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58

GOLF TIME

|

7-2017

www.golftime.de

CLUB

FITTING

MARKETING VS. MATERIAL

uch wenn die Golfsaison sich

langsam dem Ende nähert,

bringen einige Firmen neue

Produkte auf den Markt

und werben selbstver-

ständlich mit den üblichen Versprechen

von mehr Länge und mehr Fehlerver-

zeihbarkeit. Doch wie sollen diese beiden

Parameter erreicht werden? Welche Tech-

nologien stecken dahinter? Und vor allem–

halten die Produkte das, was die Marke-

tingabteilungen der Hersteller verspre-

chen?

MATERIALMIX

Da einige Firmen (Callaway, Cleveland,

TaylorMade, Titleist) vor allem den Bereich

der Eisen neu aufstellen, werden wir uns

diesmal mit den Konstruktionsmerkma-

len und den Auswirkungen auf das Fitting

befassen. Ein großer Trend der vergange-

nen Jahre ist die

Kombination verschie-

dener Materialien

in einem Schlägerkopf,

um bestimmte Ziele zu erreichen. Das

Metall Wolfram wird in vielen Eisen-

designs genutzt, da es eine sehr hohe Dichte

und damit ein sehr hohes spezifisches

Gewicht aufweist.

Man braucht also relativ wenig Volumen,

um den Massenschwerpunkt deutlich zu

beeinflussen und nach den Vorstellungen

des Designers zu manipulieren. Mithilfe

dieses Metalls lässt sich also das Trägheits-

moment eines Schlägerkopfes stark beein-

flussen. Es gelingt, relativ kompakte Köpfe

zu konstruieren, die vergleichsweise ein-

fach zu spielen sind.

Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist der

Titleist AP2

. Die Version

AP2 718

ist

vom gemessenen Trägheitsmoment des

Kopfes auf dem Niveau eines älteren

AP1. Für einen Golfer hat das zur Kon-

sequenz, dass sich sportlich aussehende

Schläger deutlich einfacher spielen lassen,

als das noch vor acht bis zehn Jahren der

Fall war. Der Nachteil von Wolfram ist,

dass es ein vergleichsweise teures Mate-

rial ist, das sich dann auch durchaus

auf den Verkaufspreis eines Eisens aus-

wirken kann.

EINGESETZTE SCHLAGFLÄCHEN

Ein zweiter Trend, der sich in den letzten

Jahren etabliert hat, sind die eingesetz-

ten

Schlagflächen

bei Eisen. Diese haben

zwei Effekte: Zum einen wiegt eine dünne

Schlagfläche aus speziellen, hoch festen

Legierungen weniger als eine normal dicke

geschmiedete oder gegossene. Das sorgt

für

freie Masse

im Schlägerdesign, die

wiederum dafür genutzt werden kann, sie

strategisch zu platzieren, im Sinne eines

höheren MOI (Trägheitsmomentes).

Der zweite große Vorteil ist, dass die

Ballgeschwindigkeiten höher

sind als bei

den meisten Eisendesigns, die aus einem

Stück gegossen oder geschmiedet werden.

Höhere Ballgeschwindigkeiten sind ver-

antwortlich für mehr Länge. Wenn ein Ball

bei gleicher Schlägerkopfgeschwindigkeit

mit mehr Tempo auf die Reise geschickt

werden kann, wird er logischerweise län-

ger unterwegs sein. Im Einzelfall kann das

Loft-bereinigt durchaus drei bis acht Meter

ergeben.

Der dritte Aspekt der eingesetzten

Schlagflächen steht im Zusammenhang

mit dem Thema Fehlerverzeihung. In

unserer Definition bedeutet dieser Begriff,

dasseinschlechtgetroffenerBallimmernoch

relativ viel Ballgeschwindigkeit erreicht,

was die Längenabweichung zwischen guten

und schlechten Schlägen verringert.

Ein mieser Schlag wird immer ein mie-

ser Schlag bleiben. Wenn aber der etwas

schlechter getroffene Ball nicht 15 Meter

Länge verliert, sondern nur acht Meter,

besteht gegebenenfalls noch die Chance,

über den Bunker zu spielen, oder ein

Wasserhindernis zu meiden. So etwas kann

dem Score am Ende der Runde durchaus

zuträglich sein.

NACHTEIL KLANG

Aber die eingesetzten Schlagflächen haben

auch Nachteile. Einer der größten ist der

Klang im Treffmoment

. Die meisten die-

ser Eisen klingen extrem blechern. Da nun

aber Klang und wahrgenommene Rück-

meldung sehr stark zusammenhängen,

werden diese Eisen oft als hart oder harsch

wahrgenommen.

Kombiniert man das dann noch

mit einem „Flusskiesel“ als Ball (reine

Distancebälle mit hartem Kern), dann

kommt selten Freude auf. Einige Firmen

versuchen hier Gegenmaßnahmen zu er-

greifen, wie PXG mit dem TPU Material

zum Befüllen ihrer Hohlkammereisen,

oder auch TaylorMade mit dem „Speed-

Foam“ in den neuen Produkten. Ob das

der Weisheit letzter Schluss ist, werden die

kommenden Monate zeigen.

VERGLEICHEN HILFT

Abschließend können wir aus der Erfah-

rung sagen, dass einige Konstruktions-

merkmale neuer Eisen sich sehr positiv

auswirken. Aber man sollte trotzdem

immer den direkten Vergleich im Auge be-

halten. Denn moderne Distanzeisen haben

schon mal sehr gern vergleichsweise wenig

Loft bei gleicher Eisenbezeichnung, was

dann logischerweise zu mehr Länge füh-

ren muss. Bevor Sie also über zehn Meter

Längenzuwachs im Rahmen eines Fittings

jubeln, lassen Sie immer auch den Loft

Ihrer bisherigen Eisen mit dem des neuen

Produktes vergleichen. Nur dann ist ein

ehrlicher Vergleich möglich.

GT

www.clubmategolf.com

JOHANNES HERBIG

Jahrgang ’61,

Inhaber der Fitting-

Schmiede Clubmate Golf

mit Stützpunkten

in Pfungstadt und

im Jordan Golfdom,

Köln

GRETCHENFRAGE

Mehr Länge und mehr Fehlerverzeihung – geht das überhaupt?