Blickpunkt Schule 3/2022

Zeitschrift des Hessischen Philologenverbandes

Ausgabe 3/2022 · D 30462

SCHULE

Kulturelle Bildung Die Schule als Kulturort

Bild: yrafoto/AdobeStock

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

doch wäre es gleichzeitig dringende Aufgabe der Regierung, für eine ent- sprechende personelle Ausstattung und Ausbildung Sorge zu tragen. Hier besteht noch großer Handlungsbe- darf. Ich wünsche Ihnen schon heute erhol- same Ferien, die Sie alle sicher drin- gend zur Regeneration benötigen. Achten Sie auf Ihre Gesundheit. Herzlichst Ihr

Im schulischen Bereich ist zwar das kulturelle Lernen fest verankert, doch ist auch hier zu beobachten, dass die kulturelle Bildung manchmal leicht- fertig zugunsten vermeintlich ’wichti- gerer’ Lerninhalte zurückgefahren wird. Verstärkt wird dies durch das Fehlen von Fachlehrkräften, insbeson- dere in den Fächern Kunst und Musik. Die in dieser Ausgabe vorgestellten Projekte des Hessischen Kultusminis- teriums sind zwar sicher zielführend,

von CHRISTOF GANSS

In eigener Sache Inhalt

in einer Zeit der Un-Kultur, in der ein grausamer Krieg zur Normalität zu werden droht, gilt es, die kulturellen Werte, die uns verbinden, hochzuhalten und eine Gegenkultur zur fortschrei- tendenVerrohung zumanifestieren.

Senioren » Pensionärstreffen 2022 in Alsfeld ..................................................................... 46 » Inflations- und Energieausgleich für alle hessischen Versorgungsempfänger gefordert .................................................. 47 Hauptpersonalrat » Nachrichten aus dem HPRS ................................................................................ 47 Rechtstipps » Im Fokus der Gerichte .......................................................................... 50 Buchbesprechung » Zukunft Schule ..................................................................................... 53 Personalien » Geburtstage | Wir trauern um ............................................................................ 54

Editorial » Die besondere Bedeutung von kultureller Bildung .............................................. 3 Kulturelle Bildung » Die Schule als Kulturort ........................................................................................ 4 » Struktur, Organisationsform, Selbstverständnis – warum tun wir, was wir tun? Wie tun wir es? ........................................................ 5 » Profilschulen Kulturelle Bildung Hessen .............................................................. 6 » KulturSchule Hessen ............................................................................................. 8 » ’Das Fliegende Künstlerzimmer’ .......................................................................... 9 » Literarisches Schreiben in der Schule ................................................................ 10 » Musikunterricht – Persönlichkeitsbildung – Kulturelle Nachhaltigkeit ............. 11 » Glücksfall klingende Schule ................................................................................ 14 » Theater und Darstellende Kunst für ALLE in ALLEN Schulen Hessens möglich machen ......................................................... 17 Kulturelle Bildung – über den Tellerrand geschaut » Schule mit Musik gestalten ................................................................................ 22 » Grundschule Theater für ALLE! .......................................................................... 23 Klartext » Für mehr Qualität im Abitur ................................................................................ 24 Nützliche Apps für die Unterrichtspraxis » Snagit™ ................................................................................................................ 25 » Weitklick – wie soll man mit Fake News und Desinformationskampagnen im Unterricht umgehen? .................................................................................... 26 Außerschulische Lernorte in Hessen » Literaturhaus Frankfurt ...................................................................................... 27 » Theateratelier 14h Offenbach ............................................................................ 28 » Kopfknistern – Festival für Erzählkunst und Performance ............................... 29 Berichte » Wechsel an der dlh-Spitze ................................................................................. 30 » Neue Mitglieder in der Landesleitung des dbb Hessen .................................... 30 » Stärke durch Vernetzung ..................................................................................... 31 » Bundestagung der Jungen Philologen .............................................................. 32 » Märchen und Bildungssprache | Märchen und Computerspiele ....................... 34 » Eine Kooperation trägt erste Früchte ................................................................. 35 hphv intern » Tätigkeitsberichte des Vorstandes des hphv: Reinhard Schwab ................................................................................................ 36 Annabel Fee ......................................................................................................... 37 Thorsten Rohde ................................................................................................... 38 Björn Bock ........................................................................................................... 39 Matthias Schuster .............................................................................................. 40 Boris Krüger ......................................................................................................... 41 Borries Alexander Thiele ..................................................................................... 42 Dr. Iris Schröder-Maiwald ................................................................................... 42 » Bearbeitung der Anträge .................................................................................... 44

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» Klartext

Für mehr Qualität im Abitur

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» Außerschulische Lernorte in Hessen Kopfknistern

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» Berichte Eine Kooperation trägt erste Früchte

SCHULE

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Die besondere Bedeutung

Editorial

Bild: pict-rider/AdobeStock

von kultureller

Bildung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Bildungsanspruch zunehmend an der widrigen Realität stößt, die allzu oft durch grundlegende erzieherische Aufgaben in den Klassen, Belastun- gen durch Integration und Inklusion, aber auch durch Administration ge- kennzeichnet ist. In der heutigen Zeit erleben wir ’In- szenierungen‘ irrationaler Akteure, die sich als ’Anti-Kultur’ gerieren; immer wieder werden wir mit neuen Irrsin- nigkeiten konfrontiert, die nicht sel- ten auf ideologischer Verblendung beruhen. Umso wichtiger ist es dann, dass wir uns – im Zuge einer kulturel- len Bildung – entschlossen und einig auf kulturelle Entwicklung und deren Errungenschaften besinnen. Wir können uns in den Schulen nicht nur mit den zum Überleben nötigen Ressourcen begnügen, sondern wir brauchen Zeit und Muße für solche bildende Prozesse, die sich in Wissen, Kultur und daraus resultierenden Hal- tungen niederschlagen. Ich wünsche Ihnen viel Freude an der neu aufblühenden kulturellen Reg- samkeit und verbleibe mit kollegialen Grüßen Ihr Reinhard Schwab

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von REINHARD SCHWAB Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes

ein weiteres Themenheft liegt vor, es setzt ein Ausrufezeichen in Sachen kultureller Bildung und Kultur – »ein weites Feld«, um mit Fontanes Briest zu sprechen. Diesbezügliche Unter- nehmungen wie beispielsweise Theateraufführungen, Museumsbe- suche sowie Darbietungen im Be- reich von Kunst und Musik erlebten im Laufe der Pandemie eine Durst- strecke, die gerade hoffentlich ein Ende findet. Denn die Bedeutung der kulturellen Bildung steht außer Frage. So weist denn auch das Hessische Schulgesetz die kulturelle Praxis als besondere Bil- dungs- und Erziehungsaufgabe aus. Und in eigens zertifizierten ’Profil- schulen Kulturelle Bildung’ werden in unterschiedlichen Sparten entspre- chende Schulentwicklungsprozesse gefördert. Diese Form der Bildung trägt dazu bei, dass auch Kinder und Jugendliche sich intensiver mit Kultur – etwa Lite- ratur, Kunst, Musik – beschäftigen und auseinandersetzen, was in eine

gesteigerte Erfahrung und Bewälti- gung der Gegenwart münden kann. Bei der Bildung gehe es – so ein Dik- tum des Schweizer Philosophen Peter Bieri – »um alles«, eine kulturell ver- ankerte Bildung schaffe eine »seeli- sche Identität«. Nicht unerwähnt lassen sollte man den Hinweis, dass auch wir Lehrkräfte in unserem Um- feld Träger von Kultur sind und kultu- relle Bildung eines unserer Marken- zeichen ist. Schulische Inhalte beziehen ihre Legi- timation dadurch, dass sie einen Bei- trag zumWelt- und Selbstverständnis der jungen Menschen leisten. Was aber Schule völlig überfordert, ist, wenn sie gesellschaftliche Fehlent- wicklungen und Probleme kompen- sieren soll. Das kann nicht genug be- tont werden. Ebenfalls bedenklich ist die Tatsache, dass sich der schulische

SCHULE

Die Schule als Kulturort Oder: Wozu braucht man kulturelle Bildung in der Schule? i D ie Schule ist im Kern dazu da, der jüngeren Generation syste- matisch den Zugang zu zentra- ten die Künste. Weil die Künste unglaub- lich vielfältige und interessante Erfah- rungs- und Aktivitätsmöglichkeiten bie- ten, die das Leben bereichern, werden sie von allen gebraucht. Denn Menschen leben nicht in einer

Der Autor

Kulturelle Bildung

len Bereichen der vorfindlichen Kultur der Gesellschaft zu eröffnen und gleich- zeitig die subjektiven Voraussetzungen zur Weiterentwicklung ebendieser Kultur zu schaffen. In dieser Hinsicht geht es um Enkulturation. Die Schule tut dies in kulturell gestalteten Umgebungen und Formen, in sozialen und personalen Be- ziehungen, die von allen Beteiligten im- mer auch ästhetisch wahrgenommen und bewertet werden; sie bildet also von vornherein einen Kulturraum. Und in die- sem Rahmen werden dann auch die äs- thetisch-künstlerischen Gegenstände und Praxen zu einer eigenen großen Bil- dungsaufgabe. Allerdings ist die Bedeutung dieser Ge- genstände und Praktiken immer wieder umstritten. Dass es sich bei Kunst und kultureller Bildung hauptsächlich um lu- xuriöse Glasperlenspiele handele, ist in der Gesellschaft, auch in den Schulen und der Politik schließlich nach wie vor eine gerne vertretene Ansicht. Unbestritten ist dagegen, dass man für das moderne Leben mathematisch-naturwissenschaft- liche, sprachliche, historische, sozialwis- senschaftliche und politische Bildung so- wie Sport braucht. Auch Religion und/oder Ethik werden in Deutschland nicht ernst- haft infrage gestellt. Kontrovers wird es erst bei den Künsten, also bei Musik, bil- dender Kunst, Literatur, Theater, Tanz, Film etc. Da hört der Konsens schnell auf. Aber bei Liebeskummer oder bei Schmet- terlingen im Bauch hilft die Mathematik nun mal nicht. Da braucht man Gedichte, Lieder, Bilder, Filme, Dramen. Auch bei der Frage nach der eigenen Erscheinung, den Maßstäben der Selbst- darstellung helfen die sprachlichen, na- turwissenschaftlichen und historisch-po- litischen Kenntnisse und Fähigkeiten we- nig. Man kann es schließlich nicht vermei- den, zu erscheinen, aufzutreten, zu spre- chen, sich und etwas darzustellen. Da braucht man Vor-Bilder und Lern-Chan- cen. Die besten und interessantesten bie-

Welt, wie sie ist, sondern in einer Welt, wie sie sie wahrnehmen und die sich damit als ihre von allen anderen Welten unterschei- det. In dieser Welt stellen sie sich dar, drü- cken sie sich aus, diese Welt gestalten sie. Wie sie das tun, lernen sie. Die Künste bieten mit ihren Klang- welten, Bewegungswelten, Bildwelten, Sprachwelten etc. das reichste und an- spruchsvollste Repertoire für Wahrneh- mung und Gestaltung, das es gibt. Zu- gleich sind sie immer für Überraschungen gut. Die hier zu erwerbenden Fähigkeiten und Fertigkeiten sind daher eine wesentli- che Grundlage von allem anderen. Denn Wahrnehmungsfähigkeit und Gestal- tungsfähigkeit sind Grundlage auch aller kognitiven Leistungen und Operationen. Man kann nicht denken, wenn man nicht wahrnehmen und gestalten kann. Man kann nicht gut leben, wenn man seine Sin- ne nicht differenziert gebrauchen kann. Differenziert zu hören lernt man durch das Hören und Spielen von Musik, differenziert zu sehen lernt man durch das Sehen und Machen von Bildern, sich differenziert zu bewegen durch Tanzen und Beobachtung von Tanz. ImTheater und im Film erfährt man, wie die Welt sein und was sie bedeu- ten kann. Und die Literatur führt in das Gespräch mit den historischen und aktu- ellen Kulturen der Welt und damit zugleich mit der eigenen Person. Die Künste sind also kein überflüssiger Luxus, sie sind eine wesentliche Grundla- ge. Was bisher in den Künsten überhaupt möglich war und wo dort bisher die Gren- zen lagen, erfährt man bei den Könnern und ihren Werken. Was einem selber mög- lich ist, erfährt man durch Fantasie, Ima- gination, Praxis und Übung. Dafür braucht man aber Zeit und Muße. Es gibt dabei keine Grenzen der Perfektion. Alles geht auch anders und alles geht auch besser. Erst in diesem Horizont kann sich die

Macht der kulturellen Bildung im vollen Umfang entfalten. Daher ist es wichtig, auch die schulische Praxis weiterzuentwickeln und die Schulen zu Kulturorten in einem umfassenden Sinn werden zu lassen. Die Entwicklung des künstlerischen Fachunterrichts und der außerunterrichtlichen künstlerischen Praktiken in Musik, bildender Kunst, Thea- ter, Tanz, Literatur, Film etc. spielen dabei eine wesentliche Rolle. Aber kulturelle Bil- dung geht darin nicht auf; sie betrifft die gesamte schulische Praxis. Das gilt nach innen und nach außen. Jeglicher Unter- richt zum Beispiel ist immer performative Praxis, ist immer auch Aufführung! Und zugleich ist jede Schule immer auch Teil einer lokalen Kultur- und Bildungsland- schaft. Daher spielt auch die Kooperation mit den Orten und Institutionen von Kunst und Kultur – Museen, Galerien, Theatern, Orchestern und Bands, Literaturhäusern, Kinos, Sportvereinen etc. – und der außer- schulischen Kulturpädagogik eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Schule zum Kulturort: Schule bildet nicht nur Men- schen, sondern auch Kultur. Eckart Liebau i Der Text beruht auf der langjährigen Arbeit des Rates für Kulturelle Bildung. Vgl. zuletzt: Rat für Kulturelle Bil- dung, Auf den Punkt I/III. Kulturort Schule. Bildungspoli- tische Handreichung. Essen 2020 Eckart Liebau (Prof. i.R.) ist Vorsit- zender des Rats für Kulturelle Bil- dung. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik II an der Friedrich- Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Kulturelle Bildung.

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SCHULE

Referat und Büro ’Kulturelle Bildung’ im Hessischen Kultusministerium Struktur, Organisationsform, Selbstverständnis – warum tun wir, was wir tun? Wie tun wir es? K ulturelle Bildung zu fördern ist eine öffentliche Aufgabe und als Staatsziel in der Hessi- hen für außerschulische Akteure im Angebot. In der schulischen Bildung über-

narität aller beteiligten Akteure wird dabei eine große Rolle zukommen. Im Bereich der kulturellen Bildung an Schulen verfügt Hessen über eine langjährige Erfahrung und ist Impuls- geber. So ist es in den letzten Jahren gelungen, über 500 Schulen (dies ist über ein Viertel aller Schulen in Hes- sen) die Teilhabe an Programmen kul- tureller Bildung zu ermöglichen. Diese Programme konzentrieren sich nicht nur auf die Fachlichkeit der ästheti- schen Bereiche, wie Musik, Kunst oder Darstellendes Spiel, sondern durch- wirken das schulische Leben in allen Fächern und Strukturen. Ein Großteil der an diesen Entwick- lungsprozessen beteiligten Schulen stellt sich einem Schulentwicklungs- vorhaben, das den Künsten im schuli- schen Alltag mehr Raum, Zeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt. Dazu werden seit Jahren auch alle außerschulischen Partner, Institutio- nen kultureller Bildung, Ateliers, Mu- seen, Theater, Orchester, Opernhäu- ser, Bands oder Tonstudios, Bibliothe- ken, aber auch freischaffende Künst- lerinnen und Künstler aktiv in die Ar- beit an den Schulen eingebunden. Dabei ist besonders wichtig, dass Kul- turschaffende ihre spezifisch künstle- rische Arbeits- und Wirkungsweise in die Schule einbringen. Diese Angebo- te ergänzen sich, beziehen sich in ih- ren unterschiedlichen Funktionen aufeinander und formen den Kulturort Schule. Um diese Interdisziplinarität zu professionalisieren, die entsprechen- den Akteure zu qualifizieren und das Schnittstellenmanagement zwischen Schule und außerschulischen Part- nern ideal zu begleiten, hat das Hes- sische Kultusministerium entspre- chende Fachfortbildungen und Quali- fizierungsreihen, Schulleitungscoa- chings, eine Prozessbegleitung sowie intensive Beratung der Schulen etab- liert und gleichzeitig Fortbildungsrei-

Kulturelle Bildung

schen Verfassung verankert. Die Hes- sische Landesregierung hat vielfältige Maßnahmen zum Ausbau der kultu- rellen Bildung im Koalitionsvertrag definiert. Kulturelle Bildung versteht sich dabei als relevanter Teil ganzheit- licher Bildung. Das Lernen in den, mit den und durch die Künste eröffnet Chancen, fördert Schlüsselkompeten- zen, wie nonlineares und kreatives Denken, Improvisationsvermögen, Ausdrucksfähigkeit, Toleranz, Selbst- organisation und Ausdauer. Es fördert die Persönlichkeitsentwicklung, gibt den jungen Menschen eine Vielfalt an Möglichkeiten, sich auszudrücken, Verantwortung zu übernehmen, Ein- fluss zu nehmen, sich zu organisieren, Medien positiv zu nutzen und zu hin- terfragen. Kulturelle Bildung generiert Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und schafft Gelegenheiten, Perspek- tiven zu wechseln und Zusammen- hänge neu zu bewerten. Aus diesem Grund soll möglichst allen Menschen der Zugang zu den Künsten und zu Angeboten kultureller Bildung er- möglicht werden. Dabei stehen die Künste in ihrem Eigenwert für sich und werden nicht instrumentalisiert. Sie sorgen für eine Sensibilisierung und Aktivierung. Mit dem Ziel, allen Kindern und jun- gen Menschen in Hessen Zugänge zur kulturellen Bildung zu ermöglichen, alle Kunstformen kennenzulernen und eine Kunst für sich zu entdecken, ist die Schule der ideale Ort zur Umset- zung dieses Vorhabens. Hier erreicht man tatsächlich alle Kinder und jun- gen Menschen, um kulturelle Angebo- te von hoher Qualität anbieten zu können. Nicht nur der Ausbau der Ganztagsschule in Hessen stellt den idealen Rahmen zur Verfügung. Die Schule kann zum kulturellen Zentrum einer Region werden. Der Interdiszipli-

nimmt das Referat Kulturelle Bildung mit dem dazugehörigen Büro die Auf- gabe, die Programme zur kulturellen Bildung an hessischen Schulen koor- dinierend und operativ zu begleiten. Im Bereich der Musik sind folgende Programme zu nennen: Zusammen- spiel Musik, Response, Primacanta, Musikmentoren für Hessen, Schulen mit Schwerpunkt Musik, Musikalische Grundschule, Musikmentoren für Hes- sen; für den Bereich der Darstellenden Künste: Theater für ALLE!, FLUX- Theater, TUSCH-Theater und Schule, Schulen mit besonderer Förderung der Darstellenden Künste; für den Bereich der Bildenden Kunst: Schule trifft Ga- lerie trifft Schule, Das Fliegende Künstlerzimmer, PrimaArte; für den Bereich der Literatur: der Arbeitskreis literarisch aktiver Schulen in Hessen, Schreibkunst, Schulen mit besonderer Förderung der Literatur und sparten- übergreifend: die KulturSchulen und Profilschulen Kultureller Bildung. Das Fachreferat ist im Hessischen Kultusministerium dafür verantwort- lich, neue Konzepte zu entwickeln, Ressourcen bereitzustellen, Koopera- tionspartner zu finden, Verträge zu gestalten und in Zusammenarbeit mit anderen Referaten kulturelle Bildung im Hessischen Kultusministerium zu vernetzen. Bei der Umsetzung der verschiede- nen Zielsetzungen innerhalb der kul- turellen Landesprogramme ist die Ar- beit der Landeskoordinatorinnen und -koordinatoren, vor allem in Form der Beratung der Schulen vor Ort, eine entscheidende Gelingensbedingung für eine erfolgreiche Etablierung der Programme. Zudem koordiniert das Büro Kulturelle Bildung die Arbeit der Fachberatung Kulturelle Bildung an allen Staatlichen Schulämtern in Hes- sen.

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SCHULE

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Profilschulen Kulturelle Bildung Hessen

Das Büro Kulturelle Bildung bietet folgende Angebote an (Auswahl): Fachforen der KulturSchulen/Profil- schulen Kulturelle Bildung und der Schulen im Bereich Theater für ALLE!, Fachtage, Netzwerk- und Jahres- tagungen, Theater- und Tanzwerk- stätten, Workshops der kreativen Un- terrichtspraxis als Abrufangebot für die Schulen. Viele dieser Angebote werden in Zusammenarbeit mit Ver- bänden, Stiftungen, kulturellen Ins- titutionen, Hochschulen und mit Künstlerinnen und Künstlern durch- geführt. Fortbildungen werden regelmäßig evaluiert und aktualisiert. Inzwischen existiert, zusätzlich zu den analogen Fortbildungen, ein großes digitales Fortbildungsangebot, das auch von Lehrkräften in anderen Bundeslän- dern in Anspruch genommen werden kann. Die Fortbildungen haben einer- seits einen hohen künstlerisch-ästhe- tischen Praxisanteil und qualifizieren das Lehrpersonal dazu, neue Unter- richtsformate zu entwickeln und zu erproben. Andererseits vermitteln sie den aktuellen Diskurs zur kulturellen Bildung und unterstützen Schulen bei der Umsetzung der Programme. Die Entstehung und Etablierung ei- nes Netzwerks der Akteure im Bereich der kulturellen Bildung in Hessen und über die Landesgrenzen hinaus ist ei- ne weitere Aufgabe des Fachreferats. Es werden dazu Fachtage, Symposien und Netzwerktreffen veranstaltet. Das Referenznetzwerk der Schulen in Programmen zur kulturellen Bildung bietet eine Plattform, um sich über Konzepte zur systemischen Veranke- rung kultureller Bildung auszutau- schen. Perspektivisch soll ein Institut Kulturelle Bildung in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Kultusministeri- um, dem Ministerium für Wissen- schaft und Kunst sowie dem Sozial- ministerium diese Vernetzung ausge- stalten. Das gemeinsame Ziel ist, Kul- turelle Bildung als festen Bestandteil der allgemeinen Bildung in der Ge- sellschaft zu verankern, vielfältige Zu- gänge bereitzustellen und Teilhabe zu ermöglichen. Cornelia Picht und Marcus Kauer

P rofilschulen Kulturelle Bil- dung entscheiden sich für ei- nen künstlerischen Schwer- punkt aus dem Bereich der kulturel- len Bildung, erweitern ihn und schärfen ihn aus. Sie entwickeln dabei ein kunstspartenbezogenes Schulprofil, das für Schülerinnen und Schüler in der Schulzeit eine künstlerische Ausrichtung ermög- licht und über die Schulzeit hinaus eine Perspektive für den beruflichen Lebensweg eröffnen kann. Schüle- rinnen und Schüler werden in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ih- ren Begabungen und Talenten best- möglich besonders in der Kunstform gefördert. Hierzu gehören die Suche und Entdeckung von Begabungen ebenso wie ein klar formulierter Qualitätsanspruch, orientiert am Hessischen Referenzrahmen Schul- qualität – Kulturelle Bildung. Profilschule zu werden ist eine Schulentwicklungsmaßnahme, die die gesamte Schule auf demWeg zu einem innovativen Kulturlernort umfasst. Der Schulentwicklungsprozess wird inhaltlich vom Fachreferat I.7 Kulturelle Bildung des Hessischen Kultusministeriums sowie durch das HKM-Büro Kulturelle Bildung be- gleitet. Die Prozessbegleitung er- folgt durch die Landeskoordinatoren der Künste, sowohl spartenbezogen als auch spartenübergreifend. Es entstehen Profilschulen Kultu- relle Bildung in den folgenden fünf Sparten: Profilschulen Kulturelle Bildung •• Musik • Darstellende Künste •• Bildende Kunst •• Literatur • Kulturelle Bildung (sparten- übergreifend) Der Weg zur Profilschule Kulturelle Bildung wird durch ein mehrstufiges Qualifizierungskonzept unterstützt

und orientiert sich an spartenüber- greifenden Kriterien, die im Prozess sukzessive aufgebaut werden. Schu- len, die Interesse haben in das Pro- gramm aufgenommen zu werden, durchlaufen eine dreijährige Bewer- bungsphase. Abschließend findet eine Zertifizierung der Schulen zu Profilschulen statt. Alle Lehrkräfte der Profilschulen Kulturelle Bildung haben Zugang zu den Qualifizierungs- und Fortbil- dungsangeboten der kulturellen Bil- dung in Hessen. Dies schließt sowohl mehrtägige wie auch ein- und halb- tägige Fortbildungen wie auch das Abrufangebot der kreativen Unter- richtspraxis mit ein. Die Teilnahme an allen Fortbildungsveranstaltun- gen ist kostenfrei. Profilschulen Kulturelle Bildung sind Teil des Netzwerks der Schulen mit Kulturellem Profil in Hessen und erhalten darüber die Möglichkeit zu kollegialem Austausch und Vernet- zung. Die Profilschulen Kulturelle Bil- dung bauen Kooperationen und Bildungspartnerschaften mit Kul- turinstitutionen sowie Kunst- und Kulturschaffenden auf. In dieser Kooperation entwickeln Lehrkräfte der Profilschulen Kulturelle Bil- dung ihren Unterricht weiter und profitieren von den Expertisen aus dem Kunst- und Kulturbereich für ihre Unterrichts- und Lernarrange- ments sowie für ihre persönliche Weiterentwicklung. Profilschulen Kulturelle Bildung kooperieren mit Universitäten und Hochschulen. Sie ermöglichen Stu- dierenden des grundständigen Lehramtsstudiums und der Künste ihre Schule als Erprobungs- und Ex- perimentierfeld zu nutzen und leis- ten damit einen Beitrag zur Imple- mentierung kultureller Bildung in die Lehrerausbildung.

Kulturelle Bildung

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SCHULE

Thomas Langenfeld und Cedric Lütgert

Weil Wissen die Welt verändert

Mit Samsung Flip smart lernen: digital und interaktiv. Mit verschiedenen Farben, Schriften und Stiftbreiten schreibt es sich fast wie auf Papier. Inhalte sind jederzeit teilbar ‒ für eine lebendige digitale und hybride Zusammenarbeit. Auch auf den klassischen großformatigen UHD-Displays werden Inhalte erlebbar und Mitschriften können darauf von kompatiblen mobilen Endgeräten angezeigt werden. So gibt es für unterschiedliche Lehr- und Lernsituationen das passende Modell.

Mehr Informationen und individuelle Beratung finden Sie direkt über den QR-Code.

SCHULE

KulturSchule Hessen

D as Schulentwicklungspro- auf eine besondere Schwerpunktset- zung der Schulentwicklung im Bereich der kulturellen Bildung der Schulen. Es schließt alle Aspekte schulischen Handelns mit ein: Eine KulturSchule verfolgt in ihrer Organisationsent- wicklung, in ihrer Unterrichtsentwick- lung und in der Professionalisierung ihrer Lehrkräfte einen kulturellen Bil- dungsanspruch. Idealerweise findet sich dieser in einem gemeinsam ent- wickelten Leitbild wieder. Im Schul- entwicklungsprogramm KulturSchule ist die Kooperation mit externen Part- nern vorgesehen. Dazu zählen Verei- ne, Verbände und außerschulische In- stitutionen wie zum Beispiel Museen als Bildungspartnerinnen und -part- ner. Die Öffnung der Schule durch ei- ne breit angelegte Schulkultur berei- chert das Schulleben, aber auch das öffentliche Leben rund um die Schule. Aufführungen, Ausstellungen, Lesun- gen oder auch Wettbewerbsbeteili- gung zeugen vom vielfältigen kreati- ven Schaffen der Schulgemeinde. Durch den strukturellen Aufbau von nachhaltigen Kooperationen zwischen ortsnahen und überregionalen Kultur- einrichtungen und in der Zusammen- arbeit mit Künstlerinnen und Künst- lern werden die KulturSchulen in ihrer Arbeit unterstützt. Medienarbeit, künstlerisches Schaffen und Experimentieren, ästhe- tisches Lernen und ganzheitliche Bil- dung erhalten an KulturSchulen mehr Raum und Zeit. Ein ganzheitliches Bildungskonzept und die Persönlichkeitsbildung der gramm ’KulturSchule Hessen’ besteht seit 2008 und zielt

das HKM-Büro Kulturelle Bildung un- terstützt und inzwischen national und international vielbeachtet. Jede KulturSchule durchläuft eine Qualifizierungsphase von drei Jahren, die mit einer Zertifizierung abschließt, weitere Rezertifizierungen erfolgen nach drei und dann jeweils nach vier Jahren. Die KulturSchulen sind in vielfältige Qualifizierungs- und Fortbildungspro- gramme eingebunden. Durch die kon- tinuierliche Prozessberatung von Lan- deskoordinatorinnen und -koordina- toren KulturSchule Hessen und eine qualifizierende Begleitung der Schulen in der Zertifizierungsphase sowie durch systematische Qualitätssiche- rung auf der Basis des ’Hessischen Re- ferenzrahmens Schulqualität Kulturel- le Bildung’ erhalten die Schulen die Gelegenheit, kulturelle Bildungsange- bote als festen Bestandteil im Rahmen von Schulentwicklung zu verankern. In Fortbildungen, Fachforen und Tagungen wird kulturelle Bildung er- fahrbar und erlebbar gemacht. Ein bewährter Kooperationspartner für die Fortbildung im Bereich kulturelle Bildung von Lehrkräften ist die Aka- demie Burg Fürsteneck. Zur Qualitätssicherung haben unter anderem wissenschaftliche Begleit- studien der Philipps-Universität Mar- burg beigetragen. Durch die Netz- werkbildung der KulturSchulen unter- einander und mit den Kulturschaffen- den sowie Expertinnen und Experten in der Region, hessenweit und auch bundesweit, wird eine breitgefächerte und basisdemokratische Schul- und Unterrichtsentwicklung gefördert. Hannelore Tröller

Kulturelle Bildung

Schülerinnen und Schüler stehen im Zentrum der kulturellen Schulent- wicklung. In der persönlichen Begeg- nung mit Kunst- und Kulturschaffen- den lernen die Schülerinnen und Schüler deren künstlerische Sicht kennen und bekommen Impulse, die Welt mit anderen Augen zu sehen. In fachübergreifenden Projekten und in den einzelnen Unterrichtsfächern er- möglicht die kulturelle Bildung den Schülerinnen und Schülern, vielfältige Perspektiven zu entwickeln und äs- thetische Erfahrungen zu machen. Künstlerische und interdisziplinäre Zugänge sowie forschendes Lernen sind Methoden, die Kreativität ermög- lichen und eine fragende Grundhal- tung beim Lernen bewirken. Fünf Schulen der ersten Staffel wurden nach erfolgreicher dreijähri- ger Qualifikationsphase im Jahr 2011 erstmals zertifiziert. Sechs Schulen wurden 2012 in die zweite Staffel auf- genommen und weitere neun Schulen folgten in der dritten Staffel ab 2015. In einer vierten Staffel befinden sich dreizehn Schulen zur Aufnahme in das Schulentwicklungsprogramm, wel- ches erstmals für alle Schulformen geöffnet ist. Der gesamte Schulent- wicklungsprozess wird inhaltlich durch

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SCHULE

’Das Fliegende Künstlerzimmer’ Ein einzigartiges Artist-in-Residence-Kooperationsprogramm für Schulen in Hessen N atürlich hat ’Das Fliegende Klassenzimmer’ bei der Na- mensgebung dieses Pro-

Die Schulträger (Landkreise) übernehmen die Bauantragstellung, die Vorbereitung der Stellfläche, die Bereitstellung von technischen An- schlüssen und der Wasserversorgung sowie die Reinigung. Die Schulen bewerben sich, wenn ihr Kollegium an einer kooperativen und konstruktiven Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern auf breiter Basis interessiert ist. Schullei- tungen ermutigen ihre Lehrkräfte zur Kooperation mit der Künstlerin/dem Künstler und unterstützen tatkräftig die sich daraus entwickelnden Projek- te. Die teilnehmenden Schulen be- nennen ein bis zwei Lehrkräfte aus ihrem Kollegium, die als schulische Koordinatorinnen/Koordinatoren, die dem Künstler/der Künstlerin zur Seite stehen und eine Brücke zu Schul- leitung und Kollegium bilden. Das Hessische Kultusministerium steuert das Auswahlverfahren der Schulen und begleitet das Programm durch Beratung und Prozessbeglei- tung sowie unterstützende Fortbil- dungsangebote. Künstlerin/Künstler, Koordinations- kräfte und Schulleitung treffen sich einmal im Monat zur Programmsteue- rung mit der Crespo Foundation und der Prozessbegleitung des Hessischen Kultusministeriums, um die Entwick- lungen und Prozesse gut zu begleiten. Jede Konstellation von Schülerin- nen und Schülern, Künstlerinnen und Künstlern, den Lehrkräften und den Schulleitungen ist einzigartig und im- mer wieder neu. Schrill, lustig, sehr sinnlich, bewe- gungsintensiv und nie langweilig – alles was Schulalltag sonst oft nicht sein kann – hier ist es möglich und nimmt die Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe mit. Das macht dieses einzigartige Kooperationsprogramm des Hessischen Kultusministeriums so spannend. Andrea Wandernoth

zu begeistern. Sie wirbelt in vielen Ak- tionen durch das Schulgebäude und stellt sich der Schulgemeinde so auf ih- re Art vor. Vor Corona findet die indus- trielle Revolution im Fliegenden Künst- lerzimmer erneut statt undmacht einer 12. Klasse Geschichte sinnlich erfahr- bar. Teaching in Role heißt die interes- sante Methode, die JaninaWarnk ein- setzt und welche die Lehrkräfte der Georg-Christoph-Lichtenbergschule später auch in einer Fortbildung näher kennenlernen können. Als 2020 wegen der Pandemie die Feier für die neuen fünften Klassen ausfallenmuss, entwi- ckelt die Künstlerin auf dem freien Feld einWillkommensritual für die neuen Schülerinnen und Schüler: das Lama- Orakel inklusive Lama. Diese Schulfeier wirdmit Sicherheit eindrücklich in Erin- nerung bleiben. 2021 kommt das zweite mobile Ate- lier hinzu, das für die Tänzerin Lisa Haucke mit einemTanzboden ausge- stattet wird. Sie tanzt, performt und macht trotzt Corona-Einschränkun- gen tolle Angebote in vielen Kunst- sparten. Das sind nur wenige ausge- wählte Beispiele aus den vielen Erfah- rungen, die Schülerinnen und Schüler durch dieses Programm bereits ma- chen konnten. Seit 2022 gibt es drei Ateliers, die parallel auf hessischen Schulhöfen stehen. Damit das alles erfolgreich ist, müssen alle Kooperationspartner im Projekt zusammenwirken: Die Crespo Foundation hat das Pro- gramm federführend in Zusammenar- beit mit dem Hessischen Kultusminis- terium entwickelt und finanziert die mobilen Atelierräume und derenWei- tertransport. Die Stiftung steuert das Programmmittels einer Projektleitung und stellt jeweils ein Materialgeld von 6000 Euro im Jahr zur Verfügung. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) finanziert das Stipendium für die Künstlerin/den Künstler.

Kulturelle Bildung

gramms Pate gestanden. Anders als in der schönen Geschichte von Erich Kästner ’fliegt’ das mobile Wohnate- lier der Crespo Foundation tatsächlich alle ein bis zwei Jahre von Schule zu Schule und landet als außerschuli- scher Lernort auf dem Schulgelände. Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland können sich für das Resi- denzprogramm bewerben und fordern mit ihren Aktionen, Projekten und künstlerischen Kompetenzen und Ide- en die Schulstrukturen heraus. Kreative Zugänge in allen Fächern sind das Ziel. Und: Ideen von Schülerinnen und Schülern sind willkommen. Von freien, offenen Atelierangeboten bis hin zu in- tensiven Kooperationen mit den Lehr- kräften bei der Umsetzung des Curri- culums in allen Fachbereichen reicht die Bandbreite. Viele verschiedene For- mate bereichern den Schulalltag der ausgewählten Schule im ländlichen Raum unmittelbar und unkompliziert. Die Kulturschaffenden sind mindes- tens drei Tage vor Ort in der Schule. 2018 ist das erste achtzig Quadrat- meter große Atelier mitten auf dem Schulhof in der Wollenbergschule in Wetter im Landkreis Marburg gelan- det. Der bildende Künstler Jan Lotter begeistert die jungen Menschen mit seinen ungewöhnlichen Gestaltungs- und Präsentationsideen und nimmt sie mit Musikmischpult und Tanzper- formances auf breiter Basis ein Schul- jahr lang mit auf eine kulturelle Reise. Nach den Sommerferien zieht das wunderschöne Holzgebäude der Archi- tekten Professor Nikolaus Hirsch und Professor Michel Müller nach Ober- Ramstadt weiter, und Künstlerin Janina Warnk bleibt wegen der Pandemie zwei Jahre. Die Performance-Künstlerin schafft es, die Gesamtschule mit mehr als 1200 Schülerinnen und Schülern bereits bei ihrem fulminanten Opening

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Literarisches Schreiben in der Schule Z u einer gelungenen Bildungs- biografie gehört heute ein ganzes Repertoire an Schlüs- Format ’Speedreading’ öffentlich auf der Frankfurter Buchmesse 2021, aber auch im Schaufenster im Buchhandel in Marburg vorgestellt.

digitale Salons, Jurierung ’Text des Monats’ etc., umKinder und Jugend- liche mit der Kunstform Literatur und ihrer Geschichte eng vertraut zu ma- chen und das Gewicht der Worte zu er- fahren: Hier entsteht Raum und Ruhe zur Entfaltung einer individuellen Hal- tung und eigenen Stils, denn: »It de- pends on me.«Treffender als die Georg Büchner-Preisträgerin 2020, Elke Erb, kann man es eigentlich kaum sagen. Im Landesprogramm ’Schreib- Kunst’ arbeiten Bestsellerautoren der deutschen Gegenwartsliteratur mit Jugendlichen: Thomas Hettche, Anne Reinecke (erzählende Prosa), Jan Wagner, Silke Scheuermann (Lyrik und Nature Writing), Dilek Güngör (autofiktionales Schreiben), Lars Ruppel und Team Scheller (Poetry Slam) und neu dabei: Marica Bodrožić (Essayistik) und Wolfgang Büscher (erzählendes Sachbuch) Die drei Anthologien heißen: Der Gurkenmann. 2015, 296 Seiten, Kon- zept der Edition nach Titelanfängen von ei- ner Schülerredaktion erarbeitet, gemeinsam mit der Herausgeberin Erika Schellenberger und Prof. Thomas Müller, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Freiheit sucht Weg!

selkompetenzen, wobei den literalen Fähigkeiten eine besondere Bedeu- tung zukommt. Inhalte ansprechend zusammenfassen und Sprache(n) in Texten zu analysieren, sie zu kon- textualisieren und zu interpretieren, lernt man im Deutschunterricht. Die Struktur, Machart und Bedeutung, ja die poetische Strahlkraft von Gedich- ten, Romanen oder Sachtexten, auch von Essays, wird näher erfahren und tiefergehend be- ’New creative writings’ spielt daher im Unterricht eine immer größere Rolle. Was 2013 in sechs mittelhessischen Schulen unter dem Motto ’Mit dem Notizbuch unterwegs: SchreibKunst – Schüler schreiben mit Autoren’ be- gann, kann sich heute als hessisches Landesprogramm zur literarischen Kreativitätsförderung durchaus sehen lassen: Binnen 8 Jahren brachten 687 Schülerinnen und Schüler ihre klugen, manchmal bedrückenden, oft auch witzigen Geschichten und Gedichte zu Papier und Netbook. In ’unglaublich großzügigen’ (Marica Bodrožić) Schreibwerkstätten von renommier- ten Autoren individuell gecoacht zu werden, heißt: Skizzen schreiben, Plä- ne verwerfen, verdichten, streichen, überarbeiten …, so lange, bis man selbst zufrieden ist mit dem Resultat. Das klingt nach harter Arbeit – ist es auch, macht aber Spaß, wie die Werk- schauen ’Literarisches Picknick’ be- weisen. Zwischen 2013 bis 2021 wur- den bislang 365 bemerkenswerte Schülerinnen- und Schüler-Texte aus 95 Schreibwerkstätten publiziert: Drei hochwertige Anthologien sind imVer- lag Edition Faust erschienen, berei- chert durch ein Vorwort des Hessi- schen Kultusministers Prof. R. Alexan- der Lorz und wurden wie zuletzt im griffen, wenn man selbst versucht, einen (guten) Text zu ’bauen‘. Kreatives Schreiben im Sinne des genreübergreifenden

Seit 2021 engagieren sich nun acht- zehn Schulen im Netzwerk ’Schulen mit besonderer Förderung der Litera- tur’ und definieren Schulentwick- lungsziele, um diese Kunstform im ei- genen Schulprogramm nachhaltig zu verankern. Zwei Schulen haben sich jetzt auf den Weg gemacht, Profil- schule Kulturelle Bildung – Literatur zu werden. Dort wird kreatives und journalis- qualifizierende Angebote bereitgestellt. Diese Schulen eint der Gedanke, dem schöpferischen Ge- staltungswunsch der Schulgemein- schaft neu zu begegnen, denn es sind gerade die Jugendlichen, die schrei- bend unsere großen Fragen nach Her- kunft, Teilhabe, Zugehörigkeit und Verantwortung ansteuern und erwor- benes Fachwissen mit eigener Re- cherche und innerer Beteiligung kom- binieren, wie uns die ’Fridays for futu- re’-Bewegung eindrucksvoll zeigt. Schülerinnen und Schülern kommt es zugute, wenn unsere Aktionen zum transkulturell-autofiktionalen Schreiben in Kooperation mit ’Text- land. Made in Germany’ (Stiftung Faust Kultur) stattfinden, über die Fachberatungen Kulturelle Bildung wichtige Literaturwettbewerbe, wie das Junge Literaturforum Hessen Thüringen (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst) vermit- telt werden, wir mit dem Hessischen Rundfunk zusammenarbeiten oder gemeinsam Museen, Dichter- und Künstlerhäuser sowie Bibliotheken besuchen, als Orte der Inspiration und des kulturellen Austauschs. Literatur gilt als stille Kunst, daher etablieren kultur- und literaturaktive Schulen attraktive Formate wie Schreibateliers, Soireen, Matineen, tisches Schreiben als Chance für alle Fächer begriffen, Begabung gefördert und studien-

Kulturelle Bildung

Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen. Doris Dörrie

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Mal ist da diese Stein- schicht über meinem Herzen, mal ist sie da nicht. 2018, 231 Seiten, Cover-Aquarell von Felix Lux (Schüler). In diesemWald findest du nichts mehr. 2021, 387 Seiten, Titel von Cosmo Hahn (Schü- ler), Covergestaltung: Lisa May (Schülerin) mit Sonja Müller-Zel- les, Grafikdesignerin München.

SCHULE

Dr. Erika Schellenberger-Diederich

Musikunterricht – Persönlichkeitsbildung – Kulturelle Nachhaltigkeit D urch Fortbildungsveran- staltun- gen und Die Anwendung von speziell erstellten Übungen und Arran- gements für eine

Die methodischen Möglichkeiten erweisen sich als sehr vielfältig und bewirken einen lebendigen Musikun- terricht. Die Kontinuität des Lernens und der konsequente Praxisbezug sind wichtige Voraussetzungen dafür. Eingeschränkter Musik- unterricht und keine Arbeitsgemeinschaften während der Corona- Pandemie seit März 2020 Rückblick: Es ist Freitag, der 13. März. Nach ei- nemTreffen der Kultusministerkonfe- renz amTag zuvor entscheiden sich alle Bundesländer dazu, die Schulen vorerst zu schließen. Zunächst wird für Kinder eine Not- betreuung eingerichtet. Für alle anderen Schülerinnen und Schüler findet der Unterricht in Homeschooling statt. Der digitale Unterricht steht und fällt an vielen Orten, sowohl zu Hause als auch in den Schulen, mit der vor- handenen oder nicht vorhandenen digitalen Infrastruktur. Seit März 2020 hat die Corona- Pandemie das musikalische Leben an den allgemeinbildenden Schulen lahmgelegt. Der Musikunterricht musste in die- ser Zeit gänzlich auf die für ihn so wichtige Ausübung gemeinsamen Singens und Musizierens verzichten. Unter dieser Beeinträchtigung lei- den auch die systemischen Program- me (Entwickelte musikalische Pro- gramme des HKM mit dem BMU) ’Musikalische Grundschule’, ’Zu- sammenspiel Musik’ und ’Schwer- punkt Musik’. Die Folgen sind ein massiv reduzier- ter Stellenwert des Musikunterrichts und ein starker Rückgang der Zahlen zu weiterführenden Schulen und der Teilnahme an den Arbeitsgemein- schaften und systemischen Program- men:

»Der Musikunterricht an all- gemeinbildenden Schulen ist zentral für die musikalische Bildung in Deutschland, denn nur dort werden alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Musikalische Bildung zielt auf Mündigkeit und zuneh- mende Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung. Sie konkretisiert sich in einer

Kulturelle Bildung

Bundeskongresse der letzten Jahr- zehnte entwickelte sich der Musikun- terricht an allge- meinbildenden Schulen immer wei- ter zu einem hand- lungsorientierten Prozess aus der Ver- bindung von Theorie und Praxis: • Wahrnehmung von Musik durch aktives Hören und Analysieren • Umgang mit der Stim-

Lerngruppe ermög- licht eine erfolgrei- che musikalische Praxis, die den Schülerinnen und Schülern die Mög- lichkeit bietet,

kognitive Inhalte musikalisch in- tensiv wahrzu-

grundlegenden Bedeutsam- keit von Musik für die gesamte eigene Lebenspraxis und wird getragen durch einen breiten, individuellen erweiterungs- und vertiefungsfähigen Bezug zur Musik.« BMU, Agenda 2030, S. 2

nehmen und gleichzeitig

handlungsori- entiert zu ver- tiefen. Auf diese Weise erleben Schülerin-

me (die Stimme als Visitenkarte meiner Persönlichkeit) • Bewegung und Tanz • Rhythmische und motorische Übungen mit Perkussions- instrumenten • Keyboard-, Bläser- und Streicher- klassen • Klassenorchester mit gemischten Instrumenten: von Streich- und Blasinstrumenten über die Gitarre bis hin zu Perkussionsinstrumen- ten Musikalisches Lernen und Heterogenität Ein handlungsorientierter Umgang im Musikunterricht bietet die Basis für eine ausgewogene Anwendung von theoretischen und praktischen Antei- len und fordert so alle Schülerinnen und Schüler auf, sich aktiv in einen Lernprozess einzubringen. Die Beantwortung der Frage »Wie können die Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen musikali- schen Voraussetzungen in eine klin- gende Gruppe oder ein Klassenor- chester integriert werden?« ist dabei von entscheidender Bedeutung.

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nen und Schüler Musik nicht als et- was, das ihnen als fertiges Produkt präsentiert wird, sondern nehmen sich selbst als aktives Mitglied einer musi- kalischen Gruppe und eines musikali- schen Prozesses wahr. Dies schult ihre Wahrnehmungs- und Analysefähigkeit in hohem Maß. Die musikalische Auseinanderset- zung mit den vielfältigen Themen des Lehrplans und der gleichzeitigen Ver- tiefung von vokaler und instrumenta- ler Praxis benötigt Zeit, um alle Schü- lerinnen und Schüler entsprechend ihrer Ausgangslage und ihres Könnens erfolgreich zu integrieren. Dabei kann einerseits die Lehrkraft, andererseits aber können auch fortgeschrittene Schülerinnen und Schüler sehr hilf- reich unterstützen. Im Musikunterricht richtet sich der Fokus dabei auf die individuelle För- derung aller Mitglieder einer Lern- gruppe. Bei dem gemeinsamen Musizieren geht es weniger um die Frage, was ein Schüler nicht kann, sondern darum, allen Mut zu machen, sich auf dem Hintergrund ihres Könnens noch zu verbessern.

SCHULE

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Musikalische Grundschule: Grundlegende pädagogische Elemen- te der musikalischen Praxis waren mit den vorhandenen Abstandsregeln nicht durchführbar: • Ritualisierter Morgenkreis mit mu- sikalischen Elementen (Gesang, Rhythmik und Bewegung) musste über den gesamten Zeitraum ent- fallen. • Gemeinschaftliche und verbinden- de musikalische Erlebnisse, die im gesamten Schuljahr durchgeführt werden, waren nicht möglich. • Die Folge ist, dass Grundschüler in dieser Zeit das Singen oder den Umgang mit ihrer eigenen Stimme völlig verlernt haben – man stelle sich einen Muskel vor, der über ei- nen Zeitraum von zwei Jahren nicht bewegt wurde! Zusammenspiel Musik: (Kooperation von Grundschulen, Sekundarstufe I und Musikschulen) • Die Abstandsregeln beeinträchtigen die Kooperationen zwischen allge- meinbildender Schule und Musik- schule und erschwerten die Arbeit unverhältnismäßig. Den Grund- schulkindern fehlten die Vorbilder von singenden und mit Blasinstru- menten musizierenden Gruppen für das kommende Jahr. Im Bewusstsein der Grundschüle- rinnen und Grundschüler war das musikalische Miteinander nicht mehr existent. Schulen mit Schwerpunkt Musik: (Gesamtschulen, Gymnasien) • Die meisten Schulen hatten auf- grund ihrer Infrastruktur keine Möglichkeiten, Bläser- oder Chor- proben weder in unterschiedlichen Räumen noch im Freien zu veran- stalten. • Die Arbeitsgemeinschaften konn- ten zum großen Teil nicht mehr auf- rechterhalten werden. • Kulturelle Initiativen, die von den Schulen ausgehen, konnten eben- falls nicht fortgeführt werden. Schulen in Hessen musizieren: • Der Bundesverband Musikunterricht/ LV Hessen führt seit über dreißig Jahren in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Kultusministerium Re-

gionalveranstaltungen in zehn hes- sischen Orten von Kassel bis Erbach im Odenwald durch. In diesen Orten nehmen jährlich insgesamt etwa 4000 Schülerinnen und Schüler von schulischen Chor- und Instru- mentalgruppen aller Besetzungen, Altersstufen und Schulformen teil und stellen einander musikalisch vor. Sieben Ensembles (rund 500 Ak- teure) aus diesen zehn Begeg- nungsorten werden jedes Jahr zu einem hessischen Landeskonzert ins Kurhaus nach Wiesbaden ein- geladen und präsentieren sich dort einer großen Öffentlichkeit. • Diese Regionalveranstaltungen und das Landeskonzert von 2020 bis 2022 mussten auch entfallen, weil Ensembles und Chöre keine Mög- lichkeit zum Proben hatten. Perspektive für einen Neustart »Musikalische Bildung hat, wer eigene musikalische Gedanken angemessen ausdrücken, fremde darstellen und verstehen sowie beide beurteilen und ggf. verän- dern kann.« Die musikalische und kulturelle Arbeit hat in der Vergangenheit an vielen Schulen sehr gelitten. Allen Fachbe- reichen Musik sollte vonseiten der Schulleitungen und der Kollegien die Möglichkeit zu einemWiederaufbau bzw. zur Wiederherstellung der musi- kalischen Praxis gegeben werden. Kooperationen mit Musikschulen und anderen außerschulischen Part- nern müssen wieder- und neu belebt werden. Dieser Neustart inklusive Neuauf- bau nach der Pandemie benötigt nach Einschätzung des BMU und der be- troffenen Kolleginnen und Kollegen Jahre. Die Werte und die persönlichkeits- bildenden Aspekte von musikalischer und kultureller Bildung sind in unse- rem Land wichtig für die Teilhabe an W. Gruhn, Lernziel Musik, Perspektiven einer neuen theoretischen Grundlegung des Musikunterrichts, S. 120

gesellschaftlicher Integration für Menschen jeden Alters und jeder Her- kunft. Musikalische und kulturelle Bildung auf vielfältige Weise zu erfahren, er- möglicht Schülerinnen und Schülern, ein Gefühl der Dazugehörigkeit zu er- leben. Sie lernen gemeinsam intensive Arbeitsprozesse und den Prozess von Leistung im positiven Sinne sowie Werte und Ideale kennen. Sie erfahren Kultur(en) und Traditi- on und können dies mit ihrer eigenen persönlichen Geschichte verknüpfen. »Musikalische Identität einer Kul- tur gründet sich auf spezifisches musikalisches Material, das ei- nerseits für die Mitglieder einer Kultur eine gemeinsame Verstän- digungsbasis darstellt, anderer- seits eine historische Entwicklung durchlaufen hat und somit auch Traditionen begründet und Konti- nuitäten sichert. In diesem Falle wäre kulturelle Identität substan- ziell bestimmbar.« Albrecht von Massow (Weimar-Jena) und Wolfgang Auhagen (Halle), ’Kultur und Identität’, S.46 Durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und der Wahrneh- mung einer eigenen kulturellen Iden- tität werden sich junge Menschen auch für andere Kulturen öffnen und interessieren. Dafür gibt es hervorragende Bei- spiele an vielen Schulen, die mit ihren Orchestern, Chören, Big Bands viel- fältige Austausche mit Partnerschu- len im europäischen Ausland und so- gar darüber hinaus gepflegt haben. Alle Jugendlichen berichten, dass sie solche Erfahrungen über ihre Schul- zeit hinaus geprägt haben. »Es ist kaum zu bezweifeln und gilt aus unterschiedlichen Diszip- linen (zum Beispiel Musikethno- logie, Musikpsychologie) als hin- länglich erwiesen, dass der Um- gang mit Musik Teil des Mensch- seins ist. Damit wird sie über offi-

Kulturelle Bildung

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SCHULE

zielle Bekundungen (wie etwa seitens der UNESCO) zu einem Grundrecht.«

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