Umdenken statt. In den letzten

25 Jahren wurden diese bewusst – mit

Unterstützung des Kantons und häufig

gemeinsam mit dem Fonds Landschaft

Schweiz – wieder angelegt und ge­

pflegt, etwa im Malcantone. Neben

landschaftlichen Aspekten verfolgen

diese Projekte das Ziel, dereinst auch

eine bessere Qualität der Traditions­

frucht zu ermöglichen.

Gerhard Lob

Köstlich duftende, heisse Marroni gehören imTessin zu den Herbstfesten.

Bild: bellinzonese-altoticino

Zubereitung der Marroni über dem offenen

Feuer, die Frauen in derTracht.

Bild: swissimages

CASTAGNATE