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84

GOLF TIME

|

7-2017

www.golftime.de

TRAINING |

SPORTPHYSIO

DR. CHRISTIAN

HAID

Biomechaniker,

Universitätsklinik

Innsbruck

IRRTUM

KOPF UNTEN

HEALTHY SWING

Es muss doch nicht immer der seligmachende „Mainstream“ sein.

V

or einigen Jahren war ich bei einer Golf-

klinik mit Annika Sørenstam und habe

von ihr sehr interessante Bemerkungen

zur Entstehung ihres Golfschwunges gehört

(Annika war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre

lang die weltbeste Golferin). Dabei wurde

mir bewusst, wie sehr Fortschritte durch alte

Lehrmeinungen verhindert werden. Auch die

hierarchischen Strukturen in Aus- und Fortbil-

dungsverbänden können oft wie ein „Klotz am

Bein“ sein.

Annika schilderte, dass sie im Durchschwung

ihr Gewicht nicht auf das linke Bein verlagern

konnte, da jemand zu ihr gesagt hatte, sie

müsse den Kopf unten halten. Dann sagte sie:

„Und ich hab das wirklich gemacht.“ Alle Anwe-

senden lachten, denn das ist eine Aussage, die

wohl fast jeder Golfschüler zu hören bekommt.

Ihr Golflehrer Henry forderte sie auf, den Kopf

mit der Wirbelsäule mitzudrehen, damit sie

die Gewichtsverlagerung leichter durchführen

konnte. Sie übte diese Bewegung. Mit der Zeit

gewöhnte sie sich an diesen Bewegungsablauf,

und so entstand der für sie typische Schwung.

In Wirklichkeit befolgte sie jedoch nicht nur

die Anweisung von Henry, sondern fügte noch

eine weitere vereinfachende Bewegung dazu.

Diese Bewegung ist für die Schwungdurchfüh-

rung aus physikalischen Gründen günstig, aber

auch aus medizinischer Sicht verringern sich

dadurch körperliche Belastungen.

In der Zwischenzeit hat die Golfwelt weiter-

hin versucht, den Schwung von Tiger Woods

nachzuahmen. Tiger wurde schon einige Male

operiert, das ist jedoch für einen „Vorzeige-

schwung“ kein Hindernis. In einem Interview

habe ich nach vielem Positiven über Tiger

Woods und sein Spiel auch geäußert, dass

ich bei seinem Schwung lieber wegschaue. Es

war nicht meine Absicht, diese Aussage zum

Titel des Artikels werden zu lassen, aber viel-

leicht kann man wirklich nur mit markanten

Aus-sagen Leser erreichen. Mein Wegschauen

rührt daher, dass ich bei bestimmten Bewegun-

gen auch die dabei auftretenden körperlichen

VORBILDLICH

Annika Sørenstam schaut dem Ball

nach. Das entlastet die Wirbelsäule

Belastungen erkenne. Da kann man die un-

weigerlich auftretenden Schmerzen schon im

Vorfeld spüren.

Nun ist es an der Zeit, verkrustete Lehrmeinun-

gen aufzubrechen und „Golf gesünder werden

zu lassen“. Ich lese dazu aufmerksam, wie sich

verschiedene Gruppierungenmit demThemen-

kreis auseinandersetzen, und stelle fest, dass

leider echtes interdisziplinäres Denken fehlt.

Es fehlen die physikalischen Analysen, weshalb

der Golfschläger schnell wird, und es werden

muskelphysiologische Phänomene halbherzig

interpretiert. Die Funktion und der Belastungs-

mechanismus der Bandscheibe werden kaum

erwähnt, und so sind Fortschritte in der Ent-

wicklung des Golfschwunges spärlich.

Vielleicht fällt das nur mir als Physiker und Bio-

mechaniker auf. Lösungsstrategien gibt es

schon lange. Mit ihnen ist gesundes Spitzen-

golf möglich. Auch unter Topspielern auf der

Tour findet man immer häufiger gesunde

Schwünge. Jetzt stellt sich nur die Frage, ob wir

Golfer warten müssen, bis ein gesunder

Schwung eines Topgolfers zum Leitbild wird,

oder ob vielleicht doch auf wissenschaftliche

Grundlagen zurückgegriffen werden kann.

Bis dahin werden noch viele Bandscheiben

operiert, denn es dauert eben lange, bis vor-

gefasste Meinungen langsam verblassen.

GT

»Mein Lösungsansatz heißt

Healthy-Swing.at

.

Es gehört Mut und innere

Überzeugung dazu, diesen Schritt

zu gehen, denn man verlässt

den Mainstream. Aber mit

Einsatz und etwas Geduld

kann man dann mit viel Spaß

erfolgreich golfen«

IRRGLAUBE

Wer hat

uns eingeredet, wir

müssen den Boden

unter dem Ball

anschauen? Das

behindert die

Drehbewegung

und erzeugt hohe

Belastungen