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GOLF TIME
|
1-2018
www.golftime.deGÖTZ
ZITAT
GÖTZ SCHMIEDEHAUSEN
Seit 2011 Mitarbeiter bei
GOLF TIME. Würde gerne
etwas Sinnvolles mit seiner
Zeit anfangen.
F
ang an Golf zu spielen“, hat mir mal
jemand geraten. „Golf ist Balsam für
die Seele, schärft den Geist und trai-
niert den Körper.“ Die schicksalhafte
Begegnung mit dem begeisterten Golfer, der
mir seinen grünen Floh ins Ohr gesetzt hat,
erscheint mir rückblickend wie der Erstkontakt
zu einem Crackdealer.
Heute denke, lebe und atme ich Golf – 24 Stun-
den am Tag. Der erste kritische Blick nach dem
Aufstehen überprüft nicht den Aggregatszustand
meines Spiegelbildes, sondern geht aus dem
Fenster gen Himmel. Schon ein Streifen ver-
heißungsvolles Blau versetzt meinen Körper
umgehend in die Art Aufruhr, die sonst nur
Junkies vorbehalten sein sollte, die nach den
nächsten Schuss gieren. Schlagartig befinde
ich mich im Tunnel, er- und entledige hektisch
lästigeAlltagsstörfelder wie Frau, Kinder, Arbeit
und Körperhygiene, da ich in Gedanken schon
im Stechschritt zum ersten Abschlag eile.
Auch ein wolkenverhangener Tag schreckt
mich nicht ab. Denn die „50 Shades of Grey“ am
Himmel können, müssen jedoch nicht zwangs-
läufig schmerzhaft sein. Sofern derWetterbericht
die Wahrscheinlichkeit für Starkregen mit
unter 99 Prozent berechnet, gilt für mich
der Grundsatz: „Jedes Risiko birgt auch eine
Chance.“ Entweder liege ich tot am Stock oder
halbtot mit einer Lungenentzündung im Bett.
Doch so wie einem Suchtraucher eine Zigarette
nur noch selten wirklich schmeckt, hält sich
auch mein Spaß am „Everyday“-Golf eher in
Grenzen. Meist fühle ich mich schon am ersten
Abschlag mies, vor allem, wenn ich allein spie-
len muss, da meine Golfkumpel allesamt unab-
kömmlich sind (wegen Job oder Familie…diese
Luschen). Schon während der Autofahrt zum
Golfclub rechne ich damit, dass genau in dieser
Sekunde ein Dutzend Seniorenspieler ein spon-
tanes Zählspielturnier ansetzen. Atemlos hetze
ich zur ersten Bahn und sehe wider Erwarten
ein freies Feld vor mir. Dann schweift mein
Blick rüber zum zweiten Tee. Dort entdecke ich
die Busladung AK 65-Spieler, die heute für ihr
Liga-4-Spiel trainieren. Zeitgleich kommt die
Platzaufsicht angefahren und informiert mich
darüber, dass die hinteren neun Bahnen noch
zwei Stunden wegen Platzpflegemaßnahmen
gesperrt sein werden.
Erst durch Golf habe ich gelernt, chronisch
negativ zu denken. So gehe ich immer vom
Schlimmsten aus und rechne damit, dass die
Sieger bei hochdotierten Turnierserien – vor
allem bei nichtvorgabewirksamen Formaten –
allesamt geschummelt haben, jeder Gast-
spieler in den Wintermonaten ein notorischer
Schwarzspieler ist und Martin Kaymer nie
wieder ein Golfturnier gewinnen wird. Fahre
ich in den Golfurlaub, weiß ich, dass mein Golf-
gepäck verloren geht, das Wetter schlecht sein
wird und die Startzeiten so gebucht wurden,
dass spätestens auf Loch 14 die Nacht herein-
bricht. Ich weiß auch schon heute, dass ich mein
erstes Hole in One während einer Solorunde
ohne Zeugen erzielen werde oder mit einem
zweiten Schlag nach einem Ausball. Deshalb
ziele ich bei einem Par 3 meist schon gar nicht
mehr ernsthaft auf die Fahne. Auch wenn das
alles nicht stimmt, habe ich im Vorfeld schon
so intensiv darüber lamentiert, dass es letztlich
keinen Unterscheid mehr macht.
Ich versuche derzeit, etwas Abstand vom Golf
zu gewinnen. Ich gehe viermal die Woche ins
Fitnessstudio, wobei ich ein spezielles Trainings-
programm namens „Golfathlet“ absolviere,
welches bis zu 30 Metern Längengewinn
prophezeit. Zudem fördere ich die Jugend.
Meine vierjährige Tochter spielt schon seit
einem Jahr Golf und 2018 soll das Training
endlich professioneller werden. Wir haben
keine Zeit zu verlieren, denn Lexi Thompson
war 12, als sie erstmals bei der U.S. Open
mitmischen durfte. Da fällt mir ein: Hat Peter
Graf eigentlich eine Biografie über seine
Arbeit mit Steffi geschrieben? Oder kennt
jemand die Telefonnummer von einem dieser
koreanischen „Golfpädagogen“, die Rohdia-
manten zu Brillanten schleifen können ..?
GT
Nur noch einen
letzten Schuss!
»Für mich gilt der
Grundsatz: Jedes
Risiko birgt auch
eine Chance!
Entweder liege ich
tot am Stock oder
halbtot mit einer
Lungenentzündung
imBett«




