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Fortbildung aktuell – Das Journal
der Apothekerkammer Westfalen-Lippe 5
Dr. Hiltrud von der Gathen
Polymedikation im Alter ist in aller
Munde. Der Aktionsplan AMTS 2013 bis
2015 des Bundesministeriums für Gesund-
heit dokumentiert den hohen politischen
Stellenwert des Ziels, die Sicherheit von
Arzneitherapien zu erhöhen. Während
lange Zeit unter Arzneimittelsicherheit
vor allem die Sicherheit des Arzneistoffs
und -mittels verstanden wurde, rückt nun
die Sicherheit der bestimmungsgemäßen
Anwendung weiter in den Vordergrund.
Hier verbirgt sich ein großes Potenzial,
nicht nur Kosten im Gesundheitssektor zu
sparen, sondern vor allem den Patienten
vor vermeidbaren Schäden einer Arznei-
therapie zu schützen und durch die rich-
tige Anwendung der passenden Arznei-
mittel und Arzneiformen seine Lebens-
qualität positiv zu beeinflussen.
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Während der Patient im Diagnoseprozess
zumeist umfangreich betreut wird, ist er
nach Diagnosestellung für den bestim-
mungsgemäßen Gebrauch seiner Medi-
kation weitgehend allein verantwortlich.
Gerade der ältere Mensch mit Dauerme-
dikation bedarf dabei eines stärkeren Bei-
standes. Zu Beginn der Therapie muss er
die gute, heilende Wirkung seiner Arznei-
mittel erkennen, anerkennen und im Um-
gang mit Nebenwirkungen geschult wer-
den. Im Verlauf der Therapie muss über-
prüft werden, ob sich Fehler bei der An-
wendung bewusst oder unbewusst einge-
stellt haben.
Für diese patientennahe Begleitung ist
der Apotheker so gut ausgebildet wie
kein anderer im Gesundheitswesen. Hier
gilt es, die Verantwortung mit Elan und
Schwung kompetent zu übernehmen, sie
gegen Begehrlichkeiten von anderer Seite
zu verteidigen und die einzigartige apo-
thekerliche Arzneimittelkompetenz über-
zeugend darzustellen, in die Praxis umzu-
setzen und zu verteidigen.
Das Horrorszenario der Kosten
Beim Thema Polymedikation impo-
niert das Horrorszenario der Kosten. In
Deutschland nehmen ca. sieben Millionen
Mitbürger fünf oder mehr Medikamente
ein.
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Jeder zweite jedoch nimmt seine
Arzneimittel nicht wie verordnet ein.
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Je-
de fünfte Krankenhauseinweisung er-
folgt wegen unerwünschter Arzneimittel-
wirkungen. 25 Prozent davon sollen ver-
meidbar sein.
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Nach einer Untersuchung
von IMS Health 2013 soll sich ein Einspar-
potenzial von 13 Milliarden Euro erge-
ben, würden Arzneimittel richtig verwen-
det. Werden Folgekosten mit einbezogen,
erhöht sich die Summe sogar auf 19 Mil-
liarden Euro.
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Folglich spart die Verbesse-
rung der Anwendung erhebliche Kosten.
Die „neuen“ Alten
Wer verfolgt hat, dass Heino letztes Jahr
in Wacken – dem größten Heavy-Metal-
Festival der Welt – mit 75 Jahren im roten
Nietenmantel zusammen mit Rammstein
gerockt hat, der weiß, dass die Zeiten
vorübergehen, in denen man beim Se-
niorenkaffee Catarina Valente und Pe-
ter Alexander hört. Lange wird es nicht
mehr dauern, bis dort „I can’t get no sa-
tisfaction“ gespielt wird. Die „neuen“ Al-
ten sind nicht mehr die „alten“ Alten. Die
ehemalige, rebellierende 68er-Genera-
tion kommt ins Rentenalter. 50 Prozent
der heute über 50-jährigen weisen bereits
mindestens drei chronische Erkrankungen
auf, die keine Bagatellerkrankungen son-
dern behandlungsbedürftig sind.
3
In Zukunft wird bei der Beratung des-
halb die paternalistische Entscheidungs-
findung an Bedeutung verlieren, bei der
einer (Arzt oder Apotheker) sagt, was ge-
macht wird und der andere (Patient) dem
gehorsam Folge leistet. Vielmehr wird die
partizipative Entscheidungsfindung an
Bedeutung gewinnen, bei der beide Sei-
ten gleichberechtigt an der Therapieent-
scheidung beteiligt sind.
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Der multimor-
bide, ältere Patient wird in der Zukunft
nicht nur
be-
handelt werden, sondern
vermehrt wird der Berater mit ihm über
die Therapie
ver
-handeln müssen. Zum
Beispiel darüber, welche seiner Beschwer-
den behandelt werden können und müs-
sen und was der Patient bereit ist, dafür
zu leisten oder in Kauf zu nehmen. Ver-
teidigt er seine Arzneitherapie gegen-
über Angriffen von außen? Hält er zu er-
Dr. Hiltrud von der Gathen
ist Mitglied
im Wissenschaftlichen Beirat der Bun-
desapothekerkammer. Neben ihrer Re-
ferenten- und Autorentätigkeit ist sie
bundesweit als Referentin und als Ver-
tretung in Apotheken tätig.
Polymedikation im Alter
Praxisbeispiele zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS)
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