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RECHTSPRECHUNG

6/2016

forum

poenale

329

Stämpfli Verlag

Sachverhalt:

Der Beschuldigte hat X. ein Auto verkauft, wobei der Kaufpreis

vorab geleistet worden ist. Zur versprochenen Fahrzeugübergabe

kam es dann aber nicht und der Beschuldigte verkaufte das Fahr­

zeug an jemand anderen. In strafrechtlicher Hinsicht verneinte

die Vorinstanz einen Betrug, weil es am Motivationszusammen­

hang zwischen dem bei X. hervorgerufenen Irrtum über den Ver­

tragsleistungswillen des Beschuldigten und seiner Vermögensdis­

position gefehlt habe. In zivilrechtlicher Hinsicht wertete das

Bezirksgericht Bremgarten diesen Sachverhalt als nachträgliche

subjektive Unmöglichkeit, welche dem Privatkläger X. einen An­

spruch auf Schadenersatz gemäss Art. 97 Abs. 1 OR gewähre. In

der Folge prüfte sie die Voraussetzungen von Art. 97 OR und be­

jahte diese. Das OGer AG heisst die vom Beschuldigten erhobene

Berufung in diesem Punkt gut.

Aus den Erwägungen:

[…]

5.2

5.2.1.

Die Vorinstanz hat dem Privatkläger X. eine Zivilforde­

rung von CHF 1400.–zugesprochen, obwohl sie den Be­

schuldigten im damit zusammenhängenden Strafpunkt frei­

gesprochen hat.

[…]

5.2.2.

Zu prüfen ist indes, ob ein solcher (vertraglicher) An­

spruch des Privatklägers X. überhaupt dem Adhäsionsver­

fahren zugänglich ist. Das Bundesgericht hat bislang offen

gelassen, ob im Strafverfahren vertragliche Ansprüche oder

Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung adhäsions­

weise geltend gemacht werden können (Urteil des Bundes­

gerichts 6B_1160/2014 vom 19. August 2015 E. 8.4). Die

Lehre ist diesbezüglich gespalten. Einerseits wird die Ansicht

vertreten, dass grundsätzlich auch ein vertraglicher Anspruch

adhäsionsfähig sei (Mazucchelli/Postizzi, in: Basler

Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl.

2014, N. 8 zu Art. 119 StPO; Lieber, in: Kommentar zur

Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. Zürich 2014,

N. 5a zu Art. 122 StPO; Droese, Die Zivilklage nach der

schweizerischen Strafprozessordnung, HAVE 2011, S. 45).

Eine andere Lehrmeinung ist demgegenüber gegenteiliger

Ansicht (Dolge, in: Basler Kommentar, Schweizerische

Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 70 zu Art. 122 StPO).

Die Mehrheit der Lehre weist auf den offenen Wortlaut

von Art. 119 und 122 StPO hin. Der Anspruch müsse zwar

aus einem Verhalten abgeleitet werden, das auch strafrecht­

lich relevant sein könne und deshalb Gegenstand des Straf­

verfahrens bilde. Eine vollständige Kongruenz zwischen

schadensstiftendem Verhalten und strafbarer Handlung sei

aber nicht notwendig: Wer beispielsweise bei einer fahrläs­

sigen Körperverletzung auch noch Sachschaden anrichte,

könne dafür adhäsionsweise in Anspruch genommen wer­

den, auch wenn eine Sachbeschädigung nur bei Vorsatz

strafbar sei (vgl. Droese, a. a.O., S. 44).

Nr. 39

Obergericht Aargau, 1. Strafkammer, Entscheid

vom 12. November 2015 i. S. J. gegen Staats­

anwaltschaft MuriBremgarten – SST.2015.156

Art. 122 StPO: zivilrechtliche Ansprüche im Strafver­

fahren.

Art. 122 Abs. 1 StPO bestimmt, dass die geschädigte

Person zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat adhä­

sionsweise geltend machen kann. Erfasst sind nur solche

privatrechtlichen Ansprüche, welche sich aus der Straf­

tat («déduites de l’infraction» bzw. «desunte dal reato»)

ableiten lassen. Wenn das Gericht den objektiven Tat­

bestand einer Strafnorm verneint, kann es nicht gleich­

zeitig die Adhäsionsklage beurteilen und gutheissen. Ad­

häsionsweise geltend gemachte vertragliche Ansprüche

oder Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung

sind auf den Zivilweg zu verweisen. (Regeste forum­

poenale)

Art. 122 CPP: articulation de prétentions civiles dans

le cadre de la procédure pénale.

Dans sa version allemande, l’art. 122 al. 1 CPP dispose

que le lésé peut, par adhésion à la procédure pénale, faire

valoir des prétentions civiles issues de l’infraction («aus

der Straftat»). Seules sont visées les prétentions de droit

privé qui sont susceptibles d’être «déduites de l’infrac­

tion» («desunte dal reato»). Lorsque le tribunal retient

que les éléments objectifs constitutifs d’une infraction

ne sont pas réalisés, il ne peut simultanément statuer sur

l’action civile exercée au pénal et la déclarer bien fondée.

La partie plaignante doit être renvoyée à agir par la voie

civile pour les prétentions qui découlent du contrat ou

qui résultent de l’enrichissement illégitime. (Résumé

forumpoenale)

Art. 122 CPP: pretese di diritto civile nel procedimento

penale.

Secondo l’art. 122 cpv. 1 CPP il danneggiato può far va­

lere in via adesiva nel procedimento penale pretese di

diritto civile desunte dal reato. Sono considerate soltanto

le pretese di diritto privato che sono suscettibili di essere

desunte dal reato («déduites de l’infraction» o «aus der

Straftat»). Quando il tribunale ritiene che l’elemento og­

gettivo di una norma penale non sia adempiuto, esso non

può simultaneamente statuire sull’azione civile fatta va­

lere in via adesiva e accoglierla. Le pretese contrattuali

o le pretese derivanti da arricchimento indebito fatte va­

lere in via adesiva, sono da rinviare al procedimento ci­

vile. (Regesto forumpoenale)

Hinweis der Schriftleitung: Der Entscheid ist rechtskräftig.