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GOLF TIME
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7-2016
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Die zwölf Spieler
des siegreichen U.S. Ryder Cup-
Teams. Erster Sieg seit 2008
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RYdeR Cup 2016
MOMEnTuMpaLMEr
Team geschafft hatte. Dabei hätte doch vor
allem ihm als Ryder Cup-Veteranen bekannt
sein müssen, dass der europäische Qualifika-
tionsmodus so seine Tücken besitzt.
Erstens fällt der Zeitpunkt, zu dem ein
Spieler gute Ergebnisse erbringt, kaum merk-
lich ins Gewicht. So gelangen bspw. dem Eng-
länder Andy Sullivan, der 2015 eine relativ
starke Saison spielen konnte, seit dem Früh-
jahr jedoch keine außergewöhnlichen Leis-
tungen mehr und in den Wochen vor dem
Ryder Cup verpasste er sogar reihenweise
Cuts. Trotzdem schaffte er die direkte Quali-
fikation fürs Team.
Zweitens fällt die Leistung der Spieler auf der
European Tour im Verhältnis zu ihrer Posi-
tion in der Weltrangliste und damit zu ihren
Erfolgen auf der PGA Tour zu stark ins Ge-
wicht. Dabei liegt der klare Fokus der Stars
aus Europa doch schon lange auf der deutlich
lukrativeren amerikanischen Tour.
Und drittens hat die European Tour be-
stimmt, dass ein Spieler ohne Tour-Mitglied-
schaft nicht mitspielen darf, auch nicht als
Captain’s Pick. Deshalb musste der aktuell
nach Rory McIlroy beste Europäer auf der
PGA Tour, der Engländer Paul Casey, bei
diesem Ryder Cup aussetzen.
Auch den Zeitpunkt der Bekanntgabe sei-
ner Entscheidung hätte Clarke ebenso wie
Davis Love um einige Wochen nach hin-
ten verschieben können, um wirklich
nur die Spieler zu berufen, die sich
direkt vor dem Ryder Cup in Best-
form befinden. Doch Darren Clarke
verkündete schon fünf Wochen vor
dem ersten Schlag in Hazeltine seine
Captain’s Picks.
Sinnbildlich für Clarkes Fehlerkette bei der
Aufstellung des Teams ist die Causa „Russell
Knox“. Ende 2015 gewann der Schotte die
hochklassig dotierte WGC-HSBC-Champions,
doch die Qualifikationspunkte, die er für
diesen Sieg kassiert hätte (und mit denen er
direkt für das Ryder Cup-Team qualifiziert
gewesen wäre), wurden nicht berücksichtigt.
Denn erst Anfang 2016 trat Knox der Euro-
noch so kleine Detail analysiert und auf den
Prüfstand gestellt. Denn wären die Europäer
2016 erneut mit der erstaunlich kleinen, jedoch
so unglaublich heißbegehrten Trophäe im
Gepäck nach Hause gereist, hätten die ame-
rikanischen Fans (und wahrscheinlich auch
der eine oder andere Spieler) vielleicht wirk-
lich die Lust am ewigen „Dabei sein ist alles“
verloren.
Doch egal, wie verschmerzbar eine Nieder-
lage im Ryder Cup auch erscheinen mag, sie
wirft trotzdem Fragen auf. Allen voran: Hat
der Kapitän des Verliererteams den bestmög-
lichen Job gemacht?
FAST ALLES FALSCH GEMACHT
Darren Clarke wird wohl nicht als der beste
Kapitän einer europäischen Mannschaft in
die Golfannalen eingehen. Das hat das Ver-
lieren für Teamchefs bei siegesgewohnten
Mannschaften nun einmal so an sich. Doch
auch unabhängig davon muss sich der Nord-
ire nach Abschluss seiner zweijährigen Arbeit
so manchen Vorwurf gefallen lassen. Zwar
wollte er nicht selbst zum Schläger greifen, um
das drohende Unheil abzuwenden. Wohl aber
verfügte er über die Schalthebel, das euro-
päische Team optimal auf- und einzustellen.
Die ersten vermeidbaren Fehler hinsicht-
lich der Aufstellung unterliefen Darren Clarke
schon kurz nach seiner Ernennung zum
Kapitän. Anstatt sich wie sein Konterpart Da-
vis Love III vier Wild Cards zu gönnen, be-
ließ er es bei nur drei Optionen, selbst einen
formstarken Spieler berufen zu können, der
es über die Qualifikationsrangliste nicht ins
Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, aus dem
Leben zu scheiden. Es ist immer zu früh, und
auch immer gerade zum falschen Zeitpunkt.
Der 41. Ryder Cup steht durch das Ableben
von Golf-Legende Arnold „Arnie“ Palmer am
Sonntag vor dem Event plötzlich in einem
ganz anderen Licht: Stand doch dieses emo-
tionale Duell zwischen USA und Europa ganz
im Zeichen des Gedenkens an den sieben-
fachen Major-Sieger und „The King“, so sein
Kumpel und bester Freund Jack Nicklaus.
Was das bedeutete? Dass das Momentum
auf einmal auf Seiten der Amerikaner stand
– unabhängig von der ohnedies sportlichen
Favoritenrolle der
Hausherren. Erin-
nern wir uns an den
Ryder Cup in Medinah
2012: Team Captain José
María Olazábal verstand es,
das Andenken an den verstorbenen Seve-
riano Ballesteros geschickt mit ins Kampf-
geschehen zu bringen: „Wir spielen hier für
Seve“, so die psychologisch geschickte Devise
von Olazábal. Das Ergebnis war sensationell:
Europa lag chancenlos mit vier Punkten zu-
rück, gewann am Schlusstag im Matchplay
dann doch noch den Ryder Cup (14,5:13,5).




