FB-aktuell_Journal_1_2014 - page 8

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Fortbildung aktuell – Das Journal
der Apothekerkammer Westfalen-Lippe
Polymedikation im Alter
ren möchte und ihm beispielsweise erläu-
tert, dass eine gelegentliche Nebenwir-
kung höchstens einen von 100 Patienten
trifft, dann hört man oft die Antwort:
„Und der bin ich!“
Hier kann man sich eine Beobachtung der
Psychologie zunutze machen, dass die
meisten Menschen lieber zu einer größe-
ren Gruppe gehören. Dieses Phänomen
stammt noch aus der Zeit unserer Vorfah-
ren. Das Überleben war eher gesichert,
wenn Männer gemeinsam auf die Jagd
gingen, Frauen gemeinsam das Feld be-
stellten und die Kinder hüteten. Deshalb
sollte in einem Beratungsgespräch nicht
erwähnt werden, wie viele Patienten ei-
ne Nebenwirkung möglicherweise erlei-
den sondern, wie viele sie nicht verspüren
werden. Der Appell lautet folglich: „Las-
sen Sie Nebenwirkungen in die Ferne rü-
cken!“ (Abbildung 2).
Nebenwirkungen – Was kann der Apo-
theker raten
Das größte Problem beim Umgang mit
Nebenwirkungen ist, dass der Patient
meistens damit allein gelassen wird. Si-
cher ist es nicht hilfreich, alle im Beipack-
zettel aufgelisteten Nebenwirkungen mit
ihm zu besprechen. Durch diese Hinweise
könnte der Patient seine Wahrnehmung
auf genau diese Wirkungen fokussieren
und sie dann auch im Sinne einer „Self-
fulfilling-prophecy“ verspüren.
Bei manchen Nebenwirkungen ist es
schwer, sie eindeutig mit der Arzneimit-
telgabe zu erklären. Dazu gehören Ne-
benwirkungen wie Unwohlsein, Abge-
schlagenheit, Gähnen, Konzentrations-
störungen, Nervosität, die bei vielen Arz-
neimitteln als mögliche Nebenwirkungen
im Beipackzettel aufgelistet sind und die
häufig auch ohne Arzneimitteleinnahme
oder krankheitsbedingt auftreten. Die
Beratung sollte sich deshalb vor allem auf
die Nebenwirkungen konzentrieren, die
aus der Wirkung der Arzneistoffe abge-
leitet werden können und die erfahrungs-
gemäß häufig oder sehr häufig auftre-
ten. Hier müssen dem Patienten Ratschlä-
ge gegeben werden, wie er mit den Ne-
benwirkungen umgeht. In manchen Fäl-
len gewöhnt sich der Organismus an den
Arzneistoff und die Nebenwirkung ver-
schwindet nach einiger Zeit. Durch Kon-
kretisierung des Einnahmezeitpunktes
bezüglich der Mahlzeit lassen sich ande-
re Nebenwirkungen abmildern. Schluss­
endlich kann dem Patienten auch eine Be-
gleitmedikation empfohlen werden, da-
mit er nicht so stark unter den Nebenwir-
kungen leidet. Manchmal muss ihm aller-
dings auch geraten werden, das Mittel so-
fort abzusetzen, wenn er eine bestimmte
Nebenwirkung verspürt und sich in ärzt-
liche Behandlung zu begeben.
Nebenwirkung Kopfschmerzen
Arzneimittel können beim Patienten
Kopfschmerzen auslösen (Tabelle 4). Da-
zu zählen vor allem gefäßaktive Substan-
zen, die eine Dilatation der Gefäße bewir-
ken, um die Blutversorgung zu verbessern
und / oder den Blutdruck zu senken. Dazu
gehören Calcium-Kanal-Blocker wie Am-
lodipin, Felodipin, Nifedipin, Diltiazem
und Verapamil. Weitere Beispiele sind
zentralwirksame Antisympathotonika wie
Clonidin und Moxonidin. Ebenfalls kön-
nen NO-freisetzende Arzneistoffe als Ne-
benwirkung Kopfschmerzen hervorrufen
wie Isosorbidmononitrat (ISMN) / Isosor-
biddinitrat (ISDN), Nitroglycerin und Mol-
sidomin. Auch die bei erektiler Dysfunk-
tion eingesetzten Phosphodiesterase-5-
Hemmer (PDE-5-Hemmer) Sildenafil, Ta-
Tabelle 3:
Einschätzung der Häufigkeit von Nebenwirkungen 2013.
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Definition laut BfArM
häufig:
1 - <10 %
gelegentlich:
0,1 – 1 %
selten:
0,01 - < 0,1 %
Einschätzung Ärzte
60 %
10 %
5 %
Einschätzung Apotheker
50 %
10 %
3 %
Abbildung 2:
Betonen Sie, wie viele Patienten die Nebenwirkung nicht bekommen.
Lassen Sie Nebenwirkungen in die Ferne rücken.              Foto: Coco / Fotolia.com
Selten:
999 von 1000 nicht
Gelegentlich:
99 von 100 nicht
Häufig:
90 von 100 nicht
1,2,3,4,5,6,7 9,10,11,12,13,14,15,16,17,18,...28
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