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84

GOLF TIME

|

6-2016

www.golftime.de

TRAINING |

SPORTPHYSIO

Dr. Christian

haiD

Biomechaniker,

Universitätsklinik

Innsbruck

Pendel und

Peitsche

WeiteNJAGD

Warum es extrem wichtig ist zu verstehen,

weshalb so wenig Krafteinsatz im Golfschwung zu weiten

Schlägen führt.

d

er Golfschwung hat Elemente eines

Pendels und Elemente einer Peitsche.

Beide zusammen führen zu hoher

Schlägerkopfgeschwindigkeit. Die-

jenigen, die imstande sind, die vorkommenden

physikalischen Effekte perfekt aufeinander

abzustimmen, erreichen mit minimiertem

Kraftaufwand die größten

Schlagweiten. Longhitter sind

imstande, mit ihrer Kraft diese

Effekte zu unterstützen. Auch

wenn wir bei diesen Spielern

angespannte Muskeln sehen,

sind die Spieler doch fähig,

den Schläger freizugeben. So gesehen bleibt

bei allem Kraftaufwand das Element „den

Schläger schwingen lassen“ erhalten.

Ein Pendel dreht sich um seine Aufhängungs-

achse. Es schwingt umso langsamer, je länger

es ist. Das kennen wir von den Pendeluhren.

Somit müssen wir uns beim Driver auf einen

langsameren Rhythmus einlassen als z. B.

beim Eisen 7. Das Pendel genauer zu erklären,

ist wohl nicht notwendig, denn wir sind mit

dieser Bewegung vertraut. Es ist aber eine gute

Übung, Bälle zu schlagen und möglichst nur

die Schwerkraft wirken zu lassen. Es verblüfft,

wie weit der Ball nur aufgrund der ungehin-

derten Pendelbewegung fliegt.

Um den Peitscheneffekt zu erklären, müssten

wir einen Ausflug in die Physik machen, aber

das möchte ich dem Leser an dieser Stelle er-

sparen. Diese Information liefere ich in meinen

Golfstunden. Es ist extremwichtig zu verstehen,

weshalb so wenig Krafteinsatz im Golfschwung

zu weiten Schlägen führt. Experimentell ist das

leicht verständlich und es lässt sich auch gut

fühlen. Wer einmal weiß, worauf es ankommt,

der kann dann sehr gut selbstständig trainieren.

Zusammen mit Kai Fusser, dem Fitnesstrainer

der einst weltbesten Golferin (Annika Sørenstam),

habe ich Übungen entwickelt, mit denen man

wichtige Bewegungsdetails sehr gut üben

kann.

Das Gefühl, das bei einem Schwung entstehen

soll, ist leicht erklärbar. Man muss versuchen,

locker und mit möglichst wenig Krafteinsatz zu

agieren. So wie ein Kind den Schläger locker

schwingt. Diese Bewegung

nachzuahmen, ohne dabei auf

das Treffen des Balles zu achten,

ist lehrreich. Sich dabei auf den

Körper zu konzentrieren und

zu spüren, wie bestimmte Be-

wegungsabläufe den Schläger

wie von selbst beschleunigen, ist ein wichtiger

Schritt zu einem guten Golfschwung. Wir lernen

dabei Bewegungselemente, die wir im Golf-

schwung ausnützen sollten. Unsere Schlag-

weite beschränken wir häufig, weil wir den

Ball treffen wollen, uns dabei verkrampfen

und Kraft falsch einsetzen. Auch die ständige

Korrektur des Griffes ist kontraproduktiv, da sie

häufig zu verkrampfter Schlägerhaltung führt.

Zugegeben, anfangs führt Lockerheit zu Fehl-

schlägen, denn wir müssen erst lernen, be-

stimmte Bewegungen zuzulassen und doch

wichtige Randbedingungen einzuhalten. Aber

es ist notwendig, manche Bewegungsmuster

in übertriebener Form zu üben. Somit gelingt

die Verbesserung des Golfschwunges nur durch

Inkaufnehmen von Fehlschlägen.

Den Golfschwung zu erlernen und zu verbes-

sern beinhaltet daher unterschiedliche Aspekte.

Meistens beobachtet man den Versuch, den

Ball sauber zu treffen und möglichst genau zu

zielen. Auch bei der Beobachtung von Golf-

stunden habe ich den Eindruck, dass darauf

viel Wert gelegt wird. Das sind jedoch meines

Erachtens Details, die sehr wichtig werden,

wenn man bereits einen guten Schwung hat.

Somit wird aus meiner Sicht das Falsche

trainiert. Es wird versucht, mit einem schlech-

ten Golfschwung einen guten Score zu spie-

len. Bis zu einem gewissen Grad gelingt das ja

auch, aber das Schönste am Golfsport, den Ball

mit Leichtigkeit an sein Ziel zu befördern, das

bleibt dabei auf der Strecke.

Somit ist mein Ziel im Golfunterricht ein ganz

anderes. Zuerst einen Golfschwung erlernen,

der sich frei, locker und cool anfühlt. Gleich-

zeitig darauf achten, dass dieser Schwung den

Körper nicht unnötig belastet. Das hat dazu ge-

führt, dass viele Golfer, die zu mir gekommen

sind, jetzt schmerzfrei spielen. Einige behaup-

ten sogar, dass ihnen Golfen gegen Rücken-

beschwerden hilft.

Zusätzlich sollte der Golfer die Hintergründe

eines guten Golfschwunges kennen, denn

üben muss jeder für sich. Somit erreicht man,

dass Golfer sich selbstständig weiterentwickeln

und nur zwischendurch Kontrollen hinsichtlich

unbeabsichtigter Fehlbewegungen notwendig

sind.

Mir kommt an dieser Stelle die prägnante

Formulierung einer Golferin in den Sinn:

„Lieber cool geschwungen als verbissen ge-

rissen“.

Gt

»Leider

sehe ich fast

nie gute

schwünge«

JOHN DALY

Man kann über ihn denken wie

man will, aber er hat ein sagenhaftes Gefühl für

die „peitschende“ Wirkung des Golfschlägers