Previous Page  351 / 84 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 351 / 84 Next Page
Page Background

6/2016

forum

poenale

AUFSÄTZE 351

Stämpfli Verlag

2.

Die drei Elemente des Tatverdachts

a)

Tatsachen

Beim ersten Element, den

Tatsachen,

muss es sich um vor­

bestehende, objektiv begründete Anhaltspunkte bzw. Tat­

sachen handeln,

4

also um einen sinnlich wahrnehmbaren

und auch tatsächlich wahrgenommenen Lebensvorgang

bzw. Zustand.

5

Vermutungen zu möglichen Lebensvorgän­

gen oder Gerüchte reichen ebenso wenig aus wie mathema­

tische Wahrscheinlichkeiten.

6

b) Erkenntnisse allgemeiner Natur

Das zweite Element sind

Erkenntnisse allgemeiner Natur,

z. B. Erfahrungen, Errungenschaften der Kriminalund So­

zialwissenschaften, Elemente der Medizin, Physik, Biologie

oder Chemie, die es dem Betrachter erlauben, aus den ob­

jektiv vorhandenen, vielleicht erst fragmentarischen Tatsa­

chen einen Sachverhalt zu rekonstruieren.

7

c)

Die strafrechtliche Relevanz

Drittes Element ist die

strafrechtliche Relevanz.

8

Ausgangs­

punkt ist die Frage, ob ein strafbares Verhalten vorliegen

könnte oder nicht. Heranzuziehen ist also das materielle

Recht als Programm, hier als Verdachtsprogramm.

9

Ohne

Strafbestimmung keinen Tatverdacht: Mag das Verhalten

moralisch noch so verwerflich sein, wenn es strafrechtlich

nicht verpönt ist, kann kein Verdacht aufkommen.

10

3.

Die verschiedenen Verdachtsgrade

und ihre Bedeutung

Verdachtsgrad

bezeichnet die Intensität des Tatverdachts,

anders gesagt die Höhe der Wahrscheinlichkeit für eine Ver­

urteilung des für das objektive Geschehen verantwortlichen

Beschuldigten.

11

Ob strafprozessuale Grundrechtseingriffe gerechtfertigt

sind und – falls ja – welche, hängt erstens von der Schwere

des Tatverdachts ab.

12

Je schwerer der Grundrechtseingriff,

4

Ackermann (Fn. 3), 325 f.

5

Hürlimann, Die Eröffnung einer Strafuntersuchung im ordentlichen

Verfahren gegen Erwachsene im Kanton Zürich, Zürich 2006, 96 f.;

vgl. auch Walder, Grenzen der Ermittlungstätigkeit, ZStW 95 (1983),

862, 867.

6

Ackermann (Fn. 3), 326; Omlin, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger

(Hrsg.), BSK StPO, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 309 N 27; ähnlich Hür­

limann (Fn. 5), 96; Walder, Strafverfolgungspflicht und Anfangs­

verdacht, recht 1990, 1, 3.

7

Hürlimann (Fn. 5), 97 f.; Walder/Hansjakob, Kriminalistisches

Denken, 10. Aufl., Heidelberg 2016, 100.

8

Hürlimann (Fn. 5), 98.

9

Walder/Hansjakob (Fn. 7), 102; Ackermann (Fn. 3), 326.

10

Walder (Fn. 6), 4; Ackermann (Fn. 3), 327; Hürlimann (Fn. 5),

98; Walder/Hansjakob (Fn. 7), 102.

11

Hagenstein, BSK StPO (Fn. 6), Art. 302 N 24; ähnlich Hürlimann

(Fn. 5), 101; Walder/Hansjakob (Fn. 7), 108; zum Ganzen ausführ­

lich Schulz, Normiertes Misstrauen, Der Verdacht im Strafverfah­

ren, Frankfurt 2001, 566 ff.

12

Hürlimann (Fn. 5), 95.

desto höhere Anforderungen sind an den Verdachtsgrad zu

stellen.

13

Zweitens ist die Art des Grundrechtseingriffs ab­

hängig von der Schwere des Tatvorwurfes: Je schwerer die

vorgeworfene Tat, desto einschneidender sind die möglichen

Massnahmen.

14

4.

Der Anfangsverdacht

a)

Einleitende Bemerkungen

Polizeiliche Ermittlungen, und insbesondere Zwangsmass­

nahmen, haben nicht der Begründung eines Tatverdachts

zu dienen. Vielmehr haben sie den Zweck, einen

vorbeste-

henden

Tatverdacht zu erhärten, diesen zu verdichten.

15

Bei

Vorliegen eines

Anfangs

verdachts hat die Polizei Ermittlun­

gen aufzunehmen.

16

Hingegen sind Ermittlungshandlungen

ohne Anfangsverdacht als Ergebnisse sogenannter Be­

weisausforschung («fishing expedition») von einem Beweis­

verwertungsverbot betroffen.

17

b) Hürde des Anfangsverdachts

Zur Bejahung eines Anfangsverdachts reicht die Annahme

einer gewissen Wahrscheinlichkeit strafbaren Verhaltens,

wobei zu Beginn des Verfahrens durchaus Zweifel bestehen

können, ob überhaupt ein Delikt begangen wurde.

18

Ob ein genügender Anfangsverdacht besteht, ist häufig

Gegenstand juristischer Streitigkeiten. Die vom Bundesge­

richt gesetzte Hürde ist nicht besonders hoch. So hat das

Bundesgericht den Anfangsverdacht bejaht nach einer «mo­

tivierten» Anzeige eines Rechtsanwaltes

19

oder bei «vertret­

baren» Anschuldigungen eines angeblichen Opfers von se­

xuellen Übergriffen.

20

Auch Medienberichte

21

oder «sources

confidentielles et sûres»

22

hat das Bundesgericht für die Be­

gründung eines Anfangsverdachts anerkannt.

Hingegen befand das Bundesgericht,

23

dass – nach hier

vertretener Auffassung zu Unrecht – Drogen im Kühl­

schrank einer von mehreren Personen bewohnten Wohnung

den Tatverdacht gegen den Mitbewohner wegen Betäu­

bungsmittelwiderhandlungen nicht rechtfertigten würden.

13

Ackermann (Fn. 3), 331.

14

Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches Strafprozessrecht,

6. Aufl., Basel/Genf/München 2005, § 68 N 9, wo als zusätzliches

Element die erwartete Strafe ins Spiel gebracht wird.

15

Ähnlich Landshut/Bosshard, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber

(Hrsg.), Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung,

2. Aufl., Zürich/Genf/Basel 2014, Art. 299 N 26; Gfeller/Thor­

mann, BSK StPO (Fn. 6), Art. 243 N 16; Hürlimann (Fn. 5), 109.

16

Art. 7 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 299 Abs. 2 StPO.

17

Gfeller/Thormann, BSK StPO (Fn. 6), Art. 243 N 39 ff.

18

BVerwGer, Urteile v. 8.3.2009, A7342/2008 und A7426/2008 so­

wie BGer, Urteil v. 1.10.2014, 1C_653/2012, E. 5.4 in fine.

19

BGE 106 IV 413, 418 ff.

20

BGer, Urteil v. 14.2.2014, 1B_445/2013, E. 2.2.

21

BGE 132 I 181, 193 ff.; BGer, Urteil v. 31.1.2014, 1B_293/2013,

E. 2.3.2.

22

BGer, Urteil v. 8.6.2016, 1B_63/2016.

23

BGer, Urteil v. 26.6.2014, 6B_628/2013.