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Die

Ruderentenfrage

I

n diesem Sommer veranstalteten wir

in unserem Club Schwimmkurse und

Tauchlehrgänge, um den Herausforde-

rungen des Spielalltags gerecht zu

werden. Sonst gab es keine besonderen

Vorkommnisse, mal abgesehen davon,

dass unser Gastronom das Champions-Dinner

mit einem Champignon-Essen verwechselt

hatte. Das fiel jedoch nicht auf, weil der Brexit

die Diskussion beherrschte.

Der Verfall des britischen Pfunds hatte Prä-

sident Fahrenbach erneut auf die Idee gebracht,

einen englischen Golflehrer zu importieren.

Auf eine diesbezügliche Anfrage bei der regio-

nalen Handelskammer wurde ihm davon

jedoch abgeraten, solange die Ruderentenfrage

nicht geklärt sei.

„Was meint die IHK mit Ruderentenfrage?“,

wandte sich Fahrenbach an mich. Meine

Recherche führte zu einer Meldung der Daily

Mail aus dem Jahr 2014, nach der britische

Enteriche regelmäßig nach Spanien flogen, um

mit weiblichen Weißkopf-Ruderenten zu ver-

kehren. Die britischen Ruderenten-Männchen

mit ihren schwarz-weißen Köpfen sind nämlich

(ähnlich den englischen Golfprofessionals) für

ihren wilden Appetit nach Sex bekannt.

Jedes Jahr fliegen sie nach Südspanien, wo

sie mit den weiblichen Exemplaren der seltenen

spanischen Weißkopf-Ruderenten verkehren.

Diese spanischen Weibchen bevorzugen britische

Männchen, ähnlich den deutschen Golferinnen,

die sich von englischen Pros gerne zeigen lassen,

wie man den Kopf unten hält.

Die britischen Enten mit ihren schwarz-

weißen Köpfen, so klagte Madrid in dieser

Meldung, dürften den spanischen Enten

mit den weißen Köpfen nicht die Weibchen

wegnehmen, denn die spanischen Weißkopf-

Ruderenten seien vom Aussterben bedroht. Die

Beschwerde der spanischen Regierung bei den

Briten führte zu diplomatischen Verwerfungen.

Solange das nicht ausgestanden sei, schloss ich

mein Referat, würde die Handelskammer vom

Import englischer Golflehrer abraten.

„Ru-der-enten“, murmelte Fahrenbach und

machte sich wieder auf den Weg zur Driving

Range. Dort übte er jetzt täglich. Um unsere

amtierende Clubmeisterin Brigitte Langer mit

dem Gewinn eines „Longest Drive“ zu beein-

drucken, war er auf der Suche nach maximaler

Ballbeschleunigung. Er hatte sogar überlegt,

einen Golflehrer aus dem Nachbarclub um Rat

zu bitten. Der Gedanke wurde jedoch schnell ver-

worfen, nachdem Fahrenbach beobachtet hatte,

wie dessen Opfer auf dem Platz dilettierten.

Da niemand im Club einen ähnlich langen

Drive wie Brigitte Langer zu schlagen vermochte,

kam Fahrenbach schließlich auf die Idee, die

Dame selbst zu fragen. Sie hatte den Ball bereits

in ihrer ersten Golfstunde vor ein paar Jahren

an die 200-Meter-Marke gedonnert, und nach-

dem sie sich die Platzreife zusammengeschossen

hatte, wurde sie mit Laura Davies verglichen.

Nur an der Zielgenauigkeit haperte es noch,

weshalb man ihr riet, bei jedem Schlag laut

FORE zu brüllen.

Wenn Brigittes FOOORE über die Auen

donnerte, säuerte die Milch in den umliegenden

Dörfern, gebaren Kühe tote Kälber, verdunkelte

sich der Himmel und jegliche Kreatur, die

ungeschützt auf dem Platz umherkroch, erzitterte

vor Angst. Doch schließlich lernte sie das

Zielen und wurde Kapitänin unserer Damen-

mannschaft.

Der verliebte Romantiker Fahrenbach, der

in Brigitte die Inkarnation jener Agnes Flack

wähnte, die P. G. Wodehouse in seinen Romanen

beschrieb, zitterte, als er sich ihr auf der Driving

Range näherte. „Ist der Spieler, den Sie kürz-

lich mit Ihrem Drive umgenietet haben, aus

der Reha zurück?“, begann er das Gespräch

etwas ungeschickt. Brigitte schwieg. „Stört es

Sie, wenn ich hinter Ihnen trainiere?“ Brigitte,

die gerade eine weitere Beule in das 200 Meter

Schild gedroschen hatte, hielt inne, betrachtete

das dürre Männlein und schüttelte verwundert

den Kopf, was Fahrenbach als Zustimmung

interpretierte.

Seitdem stand er täglich hinter ihr auf der

Driving Range und versuchte ihren Abschlag zu

imitieren, was so sinnlos wie aussichtslos war –

bis er es mit einem neuen Schwung-Mantra

probierte: RU-DER-ENTEN! Da flog sein Ball

so enorm weit, dass er an der 150-Meter-

Markierung ausrollte, worauf Brigitte sich

erstaunt umdrehte und Fahrenbach vor Glück

rote Backen bekam

.

gt

»Sonst gab es

keine besonderen

Vorkommnisse,

mal abgesehen

davon, dass

unser Gastronom

das Champions-

Dinner mit einem

Champignon-

Essen verwechselt

hatte«

eugen Pletsch

Jahrgang 1952, Autor von

fünf satirischen Büchern

(z. B. „Der Weg der weißen

Kugel“, KOSMOS-Verlag 2015),

lebt als Schriftsteller bei Gießen.

Legendär sind seine Lesungen in

Golfclubs, wo er als Mit-

arbeiter des „Golftherapeutischen

Pflegediensts“ live aus der

Grünen Hölle berichtet.

Info:

home@cybergolf.de

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