SCHWEIZER GEMEINDE 1 l 2016
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Joëlle Zimmerli
arbeitet an der Hochschule Luzern
und untersucht den
Wohnungsmarkt im
Zusammenhang mit
demografischen Ver-
änderungen. Sie hat
Soziologie studiert
und zur Wohnmobi-
lität der Babyboo-
mer promoviert.
SOZIALES
Wissen Sie warum?
In der Stadt liegt es an der hohen Dyna-
mik auf dem Mietwohnungsmarkt. Pen-
sionierte haben ein grösseres Informa
tionsbedürfnis inBezugauf die zukünftige
Wohnung und die Wohnumgebung. Sie
müssen sich auch viele logistische Ge-
danken machen, weil sie einen Haushalt
verlegen müssen, in dem sich viel ange-
sammelt hat, und weil sie ihrem sozialen
Umfeld erklären müssen, wes-
halb sie umziehen. Deshalb
dauern Entscheidungen län-
ger. Auf dem Mietwohnungs-
markt gibt es diese Zeit heute
nicht, weil Eigentümer den
Leerstand möglichst kurz hal-
ten möchten. In Gemeinden,
die einen hohen Anteil an Ein-
familienhäusern und einen alten Bestand
an Mietwohnungen haben, gibt es zu-
dem wenige Angebote, die den hohen
Ansprüchen und der Zahlungsbereit-
schaft von Pensionierten entsprechen.
Ist es denn finanziell interessant,Wohn-
raum für ältere Menschen anzubieten?
Wenn Wohnraum auf die Immobilie re-
duziert wird, ist Wohnraum für ältere
Menschen nichts anderes als Wohnraum
für junge Menschen: Mietwohnungen,
Genossenschaftswohnungen oder Ei-
gentumswohnungen, an guter Lage und
mit möglichst wenigen baulichen Hin-
dernissen. Die grosse Umstellung muss
bei den Liegenschaftsverwaltungen statt
finden. Sie müssen sich mehr auf die
Bedürfnisse der älteren Mieterschaft ein
stellen. Eigentümer können sich Gedan-
ken dazu machen, ihren Wohnraum für
ältere Personen aufzuwerten, indem sie
dazu beitragen, dass Betreuung- und
Pflegeangebote im Quartierumfeld vor-
handen sind. Pensionierte nutzen diese
Angebote beim Einzug noch nicht, sind
aber froh, wenn sie die Sicherheit auf
solcheAngebote haben. Das heisst, dass
sich Eigentümer beispielsweise an ei-
nem solchen Angebot beteiligen, als
zusätzliche Dienstleistung für die Mieter-
schaft, oder dass sie in ihren Erdge-
schossflächen entsprechende Anbieter
einmieten.
Nochmals, warum sollen Eigentümer
diese Last auf sich nehmen?Wie sind
sie zu motivieren?
Aus Sicht der Eigentümer und Liegen-
schaftsverwaltungen spricht für ältere
Mieterinnen und Mieter, dass diese in
der Regel nach dem Einzug lange in der
Wohnung bleiben und nicht nach weni-
gen Jahren wieder ausziehen, zuverläs-
sig die Miete zahlen, dass sie Sorge zur
Wohnung tragen und zu einer stabilen
Nachbarschaft beitragen.
Viele Gemeinden überlegen, wie sie
genügend Wohnraum für die Alten an-
bieten können.Was raten Sie?
Ich rate ihnen, den Kontakt zu grösseren
Liegenschaftsverwaltungen und zu Ei-
gentümern mit grösseren Portfolios,
seien diese privat, institutionell oder ge-
meinnützig, zu suchen. Ein grosser Hebel
ist, den Vermietungsprozess von Woh-
nungen stärker an die Informationsbe-
dürfnisse und Entscheidungs-
prozesse von Pensionierten
anzupassen. Der zweite Hebel
ist, für eine gute Quartierver-
sorgung zu sorgen, was auch
Angebote zur Unterstützung
und Betreuung umfasst. Das
reicht von niederschwelligen
Hausbesuchen bis zur Spitex.
Gemeinden sollten ein Auge darauf ha-
ben, dass grössere Quartiere mit solchen
Angeboten ausgestattet sind. Gemein-
den können Opportunitäten nutzen und
versuchen, in Neubausiedlungen ent-
sprechendeAngebote in Kooperationmit
den Eigentümern unterzubringen. Und
letztlich liegt es in der Hand der Gemein-
den, die Wohnraumentwicklung, das
heisst die baulicheVerdichtung, in denje-
nigen Quartieren zu fördern, die bereits
gut erschlossen und versorgt sind, denn
dies sind die nachgefragten Orte der Pen-
sionierten. Das muss nicht zwingend di-
rekt imZentrum sein, aber imUmfeld der
Bus- und Bahnstationen.
Gerade in Einfamilienhaussiedlungen
werden die Menschen zunehmend
älter, weil Junge heute anders wohnen
wollen.Was schlagen Sie vor?
Die Einfamilienhaussiedlungen werden
älter, weil die Privateigentümer älter
werden. Solche Siedlungen stehen nach
wie vor in der Gunst von jungen Men-
schen, wenn sie einigermassen gut er-
schlossen sind. Auch hier gibt es zwei
Hebel: Damit solche Quartiere attraktiv
für junge Menschen sind, müssen alte
Einfamilienhäuser umgebaut oder ab-
gerissen werden können, denn sie ent-
sprechen nicht mehr den Wohnbedürf-
nissen der heutigen Zeit. Gefragt sind
also Planungsinstrumente, die dies zu-
lassen. Auf der anderen Seite gehören
diese Häuser ja jemandem, meist einer
älteren Person, und nur wenn diese Per-
son einen Anreiz hat, das Haus zu ver-
kaufen, ist eine «Verjüngung» möglich.
Dazu braucht es einWohnungsangebot
in der Gemeinde oder in der Region, wie
ich es vorhin beschrieben habe.
Stadtplaner Jürg Sulzer, (vgl. SG
11/2015) sieht wenig Potenzial, Ein-
familienhaussiedlungen nach innen zu
verdichten. Sie sehen das anders?
Ja, weil bei der Verdichtung der Einfa-
milienhausquartiere weniger die bauli-
che Verdichtung im Vordergrund steht
als die Einwohnerverdichtung.Wenn ein
Einfamilienhaus, das von einer Person
bewohnt wird, an eine fünfköpfige Fami-
lie verkauft wird, findet eine fünffache
Einwohnerverdichtung statt, ohne dass
sie einen Pinsel in die Hand genommen
haben. Im Zentrum steht also die Frage
der Umzugsmobilität. Andererseits gibt
es heute auch viele Einfamilienhaus-
quartiere an bester Lage direkt neben
Bahnhöfen, die durchaus transformiert
und baulich deutlich verdichtet werden
könnten. Dazu sind aber Kooperations-
prozesse mit den Privateigentümern
notwendig, die entweder verkaufen oder
die Bereitschaft haben müssen, zwi-
schenzeitlich – also während einer Bau-
phase – auszuziehen.
Wie kann so ein Prozess aussehen?
Was die Umzugsmobilität in den Ein
familienhausquartieren betrifft, würde
ich als Gemeinde wie gesagt den Kon-
takt zu Liegenschaftsverwaltungen oder
Eigentümern suchen, die Wohnungen
vermieten oder am Bauen sind, sie auf
das Zielpublikum der Pensionierten auf-
merksam machen und sie bei der Ver-
marktung unterstützen. Damit kann Be-
wegung in die Einfamilienhausquartiere
kommen. Was die bauliche Verdichtung
der Quartiere betrifft, würde ich als Ge-
meinde einen Prozess starten, zu dem
ich Privateigentümer aus bestimmten
Quartieren nach ihren Bedürfnissen be-
fragen und mit ihnen Optionen für die
Zukunft diskutieren würde. Im besten
Fall münden diese in einen etappierten
Quartierplan für eine Verdichtung, im
schlechtesten Fall hat die Gemeinde eine
Befragung oder eine Veranstaltung ge-
macht, die ergebnislos geblieben ist.
Interview: Peter Camenzind
Informationen:
www.tinyurl.com/wohnungswirtschaftLeben statt
einer Person
fünf in
einem Haus,
ist auch das
Verdichtung.




