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GOLF TIME
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7-2017
49
GÖTZ SCHMIEDEHAUSEN
Seit 2011 Mitarbeiter bei
GOLF TIME. War von den
Reaktionen auf seinen Beitrag
begeistert. Endlich weiß ich, dass
auch European Tour-Spieler meine
Beiträge lesen. Und sich sogar
die Zeit nehmen, diese zu
kommentieren! Wie cool!
T
iger Woods wird nie wieder ein
bedeutendes Turnier gewinnen“,
behauptete ich in meiner letzten
Kolumne und traf bei vielen Lesern
einen empfindlichen Nerv. Überwiegend teilten
sie in ihren Reaktionen auf unserer Facebook-
Seite meine Einschätzung und brachten ihre
Wehmut über das Ende dieser glanzvollen Ära
zum Ausdruck. Manch einer überdachte ange-
sichts der Möglichkeit, dass Woods kein letzter
Schwanengesang mehr vergönnt sein könnte,
zudem die eigene Sterblichkeit. Aber es hagel-
te auch harsche Kritik, da meine Worte von ei-
nigen Lesern als eine Herabwürdigung Tigers’
empfunden wurden.
„Respektloser und dämlicher Journalismus“,
attestierte bspw. Craig W. gleich dem gesam-
ten Team der GOLF TIME (welches mit meiner
Kolumne – laut Definition ein kurzerMeinungs-
beitrag – nur sehr indirekt etwas zu tun hat).
„Kümmert euch lieber um Schlägertests und die
Berichterstattung vom Preis des Präsidenten“,
wütete der Keyboard-Warrior in seine Tastatur.
„Ihr habt nicht die Autorität oder Glaubwürdig-
keit, um über so ein Thema zu berichten.“
Lieber Craig W., ich möchte mich an dieser
Stelle bei Ihnen (stellvertretend für alle Wut-
Kommentatoren auf meinen Beitrag) entschul-
digen. Es tut mir leid, dass ich Sie mit verbaler
Gewalt so brutal aus Ihrer Komfortzone ge-
schubst habe. Es zeugt auch wirklich von maxi-
maler Respektlosigkeit, einen der größten
Golfer aller Zeiten als die vielleicht letzte große
Lichtgestalt seines Sports auszurufen. Ich be-
dauere zutiefst, dem Superstar dreist unter-
stellt zu haben, dass er mit seinen unfassbaren
Leistungen (106 Profisiege, darunter 14 Major-
Titel) diesen Sport quasi im Alleingang in ein
Milliardengeschäft verwandelt hat.
Eine absolute Frechheit war natürlich, Tiger
Woods als Folge seiner (Un-)Taten vorzuwer-
fen, er habe unzählige unschuldige Kinder in
die Golfsucht getrieben. Dank Ihrer ehrlichen
Zeilen weiß ich jetzt, dass es falsch war zu be-
haupten, Woods sei mitverantwortlich dafür,
dass es heute so viele junge, körperlich aus-
trainierte Topspieler auf der Tour gibt. Auch
mein exemplarischer Exkurs nach Korea, der
illustrieren sollte, dass die Inspirationskraft
eines großen Golfvorbildes sogar ein relativ
kleines Land (50 Mio. Einwohner) innerhalb
von nur zwei Jahrzehnten zur dominierenden
Nation im Profigolfsport (der Damen) auf-
steigen lassen kann, zeugt von Schmierenjourna-
lismus und völliger Unkenntnis der Gemenge-
lage im Golfsport.
Den Gipfel des Schwachsinns hatte ich schließ-
lich erklommen, als ich leichtfertig unkte, der
fast 42-jährige Tiger Woods müsste nach unzäh-
ligen schweren Verletzungen und Operationen
(jüngst wurde ihm eine Bandscheibe entfernt)
gegen die Jordans, Justins, Dustins, Rickies oder
Rorys dieser Welt zwangsläufig den Kürzeren
ziehen. Sorry!
Doch meine abschließende These, dass zukünf-
tige Tiger-Woods-Comebackversuche nicht zu-
letzt eng an persönliche wirtschaftliche Interes-
sen geknüpft sein werden, muss ich leider ohne
Leistung von Abbitte so stehen lassen. Naivität
im Journalismus wäre selbst für einen ausge-
wiesenen Tiger-Woods-Fan wie mich schlicht
unentschuldbar.
Mal ehrlich, Craig, glauben Sie ernsthaft, Tiger
quält sich ausschließlich aus Liebe zum Golf-
sport? Jüngst hat Woods bei TaylorMade
und Bridgestone lukrative Ausrüsterverträge
unterschrieben. Natürlich möchte Tiger (wie
wir alle) einfach nur Golf spielen. Aber er ist
zudem auch eine Weltmarke, womit gewisse
Verpflichtungen verbunden sind.
Für mich als Fan macht es allerdings überhaupt
keinen Unterschied, wenn Tiger für sein bloßes
Erscheinen beim Turnier besser bezahlt wird
als der spätere Champion. Ich will einfach nur
den Golfer noch einmal spielen sehen, den ich
seit 20 Jahren verehre. Insofern gehören Sie und
ich bei einem Tiger-Woods-Comeback in jedem
Fall zu den Gewinnern. Auch wenn der sport-
liche Sieger höchstwahrscheinlich ein anderer
sein wird.
GT
Mein eigener kleiner
SHITSTORM!
»Kümmert euch lieber
um Schlägertests und
die Berichterstattung
vom Preis des Präsi-
denten. Ihr habt nicht
die Autorität oder
Glaubwürdigkeit,
um über so ein Thema
zu berichten«
GÖTZ
ZITAT




