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GOLF TIME

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4-2016

39

sität. Als wir am Landepunkt angekommen

sind, blockiert ein mannshohes Gewächs

Seves Schwungebene. Ratlos blickt Manuel,

selbst angehender Golflehrer, zu seinem jün-

geren Bruder.

„Ich wette, gleich geht er in die Knie“, flüs-

tert mir Bubba zu. Und wirklich, Seve kniet

sich hin und versucht, den Ball mit seinem

kleinen Holz unter den Büschen hindurch-

zubefördern. Nach zwei Probeschwüngen

gelingt ihm ein sauberer Kontakt. Die Kugel

schießt ungehindert unter den Sträuchern

hinüber zum Fairway und bleibt etwa 150

Meter entfernt im Vorgrün liegen. Bubba

klatscht verzückt Beifall und ruft auf Eng-

lisch: „Ein echter Klassiker! Bravo, Seve!“

Etwas schüchtern lächelnd nickt der junge

Spanier dem Amerikaner zu.

„Mal sehen, was wir hier haben“, meint

Bubba, als wir sein Spielgerät inmitten der

Bäume rechts der ersten Bahn finden. Seve

und Manuel begutachten die scheinbar aus-

weglose Lage, in der sich Bubbas Ball befindet.

Nur durch eine schmale Gasse zwischen den

eng stehenden Bäumen kann man das Grün

in einer Distanz von etwas mehr als 100 Me-

tern erahnen. Bubba nimmt Maß und zieht

mit dem Sand-Wedge voll durch. Der Ball

zischt wie an der Schnur gezogen durch die

enge Schneise, bleibt jedoch noch im Steigflug

begriffen an einem Baum hängen.

Bubba legt einen weiteren Ball an die

gleiche Stelle. „Sag ihm, ich zahle ihm 100

Dollar, wenn er den bis auf das Grün be-

fördern kann.“

Ich erkläre den Ballesteros-Brüdern Bub-

bas Angebot. Seve zuckt mit den Achseln und

greift wieder zu seinem kleinen Holz. Mit

einem elegant ausgeführten Punch drischt

er den Ball flach nach vorne. Dieser beginnt

nach der halben Distanz leicht anzusteigen

und donnert schließlich geräuschvoll durch

die Äste der letzten Baumreihe. Derart ab-

gebremst, prallt das Spielgerät über die gras-

bewachsenen Erhebungen rund um das Grün

hindurch und passiert auch noch die beiden

Sandbunker. Nur drei Meter neben der Fahne

kommt der Ball zum Stillstand.

„Madre de dios!“, entfährt es Manuel,

Watson ist sichtlich begeistert. Bubba schenkt

Seve den Punkt am erste Loch.

Die zweite Spielbahn heißt „La Rivera“

und ist ein mittellanges Par 3 ohne allzu-

viele Möglichkeiten, sich in Schwierigkeiten

zu bringen. Lustlos spielen die beiden das

Grün mittig an und benötigen jeweils zwei

Putts, um ins Loch zu kommen.

Die dritte Bahn „Colchón“ hingegen ist

ein kurzes, aber sehr enges Par 4. Seve ver-

zieht in den Fairwaybunker rechts, Bubba

drischt seinen Ball links über die

Bäume in Richtung der dahinter

verlaufenden 17, genannt „Las Cue-

vas“, wo er im Rough zwischen Wald

und Fairway liegen bleibt.

Erneut bietet Watson dem jungen Spanier

100 Dollar, sollte er Bubbas Ball bis auf das

Grün befördern können. Seve greift zu sei-

nem Eisen 9 und lässt die Kugel fast parallel

zur Baumreihe starten. Als dieser die Höhe

der Baumwipfel erklommen hat, zieht der

Ball plötzlich wie von Geisterhand gezogen

nach rechts und beschreibt schließlich eine

komplette 90-Grad-Kurve. Bubba klatscht

verzückt Beifall und sprintet an der Seite von

Manuel durch die Bäume zum Grün.

Begeistert klatscht er mit Manuel ab und

steckt ihm einen Geldschein zu.

Bubba schlägt vor, das Matchplay zu ver-

gessen und lässt mich schon jetzt die verein-

barte Gewinnsumme an Manuel auszahlen.

Ganz in der Rolle des spleenigen Millionärs

aus Amerika aufgehend, heckt er fortan mit

Seve immer verrücktere Lagen aus, die es für

diesen zu meistern gilt.

„220 Meter aus dem Bunker auf das Grün,

und der Ball liegt deutlich unterhalb der Bun-

kerkante“, sprudelt es aus dem völlig über-

dreht wirkenden Bubba heraus. „Damit hat

... wird er 1983 gegen Fuzzy Zoeller im Ryder

Cup den Punkt gewinnen. Unfassbar, dass er

den schon drauf hat.“

Bubba und Seve umkurven Toilettenhäus-

chen, befördern Lobshots mit dem Rücken

zum Grün direkt an die Fahne oder üben sich

im einbeinigen Grünbunkerspiel. Die Aufga-

benstellungen werden immer absurder, doch

Seve fällt selbst aus der scheinbar ausweg-

losesten Lage immer noch ein Schlag ein, der

ihn zurück ins Spiel bringt.

Schließlich kommen wir in Sichtweite des

Parkplatzes. Obwohl wir von einem Taxi zum

Golfclub gefahren wurden, schreitet Bubba

suchend zwischen den Autos herum. Neben

einem grünen Seat 133 und einem roten Bar-

reiros Simca schließlich bleibt er stehen und

legt einen Ball auf einen schmalen Grün-

streifen direkt zwischen den beiden Fahr-

zeugen. Hinter einer Hecke befindet sich

das 18. Grün, doch um dieses zu erreichen,

müssen erst vier Reihen teuer aussehender

Automobile überwunden werden, wobei das

erste Modell, ein Mercedes der S-Klasse, nur

etwa fünf Meter vom Ball entfernt parkt.

„Ay, Hombre“, nimmt mich Manuel zur

Seite. „Das ist ein Privatclub. Seve und ich

sind hier nur geduldet. Wenn wir ein Auto

demolieren, fliegen wir alle hochkant raus.“

Ich erkläre Bubba die Lage, der grinsend ein

weiteres Bündel Geldscheine zutage fördert.

„Sag ihm, ich zahle 500 Dollar für den

Grüntreffer, und sollte das Auto beschädigt

werden, behaupte ich, dass ich es gewesen bin.“

„Kein Schaden“, ruft Seve uns in gebroche-

nem Englisch zu und holt aus, bevor Manuel

einen Einwand erheben kann. Der Ball fliegt

haarscharf über die Autodächer hinweg und

verschwindet hinter der Hecke.

Bubba steht an dem Magnolienbaum, den

Seve auf seinem Anwesen in Pedreña selbst

gepflanzt hat. Nur eine Steintafel mit der be-

rühmtgewordenen Jubelpose von der Open

Championship 1984 markiert die Stelle, an

der sein Sohn Javier vor einer Woche die

Asche seines Vaters verteilt hat. In einiger

Entfernung ist Kirchengeläut zu hören. Die

Glocken von Pedreña haben auch für jeden

einzelnen von Seves 91 Turniersiegen geläu-

tet. Und auch während seiner Trauerfeier.

Bubba wirft noch einen letzten Blick auf

die Ruhestätte seines großen Idols. „Danke“,

sagt er leise.

Ich nicke ihm wortlos zu und schlucke den

Kloß in meinem Hals herunter.

gt

BuBBa

WatSon

geboren:

5. November 1978

in Bagdad, Florida

besonderheiten:

Golf-Autodidakt und

zweifacher Majorsieger –

bezeichnet Ballesteros

und dessen Fähigkeit,

selbst in scheinbar aus-

weglosen Situationen

eine Lösung zu finden,

als größte Inspiration für

sein „Bubba-Golf“.