Cellitinnen 1_2020

Cellitinnen Forum

01/2020 Zeitschrift der Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria

Früher war …

Inhalt

Titel | Thema

Lehren | Lernen

Früher war …

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Ein Plädoyer für die Altenpflege Mit ERASMUS+ in Litauen Pflegeausbildung neu geregelt

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Ordensschwestern in der Pflege Krankenhaus damals Arzt gestern – Arzt heute Zwischen Beruf und Berufung

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Idee | Einsatz

Der Weg in die Moderne

Gemeinsam für eine gute Sache

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Gärten sind heilsam Wem Ehre gebührt

Medizin | Betreuung

Feinster Honig aus Lindenthal

Modern und patientenfreundlich Stimulanz der Nervenfasern

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Kultur | Freizeit

Alternative zur Vollnarkose

Wenn plötzlich die Luft wegbleibt Das Krankenhaus der Zukunft

„Skandal der Skandale“ „Langsam, langsam!“ – Teilen und verweilen

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Karriere in der Pflege

Veranstaltungen

Kurz | Kompakt

Profile | Personen

M‘r feere janz höösch Auf Entdeckungstour

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Neues Management

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Zeit schenken

Stabwechsel in der Kardiologie

Singen ist gesund! Herzlich willkommen!

St. Vinzenz-Hospital unter neuer Leitung

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Neues Gesicht in Köln

Behandlungsschwerpunkte

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Einstieg in die Geschäftsführung

Kontakte

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Was macht eigentlich…?

Indien, Deutschland und zurück

Glauben | Leben

„Geh sorgsam mit dir um!“ Mit Respekt vor den Kulturen

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Orden vor Ort

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Editorial

Liebe Leserinnen, Liebe Leser, Vielleicht geht es Ihnen ja auch so: Wenn ich mir Fotos aus meiner Kind- heit und Jugend anschaue, denke ich: „Mensch, das ist doch gefühlt erst gestern gewesen.“ Für meine Kinder dagegen ist diese Zeit der Schlaghosen, farbenfroh großgemusterten Tapeten und Bonanza-Fahr- räder Lichtjahre entfernt. Dabei weiß ich noch wie heute, wie gerne ich eben dieses Fahrrad mit dem Bananensattel und der Dreigangschaltung gehabt hätte – damals das Nonplusultra auf dem Markt und Herzens- wunsch jedes kleinen Jungen. Heute dagegen würde ein Bonanza-Rad unter dem Weihnachtsbaum bei einem Zehnjährigen wohl einen Sturm der Empörung auslösen. Moderne Mountain-Bikes mit mindestens zehn Gängen haben meinem Kindheitstraum längst den Rang abgelaufen.

Ähnliches werden die Schwestern der Cellitinnen zur hl. Maria, im Ruhestand lebende Ärzte oder Kranken- schwestern denken, wenn sie sich Bilder ihrer alten Wirkungsstätten ansehen: Was heute als Neuheit auf dem Markt der Medizintechnik zu haben ist, gehört morgen zum ‚alten Eisen‘. In der jeweiligen Zeit jedoch ist man stolz auf das neue, meist sündhaft teure Gerät, hält es in Bildern fest und zeigt es her. Das Schicksal wird auch uns ereilen, wenn nachfolgende Generationen über den High-Tech-OP-Roboter Da Vinci schmunzeln so wie wir über die Ausstattung eines Operationssaals in den 1950er Jahren. Und auch die Krankenschwestern in ihren adretten Uniformen wirken etwas aus der Zeit gefallen. Doch, und das zeigen die Fotos sehr deutlich, zu jeder Zeit waren die Pflegenden stolz auf ihren Beruf und ein guter Teamgeist war und ist ihnen wichtig. Und was erst bedeutete ‚Früher‘ für die Bewohner unserer Senioreneinrichtungen? Kaum aus den Kinder- sachen herausgewachsen, begann für viele von ihnen mit der Lehrzeit ‚der Ernst des Lebens‘. Doch was uns heute sehr hart vorkommt, war für die Teenager der späten 1940er bis Mitte 1960er Jahre normal. Ebenso normal war es, dass bis in die 1990er Jahre hinein die Altenpflege eher als Krankenpflege verstanden wurde. Die Seniorenhaus GmbH gehörte damals mit zu den ersten Unternehmen, die den Begriff ‚Altenheim‘ ablegte, nicht mehr von ‚Insassen’, sondern von Senioren sprach und die Bedürfnisse der Bewohner ganzheitlich berück- sichtigte. Doch auch hier hieß und heißt es, mit der Zeit zu gehen, sich ständig zu prüfen, neue Konzepte zu entwickeln – bis sich nachfolgende Pflegende- und Ärztegenerationen irgendwann Fotos von 2020 ansehen und sagen werden: „Früher…“

Ich wünsche Ihnen eine impulsgebende Fastenzeit und frohe Ostertage!

Ihr

Thomas Gäde Geschäftsführer der Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria

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Titel | Thema

Früher war … Bewohner aus den Seniorenhäusern erzählen

Meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war. Wir Kinder wurden unter den Verwandten aufgeteilt. Ich kam aufs Land und war auf dem Hof für das Kühe hüten zuständig. Urlaub auf dem Bauernhof ist seitdem für mich die größte Strafe. (Margret Müller, 82 Jahre)

Mein Vater wurde im Krieg von der Gestapo verhaftet, meine Mutter musste arbeiten, um uns durchzubringen. Wir Kinder waren tagsüber unbeaufsichtigt. (Johann Gennen, 85 Jahre)

„Mädchen trugen doch keine Hosen!“ (Margret Müller, 82 Jahre)

Ich komme aus der DDR und habe dort vier Kinder großgezogen. Die meisten Frauen gingen arbeiten. Es gab genügend ‚Krippenplätze‘, in denen die Kinder gut aufgehoben waren. Mann und Frau begegneten sich auf Augenhöhe. (Gerda Rohde, 93 Jahre)

Natürlich saß mein Mann am Steuer – ich hatte zwar einen Führerschein, aber Autofahren war Männersache. Putzen, waschen, einkaufen, kochen und die Kindererziehung waren meine Sache, selbst als ich wieder arbeiten ging. (Marie-Luise Müller, 70 Jahre)

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Titel | Thema

Mit 14 Jahren fing ich eine dreijährige Lehre als Verkäuferin an und mit 21 Jahren, gerade volljährig geworden, heiratete ich. Als die Kinder kamen, hörte ich auf zu arbeiten. (Margret Müller, 82 Jahre)

Meine Lehrstelle bei der Post? Die hat mein Vater für mich ausgesucht. Das war damals so. Besonders wir Mädchen wurden nicht nach unseren Wünschen gefragt. Das Lehr- geld gaben wir zu Hause ab. (Leonore Gennen, 97 Jahre)

Wir waren vier Kinder. Wenn mein Vater abends nach Hause kam, standen wir stramm, sonst setzte es was. (Leonore Gennen, 97 Jahre)

Auf dem Land ging man nicht auf die höhere Schule und dann studieren. (Margret Müller, 82 Jahre)

Ich erinnere mich an Wanderurlaube mit meinen Eltern im Siebengebirge. (Johann Gennen, 85 Jahre)

Zu meinem ersten Mobiltelefon gehörte ein schwerer Koffer. Es kostete Ende der achtziger Jahre 12.000 Mark. Heute habe ich ein handliches Smartphone. Damit komme ich ins Internet und tausche mich mit Familie und Freunden über Whatsapp aus. (Johann Gennen, 85 Jahre)

…vieles anders und nicht alles besser!

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Titel | Thema

Ordensschwestern in der Pflege Ein ‚Kraftakt‘ in den 1950er und 1960er Jahren

mit hohem finanziellem und arbeits- intensivem Einsatz wieder aufge- baut werden. Dabei hatten viele Schwestern infolge der Kriegszei- ten selbst gesundheitliche Proble- me. 1943 beklagte der damalige Klosterkommissar Weihbischof Dr. Wilhelm Stockums den schlechten Gesundheitszustand der Ordens- frauen infolge der Arbeitsbelastung, der schlaflosen Nächte verursacht durch die Bombenangriffe und die schlechte Ernährung. Ein Jahr spä- ter fügt er hinzu, dass die Schwes- tern „ohne zu stöhnen u. zu klagen, bis zur völligen Erschöpfung sich im Dienste der Nächstenliebe auf- opfern.“ Diese Situation änderte sich auch in den Folgejahren nicht signifikant, zumal die Schwestern in den nicht- ordenseigenen Niederlassungen als belastbare, günstige und allzeit ver- fügbare Arbeitskräfte angesehen wurden. In einer Auseinanderset- zung mit der Stadt Köln im Jahr 1953 wies die damalige General- oberin Mutter Siena darauf hin, dass die 26 in Diensten der Kommune stehenden Cellitinnen eine monat- liche Entschädigung von 40 DM erhielten, während die weltlichen Schwestern mindestens 60 DM Lohn bekämen. Im selben Jahr rich- tete sie einen Beschwerdebrief an das Kuratorium des Krankenhauses in Hachenburg (Westerwald), das bei seinem Erweiterungsbau kei- nen Aufzug einplante. Mutter Siena lehnte es ab, dass ihre Schwestern

Einsatz auf der Säuglingsstation

Zum Jahresbeginn 1953 verzeich- net die Chronik der Cellitinnen zur hl. Maria 532 Professschwestern, elf Novizinnen und neun Postu- lantinnen, die noch in insgesamt 50 Einrichtungen tätig waren. Meistens handelte es sich um relativ kleine Konvente mit Gestellungsverträgen für drei, vier, bisweilen fünf Schwes- tern. Sie übten im Umkreis die am- bulante Krankenpflege aus, be- treuten den Kindergarten, erteilten Haushalts- und Handarbeitsunter- richt und versorgten einige pflege- bedürftige Menschen im Haus. Die größeren Niederlassungen, meis- tens Krankenhäuser oder Altenhei- me, befanden sich in Ordensbesitz, beispielsweise das St. Anna-Hospi- tal in Köln-Lindenthal, das Marien- heim in Bad Münstereifel und das St. Josefskrankenhaus in Krefeld

oder Burg Ranzow in Kleve-Mater- born sowie das St. Adelheidis-Stift in Bonn-Vilich. Die Schwesternzahl war in diesen Einrichtungen deut- lich höher, denn zusätzlich zu den bereits oben genannten Tätigkeiten leiteten die Ordensschwestern die Häuser, waren für Betrieb, Pflege, Kapelle, Küche und Wäscherei nicht nur verantwortlich, sondern auch selbst im Einsatz. In dieser ersten Hälfte der 1950er Jahre hatten die Cellitinnen noch mit den unmittelbaren Kriegsschä- den zu kämpfen. Gerade die oben genannten größeren Niederlassun- gen, ebenso wie das Mutterhaus in der Kölner Schwalbengasse, waren stark zerstört und mussten Hohe Arbeitsbelastung

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Titel | Thema

die Patienten nach den Operationen mit der Trage über ein Treppenhaus in die Stationszimmer transportieren müssten. Das halte sie für nicht zu- mutbar. In ihrer Verantwortung für die Gesunderhaltung der Schwes- tern drohte sie mit deren Abzug aus dieser Niederlassung. Anzumerken ist, dass diese Art des Kranken- transportes über das Treppenhaus noch in den 50er Jahren eher die Regel als die Ausnahme war, bei Neubauten aber Aufzüge eingebaut wurden. Noch Anfang der 60er Jah- re forderte Mutter Priscilla die Kran- kenhausleitung in Hermülheim auf, die Schwestern im regulären Dienst- plan zu berücksichtigen. Es könne nicht sein, dass die Schwestern jederzeit, besonders an den Wo- chenenden und im Bereitschafts- dienst, zur Arbeit herangezogen würden: „Es ist selbstverständlich, daß unsere Schwestern weiterhin in allen echten und dringenden Not- fällen auch außerhalb des Dienst- planes bereitstehen. Nur darf der sogenannte Notfall nicht zur Regel werden.“ Die Ansprüche in der ambulanten Krankenpflege waren ebenso for- dernd. Zur Versorgung der Patien- ten mussten häufig lange Wege zu- rückgelegt werden, meist zu Fuß. Erst in den 40er Jahren durften einige jüngere Schwestern die lan- gen Wegstrecken in den ländlichen Gemeinden mit dem Fahrrad zu- rücklegen, beispielsweise in Much im Bergischen Land. Ein Fahrrad mit Hilfsmotor erwies sich in dem bergigen Gelände als untauglich und der 1955 angeschaffte Motor- roller schaffte zwar die Steigungen, setzte die Schwester aber Wind und

Mit dem Fahrrad zur ambulanten Krankenpflege

Wetter aus, was zu vermehrten Er- kältungskrankheiten führte. Auch das ‚Goggomobil‘ hatte mit dem Gelände zu kämpfen und erst der 1961 angeschaffte VW-Käfer mach- te die Ambulanzschwester wirklich mobil. Bereits in den frühen 1960er Jah- ren wurde bei den Cellitinnen zur hl. Maria, wie auch bei anderen ca- ritativ tätigen Gemeinschaften, der fehlende Ordensnachwuchs offen- sichtlich. Zunehmend mussten Nie- derlassungen aufgegeben werden. Zunächst traf es die nichtordens- eigenen, kleinen Niederlassungen, schließlich auch die größeren. Der Betrieb des 1964 eröffneten Heilig Geist-Krankenhauses mit eigenen Ordensfrauen in den Leitungsposi- tionen und in der Pflege wurde zum Kraftakt, denn die Schwesternzahl ging stetig zurück, der Altersdurch- schnitt stieg. Das Haus war zwar in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre mit seiner modernen medizin- technischen Ausstattung und dem durchdachten Raumkonzept das Wandel in der Pflege

Vorzeigeobjekt für Krankenhaus- planer aus dem In- und Ausland. Nicht vorhandene Aufzüge, enge Zimmer, verwinkelte Flure und weite Transportwege gehörten der Ver- gangenheit an. Dafür nahmen die Anforderungen hinsichtlich der Be- triebsführung mit immer restrikti- veren Vorschriften stetig zu. War es in den Nachkriegs- und in den 1950er Jahren der hohe körper- liche Einsatz, der die Ordensfrauen stark beanspruchte, so zehrte in den 1960er und 1970er Jahren der Wandel im Umgang mit den Patien- ten zunehmend an den Kräften. Der Anspruch der Ordensfrauen, Zeit für den kranken Menschen zu haben, ließ sich mit Dienstplänen und Per- sonalplanungen nur sehr schwer vereinbaren. Einige Schwestern er- innern sich bis heute noch an ihren inneren Konflikt – einerseits für den Nächsten da sein und in gewohnter Weise ihr klösterliches Leben führen zu können, andererseits einem be- triebswirtschaftlichen System folgen zu müssen. Stephanie Habeth-Allhorn Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria

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Titel | Thema

Krankenhaus damals Eindrücke aus vergangenen Zeiten

Betrachtet man die Bilder aus der Vergangenheit der Krankenhäuser wird deutlich, welche Quanten- sprünge die Kliniken in Ausstattung und Selbstverständnis der dort Tä- tigen vollzogen haben.

Das Arbeitsfeld Krankenhaus ist ein anderes geworden – und es bleibt spannend, denn der ‚Wandel der Zeit‘ wird sich in den nächsten Jahren in den Einrichtungen fort- setzen.

Säuglingsschwester Käthe Muschard im St. Anna Hospital

Pflege unter Aufsicht einer Ordensschwester

In Ausgehuniform: die Pflegeschülerinnen des Heilig Geist-Krankenhauses

Moderner OP-Standard in den 1950er Jahren

Bei der Vorbereitung zur OP

Schwesternschülerinnen lernen die OP Technik kennen

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Titel | Thema

Narkoseschwestern im St. Anna-Hospital in Köln-Lindenthal

Schwesternschülerinnen am Krankenhaus St. Josef in Wuppertal

Eine Ordensschwester arbeitet am Empfang

Schwesternschülerinnen Anfang der 1960er Jahre

Die Krankenhausküche

Lazarettdienst in Vilich während des 1. Weltkriegs

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Titel | Thema

Arzt gestern – Arzt heute Trotz Technisierung: Der Mensch darf nicht auf der Strecke bleiben

denn es dient der noch schnelleren Diagnostik und der noch erfolg- reicheren Therapie der Patienten. Die eine oder der andere mag sich aber schon einmal fragen, ob bei dieser immer schnelleren techni- schen und digitalen Entwicklung das (Zwischen-)Menschliche im Arzt-Patienten-Verhältnis oder im Miteinander der Kollegen vielleicht doch irgendwann zu kurz kommen könnte. Das CellitinnenForum hat daher zwei Ärzte aus demKranken- hausverbund dazu befragt, wie Sie den Wandel in der Medizin erleben. Einen erfahrenen, renommierten Chefarzt der ‚alten Schule‘ und eine Vertreterin der neuen Ärzte- generation: Professor Dr. Dietmar Pennig, Ärzt- licher Direktor am St. Vinzenz-Hos- pital und dort auch Chefarzt der Klinik für Unfall- und Wiederherstel- lungschirurgie, Handchirurgie und

Ärzte des St. Anna-Hospitals in Koln-Lindenthal

Die Technisierung und die digitale Revolution haben längst alle Be- reiche des menschlichen Alltags erreicht, dazu gehört auch die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern. Operationsro-

boter wie der DaVinci, die digitale Patientenakte, computerassistierte Navigation durch den menschli- chen Körper für die mikrometerge- naue Platzierung eines künstlichen Gelenkes, winzige Computer, die, eingesetzt in den Brustkorb, kriti- sche Veränderungen der Herzak- tivitäten melden, Sonden, die im- plantiert unter der Kopfhaut Hören ermöglichen – bis hin zu kleinen Service-Robotern, die dank ihrer künstlichen Intelligenz und einem niedlichen Äußeren zu beliebten ‚Servicekräften‘ werden und ein- fache Fragen beantworten können: Das alles und viele, viele weitere Innovationen der Medizintechnik und Informationstechnologie kom- men auch in den Krankenhäusern der Stiftung der Cellitinnen zum Einsatz. Und das ist auch gut so,

Dr. Tugba Goenen

Prof. Dr. Dietmar Pennig

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Titel | Thema

Orthopädie, und Dr. Tugba Goe- nen, Assistenzärztin in der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie an der St. Anna-Klinik. Herr Professor Pennig, wie lange arbeiten Sie schon als Chirurg? Und was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Veränderungen, die Sie miterlebt haben? Nach dem Studium hatte ich den ersten Kontakt zur Chirurgie und Or- thopädie an den Universitäten Basel und Bern. Im Jahre 1983 begann dann die Weiterbildung zum Arzt für Chirurgie und im Schwerpunkt Unfallchirurgie an der Universitäts- klinik Münster. Wir sprechen also über weit mehr als 40 Jahre, eine lange Zeit. Ganz allgemein betrachtet ist die Chirurgie viel ‚technologischer‘ ge- worden. Was sich aber trotzdem nicht verändert hat, ist die Konzent- ration auf jeden einzelnen Patienten und seine spezifischen Probleme. Zugenommen hat in den letzten Jahren auf jeden Fall der Doku- mentationsaufwand, der heute viel stärker auch unter wirtschaftlichen und juristischen Aspekten erfolgen muss. Hat sich das Arzt-Patienten-Verhält- nis in all diesen Jahren verändert? Der heutige Patient ist dank dem Internet sicherlich viel informierter. Ob ‚Doktor Google‘ aber auch in je- dem Fall die richtigen Fakten liefert, ist jedoch fraglich. Nach wie vor ist das direkte Verhältnis zwischen Arzt und Patient für den Behandlungs- erfolg von erheblicher Bedeutung. Da ist zu viel unsortierte Internet-

Operation in den 1950er Jahren im Marienheim

recherche auf eigene Faust häufig eher hinderlich und belastend für die Patienten. Die Medizin, besonders die Chirur- gie, galt lange als eher konservativ und sehr wettbewerbsorientiert. Für Familienplanung und ein demokra- tisches Miteinander schien wenig Raum zu sein. Wie ist das heute? Ja, die Chirurgie gilt einerseits als konservativ. Auf der anderen Seite ist sie aufgrund der sich entwickeln- den Technologien aber auch aus- gesprochen innovativ und sehr, sehr spannend. Ein Wettbewerbsdenken mag vorhanden sein, ist aus meiner Sicht aber nicht vorrangig. Hinsichtlich der Familienplanung und des Umganges mit Hierarchien hat sicherlich ein Wandel eingesetzt, aus meiner Sicht eindeutig hin zum Besseren. Die Rolle des unnahba- ren und über allem schwebenden Chefarztes hat ausgedient. Die Mit- arbeiter und Patienten gleicherma- ßen erwarten zu Recht von der ärzt- lichen Leitung ein vorbildhaftes und

korrektes Verhalten. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich mit allen Dienstarten innerhalb des eigenen Fachgebietes auszutauschen. Pfle- ge, Ärzte und Therapeuten sowie auch alle anderen Mitarbeitenden können nur gemeinsam erfolgreich sein. Das gilt für die Behandlung jedes einzelnen Patienten genauso wie für die Weiterentwicklung des ganzen Hauses. Frau Dr. Goenen, wie lange arbeiten Sie schon als Ärztin? Und was hat Sie zu dieser Berufswahl motiviert? Ich bin jetzt seit fast zwei Jahren Ärztin und mein Beruf macht mir sehr viel Freude – auch wenn es kein Kindheitstraum gewesen ist. Ich habe mich erst recht spät für diesen Berufsweg entschieden, da war ich schon in der gymnasialen Oberstufe. Ausschlaggebend war die Krebserkrankung meiner Groß- mutter.

Ist der Arztberuf dank ‚Hightech‘ heute leichter? Und wie beeinflusst

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Titel | Thema

die Technik Ihren Umgang mit den Patienten? Goenen: Diese Frage kann Profes- sor Pennig mit seiner umfassenden Berufserfahrung wohl eher beant- worten als ich. Ich kann mir aber vorstellen, dass es heute einige Er- rungenschaften gibt, die den Alltag im Vergleich zu früher erleichtern. Angefangen von den neuen OP-Ins- trumenten und der hochmodernen radiologischen Diagnostik bis hin zu Online-Terminierungen für Sprech- stunden und digitalem Informations- austausch zwischen den Ärzten. Aber natürlich muss auch der Um- gang mit all dem gelernt werden, zusätzlich zu der ‚eigentlichen Me- dizin‘. Das ist gerade für uns junge Ärzte schon ein erheblicher Auf- wand. Auch muss man immer im Hinterkopf haben, dass die ganze Technik niemals die klassische Ana- mnese, die klinische Untersuchung und vor allem den direkten Kontakt zumPatienten selber ersetzen kann.

Chirurgie Ende der 1960er Jahre in Koln-Lindenthal

Pennig: Unsere zentrale Aufgabe ist die bestmögliche Versorgung der Patienten. Wenn Hightech dies unterstützen kann, zum Beispiel in der Trainingssituation oder Simula- tion, ist dies sicherlich ein Gewinn. Leichter wird der Beruf dadurch aber nicht, eher im Gegenteil. Jede Technik muss erlernt, jedes neue

Verfahren muss sorgfältig erprobt werden. Das bedeutet schon einen großen Aufwand. Frau Dr. Goenen, wenn Sie sich etwas von Ihren älteren Kollegen wünschen könnten, was wäre das? Auch wenn unser klinischer Alltag immer stärker von Hightech-An- wendungen geprägt wird, lege ich sehr viel Wert auf die klinische Expertise erfahrener Kollegen. Von ihren positiven Erfahrungen und ihren Fehlern, von ihren Erlebnis- sen mit vielleicht ungewöhnlichen Patientengeschichten können wir ‚Jungen‘ extrem viel lernen. Daher wünsche ich mir, dass sie mir diese auf meinen Weg mitgeben. Denn einen guten Arzt, eine gute Ärz- tin macht die Erfahrung aus. Das kann meiner Meinung nach keine Hightech-Medizin der Welt ersetzen und das wird sich auch im digitalen Zeitalter nicht ändern.

Im Casino des Heilig Geist-Krankenhauses speisten die rzte auf der 8. Etage mit Blick über Köln

Vielen Dank für das Gespräch!

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Titel | Thema

Zwischen Beruf und Berufung Menschen in der Pflege gestern und heute

mit Fachweiterbildungen, einem Bachelor im Pflegemanagement oder einem Medizinstudium weiter zu qualifizieren.

Pflegeberuf und soziale Not

Doch wie gestaltete sich die Pflege älterer und kranker Menschen frü- her? Dreht man das Rad der Zeit gut 150 Jahre zurück, landet man in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals gab es weder eine gesetz- liche Krankenversicherung noch galten Ausbildungsverordnungen oder Tarifverträge für Pflegekräfte. Sehr real aber waren Krankheit, Seuchen wie Tuberkulose oder Cholera und Epidemien, unter denen die Menschen litten. Das moderne Krankenhaus, wie wir es heute kennen, wurde gerade erst erfunden. In Deutschland waren es vorrangig christliche Gemein- schaften und Privatinitiativen, wie beispielsweise Bürgerstiftungen, die aus christlicher Nächstenliebe und sozialer Not die Versorgung von Kranken und Pflegebedürfti- gen übernahmen. Etwa zur glei- chen Zeit kümmerte sich Florence Nightingale in Großbritannien um die Pflege verwundeter Soldaten und kranker Zivilisten. Sie gilt als eine Begründerin der modernen Krankenpflege. Das Beispiel machte Schule. Die Armen-Schwestern vom Heiligen Franziskus, die 1868 das St. Fran- ziskus-Hospital gründeten, richteten

Junge Krankenschwestern in den 1950ern

Warum entscheidet sich ein junger Mensch heute für den Pflegeberuf? Fragt man die ganz Jungen, die ge- rade ihre dreijährige Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger begonnen haben, kommen unter- schiedliche Antworten: Anderen Menschen helfen, Kranken beiste- hen, Gutes tun und Leben retten werden als idealistische Motive genannt. Aber auch die Sicher- heit, einen Beruf mit Zukunft zu er- greifen, spielt für die pragmatische ‚Generation Z‘ eine große Rolle. Pflegekräfte sind auf dem Arbeits- markt gefragt wie nie – Tendenz steigend. Auch mit gutem mittle- ren Bildungsabschluss kann man in der Pflege Karriere machen, was

mittlerweile auch für viele Männer interessant ist. Den Schritt in den anstrengenden und anspruchs- vollen Pflegeberuf haben sich die Nachwuchskräfte meist gut über- legt. Manche kennen die Arbeit im Krankenhaus oder Seniorenheim schon über Familienmitglieder, weil schon Mutter oder Onkel als Schwester oder Pfleger gearbeitet haben. Wieder andere haben ein Praktikum oder ein Freiwilliges So- ziales Jahr in einer Einrichtung der Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria absolviert und so den Pflegeberuf für sich entdeckt. Für Abiturienten ist die Ausbildung in der Pflege mitunter auch ein Einstieg in den medizinischen Bereich – mit der Aussicht, sich nach dem Examen

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Titel | Thema

Der Fachkräftemangel, ökonomi- scher Druck imGesundheitswesen und die Herausforderungen des de- mografischen Wandels mit immer mehr älteren und pflegebedürfti- gen Menschen tragen dazu bei, dass der Pflegeberuf in den letzten Jahren verstärkt ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit ge- langte. Pflegekräfte leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Menschen, das gilt damals so wie heute. Gewandelt hat sich über die Jahrzehnte das Selbstverständnis der Pflege. Das Bild der aufopfe- rungsvollen Helferin und Dienerin am Krankenbett gehört längst der Vergangenheit an. Wertschätzung, Weiterbildung und Kommunikation auf Augenhöhe werden heute von den Pflegekräften so selbstver- ständlich erwartet wie angemesse- ne Bezahlung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gleichzeitig sagen viele Schwestern und Pfle- ger: Für mich ist das kein Job wie jeder andere!

Eine Ordensschwester kümmert sich um ein Frühchen

bald auch eine eigene Pflegeschule ein, in der sie die Ordensmitglieder und weltlichen Schwestern ausbil- deten und unterwiesen. Kranken- schwester wurde man nur, wenn man die religiösen Ziele des Ordens teilte und bereit war, sich unermüd- lich in den Dienst der Kranken zu stellen. Gearbeitet wurde am An- fang des 20. Jahrhunderts noch bis zu 14 Stunden am Tag. Urlaub und Freizeit gab es bis auf weni- ge Tage der Exerzitien keinen. Die Ordensfrauen arbeiteten nicht nur am Krankenbett, sondern auch in der Küche, Näherei oder Wäscherei und zur Selbstversorgung in der Landwirtschaft. Selbstlosigkeit und Opfergeist gingen sehr weit. Die 150-Jahr-Chronik des Kölner St. Franziskus-Hospitals bietet reichlich Anschauungsmaterial für die harten Arbeitsbedingungen und die bewegte Geschichte der Kran- kenpflege.

nächst eine Aufgabe der Länder, bevor mit dem Krankenpflege- gesetz von 1957 die Ausbildung bundeseinheitlich geregelt wurde. Tätigkeiten wie Spritzen setzen, Verbände anlegen oder Blutzucker messen, die teils noch den Ärzten vorbehalten waren, durften nun an jedem Krankenhaus von exami- nierten Schwestern durchgeführt werden. Fachkenntnisse rückten mehr und mehr in den Vordergrund. Mit den rasanten medizinischen Fortschritten in den siebziger und achtziger Jahren entwickelte sich auch das Berufsbild in der Pfle- ge weiter. Neue Spezialisierungen wie beispielsweise Fachkranken- schwester für Dialyse, Hygiene, Anästhesie, OP und Intensivpflege entstanden. Ab den 1990er Jahren warben die Pflegeschulen zuneh- mend um Abiturienten. Seit 2004 ist die offizielle Berufsbezeichnung ‚Gesundheits- und Krankenpfle- ger‘, die demnächst abgelöst wird durch die ‚Pflegefachfrau‘ und den ‚Pflegefachmann‘.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Krankenpflegeausbildung zu-

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Titel | Thema

Stimmen aus der Pflege

barkeit, Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Patienten und die Fähigkeit, in schwierigen Situatio- nen die Ruhe zu bewahren. Diese Erfahrungen kann ich hier tagtäg- lich einbringen; und das gebe ich auch gerne an die jungen Kollegen weiter.“ Torsten Jablonski, Leiter Zentrale Notfallambulanz

ruf und Freizeit vereinbaren kann. Ich engagiere mich ehrenamtlich in einem Tanzkorps und bisher konnte ich Ausbildung, Training und Auftritte ganz gut unter einen Hut bringen.“ Pflegeschülerin Natascha Päffgen, 2. Ausbildungsjahr

„Ich kann mir ehrlich keinen schöneren Be- ruf vorstellen. Als ich damals mein Examen gemacht habe, war es nicht selbst-

„Der medizinische Bereich hat mich schon im- mer fasziniert. Deshalb habe ich auch alles drangesetzt, über ein Praktikum im

verständlich, nach der Ausbildung im Krankenhaus übernommen zu werden. Bei mir hat es im St. Fran- ziskus-Hospital direkt geklappt. Als man mir 1989 die Stationsleitung für die HNO-Station anbot, habe ich Ja gesagt und bin ohne zu Zö- gern ins kalte Wasser gesprungen. Und das würde ich jederzeit wieder tun! Hier auf der HNO gehen wir menschlich und auf Augenhöhe miteinander um. Einer hilft dem anderen; und das erlebe ich auch bei Ärzten und Schwestern so.“ Schwester Silke Machelett, Stationsleitung HNO

„Für mich hätte es auch ein ande- rer Beruf sein können, zum Beispiel im Polizeidienst. Anderen in Notsi- tuationen beizuste-

St. Franziskus-Hospital in den Be- ruf einzusteigen. Danach hat mir das Krankenhaus einen Vertrag als Pflegehelfer gegeben und jetzt ma- che ich hier eine Ausbildung zum Gesundheits-und Krankenpfleger. Mir macht die Arbeit mit den Pa- tienten und den Kollegen einfach Spaß. Ich bin sehr froh, dass ich diese Chance bekommen habe.“ Pflegeschüler Younis Alhmod, 1. Ausbildungsjahr

hen, Verantwortung zu überneh- men, und neue Dinge zu lernen sind mir wichtig. Ausschlaggebend war dann, dass ich mit einem Frei- willigen Sozialen Jahr in der Notfall- ambulanz am St. Franziskus-Hos- pital super zufrieden war. Hier wollte ich auf jeden Fall arbeiten! Wichtig ist mir auch, dass ich Be-

„Mein Einstieg in die Pflege war ein Weg mit Umwegen. Ich hatte schon Be r u f se r f ah- rung in einer ganz anderen Branche,

aber die Industrieautomation hät- te mir auf Dauer keine Freude ge- macht. Nach meiner Bundeswehr- zeit habe ich mich dann komplett neu orientiert und bin 1995 an das St. Franziskus-Hospital gekom- men. Erst mit einer Ausbildung als Krankenpfleger, dann einige Jahre auf der Septischen Chirurgie und seit 2001 als Leiter der Notfallam- bulanz. Was hier zählt, sind Belast-

Freude am Beruf war und ist wichtig

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Titel | Thema

Der Weg in die Moderne Über die Professionalisierung der Altenpflege im Seniorenhaus

Stricken als Freizeitbeschaftigung …

… ist nach wie vor beliebt

Die Versorgung älterer Menschen, die sich nicht mehr aktiv am Brot- erwerb der Familie einbringen kön- nen, lässt sich bis ins Mittelalter zu- rückverfolgen. Vor allem christliche Gemeinden nahmen sich zunächst der mittellosen und gebrechlichen Menschen an. So entstanden – zu- meist im Umfeld von Klöstern und Kirchen – ‚Spitäler‘. Sie gewähr- ten Bedürftigen einen Schlafplatz sowie eine Grundversorgung. Die Gründung dieser Einrichtungen gilt als eine Wurzel der heutigen Alten- heime. Mit den gesellschaftlichen Verwer- fungen im 19. Jahrhundert als Folge der Industriellen Revolution nah- men sich neu gegründete Ordens- gemeinschaften und engagierte Bürger der Versorgung alter und bedürftiger Menschen an. Zudem erkannte auch der preußische Staat die Notwendigkeit einer organisier- ten medizinischen Versorgung und Altenpflege. So wurde die Sozial-

gesetzgebung begründet und unter anderem der Aufbau von Pflegeein- richtungen vorangetrieben. Die moderne Altenpflege entwickel- te sich in Deutschland erst in den fünfziger Jahren substanziell wei- ter. Der Zweite Weltkrieg hatte das klassische System der familiären Fürsorge weitgehend zerstört und machte neue Versorgungsformen erforderlich. Es entstanden Alten- heime, vor allem für alleinstehende Kriegswitwen sowie zur Versorgung alter, behinderter und pflegebedürf- tiger Menschen. Für pflegerische Tätigkeiten wurde auf Kranken- pflegekräfte zurückgegriffen. Die staatlich anerkannte Ausbildung zur Altenpflege erfolgte erst ab 1969. „Die Altenheime alter Prägung wa- ren in erster Linie Versorgungsein- richtungen für Menschen, die kei- ne Familie hatten oder nicht mehr alleine wohnen konnten“, erläutert Stephanie Kirsch, Geschäftsfüh-

rerin der Seniorenhaus GmbH der Cellitinnen zur hl. Maria. „Es ging um die Grundversorgung. Das heißt, um ein Dach über dem Kopf in Mehrbettzimmern, um eine war- me Mahlzeit am Tag sowie die me- dizinisch-pflegerische Versorgung bei Erkrankungen.“ Entsprechend einfach war die Ausstattung in zu- meist vormaligen Krankenhausbau- ten: Die Betten, die Einrichtung und sanitären Anlagen waren funktional. Die Gestaltung an hygienischen Standards ist an der medizinischen Versorgung ausgerichtet. Ein wohn- liches oder häusliches Umfeld für die Unterbringung alter Menschen rückte erst in den späten siebziger Jahren ins Blickfeld.

Von der Funktionalität zur Individualität

„Als in den 90erJahren die Senio- renhaus GmbH gegründet wurde, stießen wir mit unseren Forderun- gen, die Altenheime neu oder um-

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Zusätzliche Angebote wie das der vorübergehenden Kurzzeitpflege, der Tages- und/oder Nachtpflege wurden geschaffen. Sie ermög- lichen ein differenziertes Leis- tungsangebot für die individuelle Pflegesituation. Zudem wurde die ambulante Pflege weiter ausge- baut und mit hauswirtschaftlichen Dienstleistungen verzahnt, damit ein Leben im häuslichen Umfeld solange wie möglich erfolgen kann. „In den vergangenen drei Jahrzehn- ten hat sich die Sichtweise auf alte Menschen grundlegend verändert“, erläutert Kirsch. Dazu haben die sozialen Rahmenbedingungen, der medizinische Fortschritt sowie die gesellschaftliche Einstellung maß- geblich beigetragen. „Wir erleben heute eine aktive und lebensfrohe Generation von Senioren, die im Al- ter weiterhin am gesellschaftlichen Leben partizipieren möchte. Dazu werden wir bestehende Angebote erweitern und neue Konzepte ent- wickeln. Denn natürlich möchten wir alle eines Tages nach unseren Vorstellungen selbstbestimmt leben und alt werden.“

zubauen, um sie als Wohn- und Lebensräume für Senioren anzule- gen, die Raum für Individualität und Privatsphäre schaffen, oft noch auf deutliche Zurückhaltung“, erklärt Kirsch. „Doch die gesellschaftliche Entwicklung wie auch die Gesetz- gebung gaben uns Recht.“ Die Architektur neuer Seniorenhäu- ser orientierte sich nun zunehmend an Wohnhäusern mit Gemein- schaftsflächen. Darüber hinaus ent- wickelte sich das Seniorenwohnen zu einem eigenen Bereich, in dem ältere Menschen barrierefreie Woh- nungen mieten und bei Bedarf ein- zelne Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. Die Heime wurden konzeptionell immer mehr zu einem Zuhause für ältere Menschen, in dem sie selbst ihren Tagesablauf gestalten und Betreuungsangebo- te wahrnehmen. Zum Wohlfühlen trug auch die Raumgestaltung bei. Denn einzelne Möbel und Bilder konnten nun auch von Zuhause mitgebracht werden. Hinzu kam die bessere Grundeinrichtung mit hochwertigen Materialien, Par- kettböden und moderner Licht- führung. „Mit der Akademisierung der Pflege in den 90er Jahren wuchs auch der Anspruch an die Versorgung und Betreuung alter Menschen“, weiß Geschäftsführerin Kirsch. Neue pflegewissenschaftliche Er- kenntnisse fanden Eingang in die Pflegepraxis. Die Orientierung an verbliebenen Ressourcen statt der Blick auf körperliche oder geistige Neues Verständnis für Menschen im Alter

Einschränkungen gewannen an Bedeutung. Das Konzept der er- lebensorientierten Pflege – Mäeu- tik – wurde von Cora van der Kooij entwickelt, um sich durch das Hi- neinversetzen in die Situation eines demenziell erkrankten Bewohner besser auf ihn einstellen zu können. In den Seniorenhäusern der Celli- tinnen wurde dieser Ansatz in das Verhaltenskonzept für Mitarbeiter aus allen Arbeitsbereichen aufge- nommen. Außerdem wurden An- gehörige und Ehrenamtliche explizit in die ‚Seniorenarbeit‘ integriert. Eine weitere Fortführung innovativer Ideen war die Einführung der ‚Haus- gemeinschaften‘. Hier wohnen acht bis zwölf Bewohner zusammen wie in einer Wohngemeinschaft. Dabei werden sie in ihrem Tagesablauf durch Präsenz- und Pflegekräf- te begleitet. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer – natürlich mit barrierefreier Toilette und Dusche. Der Mittelpunkt aber ist die Wohn- küche, wo nach Möglichkeit auch eigene Gerichte vor- und zuberei- tet werden und das Leben statt- findet.

Abendbrot im Burgzimmer des Seniorenhauses in Kleve-Materborn

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Modern und patientenfreundlich Neuer Zentraler OP-Bereich im Kölner St. Franziskus-Hospital

Pastoralreferentin Anne Kruse (li.) segnet den neuen, technisch voll ausgestatteten Bereich

Dass Bauarbeiten zügig und im Kostenrahmen über die Bühne gehen, ist längst nicht selbstver- ständlich. Noch dazu, wenn im Alt- bestand und bei laufendem Kran- kenhausbetrieb umgebaut wird. Umso erfreulicher, dass die Erwei- terung des zentralen OP-Bereichs im St. Franziskus-Hospital Ende 2019 erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Innerhalb von 18 Monaten Bauzeit entstanden ein zu- sätzlicher sechster Operationssaal sowie ein neuer Aufwachraum mit zwölf Betten. Der Aufwachraum ist bereits seit August 2019 in Betrieb. Auch die Abläufe bei Operationen werden patientenfreundlicher. Und für Angehörige ist der Aufenthalt in den hellen neuen Wartebereichen deutlich angenehmer. Der 180 Quadratmeter große und großzügig geplante Aufwachraum wurde an der Stelle der früheren Eingangshalle errichtet. Von der zentral platzierten Überwachungs-

station können alle zwölf Patien- tenbetten des L-förmigen Raumes überwacht und persönlich im Blick behalten werden. Tagsüber werden im Aufwachraum die Patienten auf die Operation vorbereitet und kom- fortabel in den OP eingeschleust. Für das medizinische Personal steht ein Aufenthaltsraum mit Kü- chenzeile, Monitor und ausreichend Sitzplätzen zur Verfügung, der auch für Besprechungen genutzt werden kann. Im nächsten Bauabschnitt wurden die Arbeiten für den sechsten OP- Saal in Angriff genommen. Genutzt wurde dafür die Fläche, die nach dem Umzug des Aufwachraums frei geworden war. Zur Abschir- mung der sensiblen OP-Bereiche waren Trenn- und Schutzwände erforderlich. Überdies stellen die technischen und hygienischen Erfordernisse eines modernen Operationsbetriebes inklusive al- ler Lüftungssysteme, Netzwerke

und medizintechnische Gerätean- schlüsse hohe Ansprüche an Planer und Handwerker. In die Modernisierung des zentralen Operationsbereichs wurden insge- samt drei Millionen Euro investiert. Das St. Franziskus-Hospital schafft damit die Voraussetzungen, um die medizinischen Leistungen im Be- reich der Orthopädie, Wirbelsäu- lenchirurgie, Adipositas- und Allge- meinchirurgie in hoher Qualität und Frequenz anbieten zu können. Ver- bessert wurde überdies die Infra- struktur für die Mitarbeiter. Allein für die neue Zentralumkleide mit 600 Spinden und modernen Duschräu- men wurden 1,1 Millionen Euro auf- gewendet. Hinzu kommt noch gut eine Million für die Umgestaltung der Cafeteria und den Neubau einer Relaisküche, die voraussichtlich im Frühjahr 2020 neu eröffnet wird: Erfreuliche Aussichten für Patien- ten, Besucher und Mitarbeiter des St. Franziskus-Hospitals.

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Stimulanz der Nervenfasern Ein Ausweg für Patienten mit chronischen Schmerzen

genehmes Kribbeln im zuvor an- gegebenen Schmerzbereich. Das Team um den leitenden Arzt des Instituts, Neurochirurg Dr. Thors- ten Riethmann, erhält dabei in Köln fachliche Unterstützung durch den erfahrenen Neurochirurgen Dr. At- hanasios Koulousakis. Dieser arbei- tete zuletzt als Fachbereichsleiter für Schmerz und Spastik an der Universitätsklinik Köln. „Ich bin stolz auf diese Kooperation. Schmerz- patienten aus Köln und Umgebung müssen nun nicht mehr den Weg nach Wuppertal auf sich nehmen und profitieren von der engen Part- nerschaft des Instituts mit einem so erfahrenen Mediziner wie Dr. Kou- lousakis“, so Riethmann. Das Institut für Neuromodulation (INM) gehört zum Petrus-Kran- kenhaus in Wuppertal. Zu den besonderen Schwerpunkten des Instituts gehören innovative Be- handlungsverfahren wie die oben genannte Rückenmarkstimulation und die Periphere Nervenstimula- tion, bei der über Elektroden sanf- te elektrische Impulse abgegeben und so die Nervenfasern stimuliert werden. Als eigenständige und staatlich konzessionierte Privatklinik ergänzt die Kunibertsklinik das Spektrum des ambulanten OP-Zentrums am St. Marien-Hospital Köln mit einer exklusiven stationären Ver- sorgungseinheit. Hier werden

Dr. Athanasios Koulousakis

Dr. Thorsten Riethmann

Etwa zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chroni- schen Schmerzen – mit steigen- der Tendenz. Die Behandlung ist aufwändig, schwierig und führt oft nicht zum gewünschten Ergebnis. In Kooperation mit dem Institut für Neuromodulation am Petrus-Kran- kenhaus in Wuppertal bietet die Kunibertsklinik in Köln mit der epi- duralen Rückenmarkstimulation nun auch ein Angebot für Patien- ten, die oft seit vielen Jahren unter chronischen Schmerzen leiden. Bei dem Verfahren werden Ner- venfasern mit Hilfe von Strom sti- muliert. Die elektrischen Impulse hemmen die Schmerzweiterleitung der Nerven an das Gehirn und der Patient spürt stattdessen ein an-

Patienten in verschiedenen Fach- disziplinen von spezialisierten niedergelassenen Fachärzten ver- sorgt. Neben der operativen Ver- sorgung besteht so die Möglich- keit, auf die sichere Infrastruktur des St. Marien-Hospitals zurück- zugreifen. Petrus-Krankenhaus Wuppertal, Institut für Neuromodulation, Dr. Thorsten Riethmann, Tel. 0202 299–2536, thorsten.riethmann@cellitinnen.de Kunibertsklinik, Dr. Athanasios Koulousakis, Tel. 0221 1629–6529, athanasios.koulousakis@ cellitinnen.de

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Alternative zur Vollnarkose Eingriff an der Lunge in Spontanatmung vermeidet Komplikationen

Mit steigendem Alter sind große operative Eingriffe – zumBeispiel an der Lunge – mit einem hohen Risiko behaftet. Dabei kann die Vollnarko- se zu Komplikationen und Neben- wirkungen auch nach der Operation führen und eine besondere Belas- tung für den Patienten darstellen. Im Kölner St. Vinzenz-Hospital können Patienten, die bestimmte Kriterien erfüllen, jetzt auch ohne Vollnarkose an der Lunge operiert werden. Ein klassischer Fall aus der Pra- xis: Eine über 80-jährige Patientin mit einem bösartigen Pleuraerguss muss operiert werden. Hierbei hat sich zwischen Rippenfell und Lunge

Flüssigkeit angesammelt, die Lun- ge wird zusammengedrückt, die Atmung der Patientin zunehmend erschwert. Es muss operiert wer- den – und das mit allen Risiken, die eine solche Operation unter Vollnar- kose und Beatmung mit sich bringt. Am St. Vinzenz-Hospital sind die Thoraxchirurgen und Anästhesis- ten jedoch seit gut einem Jahr ein Stück weiter: Sie operieren unter Beachtung wichtiger Ausschluss- kriterien ohne das Einführen eines Beatmungsschlauches und ohne die klassische Vollnarkose, also ohne völliges Ausschalten des Be- wusstseins und medikamentöser Muskelentspanung.

„Thoraxchirurgische Eingriffe in Spontanatmung (NI-VATS – non­ intubated video-assisted thoracic surgery) gewinnen seit einigen Jah- ren an Popularität“, erklärt Frank Beckers, Chefarzt der Thoraxchir- urgie. „So können wir den Patienten das Risiko und die Belastung einer künstlichen Beatmung ersparen ebenso wie die Nachwirkungen einer medikamentösen Muskel- entspannung und Vollnarkose“, ergänzt Prof. Dr. Jürgen Lutz, Chefarzt der Anästhesie, Inten- sivmedizin und Schmerztherapie. Die Vorteile sind beachtlich: Die Patienten sind deutlich schneller fit und mobil. Besonders im Hin- blick auf eine Delir- und Demenz-

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prophylaxe (vgl. Infokasten) ist ein solches Vorgehen Gold wert: „Wir machen häufig die Beobachtung, dass gerade bei alten Patienten eine beginnende Demenz durch einen Krankenhausaufenthalt und besonders durch eine Vollnarkose massiv beeinflusst wird“, weiß Lutz. Auch die Gefahr eines Delirs – einer akuten Veränderung in Verhalten, Bewusstsein und Aufmerksamkeit nach einer Narkose, die mit We- sens- und Verhaltensänderungen einhergeht – könne so deutlich vermindert werden, erläutert der Mediziner. Doch wie kann eine solche Ope- ration ohne künstliche Beatmung überhaupt gelingen? Unter nor- malen Bedingungen wird dem Pa- tienten für eine solche Operation ein spezieller Beatmungsschlauch eingeführt – ein Teil in den rechten, einer in den linken Lungenflügel. Beckers erläutert: „Der gesunde Flügel wird normal beatmet, wäh- rend man die andere Lungenseite künstlich zusammenfallen lässt, um Platz für die notwendigen Opera- tionsschritte zu haben. Erst nach Abschluss des Eingriffes wird auch diese Seite dann wieder normal be- atmet und ‚aufgerichtet‘.“ Während eines Eingriffs ohne Vollnarkose (NI-VATS-Eingriffe) atmet der Pa- tient normal weiter. Er befindet sich in einem tiefen, durch Medikamente herbeigeführten Schlaf, bei dem das Schmerzempfinden komplett ausgeschaltet ist. Der operative Zugangsweg wird zusätzlich lo- kal betäubt. Der Lungenflügel, an dem operiert werden muss, fällt Eingriff ohne Vollnarkose

nach Öffnung des Rippenfells zu- sammen, so dass ein ausreichend großer Raum für den Eingriff ent- steht. Der andere Lungenflügel reicht für die Spontanatmung wäh- rend der OP aus. Die Operation kann nun genau so stattfinden wie sonst auch. „Selbstverständlich gibt es ausschließende Faktoren“, berichtet Lutz. Eine starke Über- gewichtigkeit und spezielle Atem- störungen sowie besonders große und komplizierte Eingriffe sprechen gegen das schonende Verfahren. Es bedarf einer genauen Risiko-Ab- wägung durch die Ärzte und weit- reichender Erfahrung – sowohl bei den Anästhesisten als auch bei den Thoraxchirurgen. „Alles in al- Delir – wenn der Verstand schwindet Unter Delir (oder Delirium) versteht man eine akute Veränderung in Verhalten, Bewusstsein und Auf- merksamkeit des Patienten. Der wichtigste Indikator sind plötzlich auftretende Wesens- und Verhal- tensänderungen: Angehörige ha- ben das Gefühl „Dies ist nicht der Mensch, den ich kenne!“ Patienten ab 65 Jahre sind beson- ders häufig betroffen, wobei das Risiko mit steigendemAlter und der Schwere von Begleiterkrankungen zunimmt. Es gibt eine Vielzahl an Risikofaktoren, die ein Delir wahr- scheinlicher machen: zum Beispiel Demenz oder Depression, Immo- bilität, Hör- oder Sehschwäche, Mangelernährung, Flüssigkeits- mangel, Angst und Stress.

lem bedeutet ein solcher Eingriff natürlich mehr Aufwand als einer mit künstlicher Beatmung“, weiß Beckers. „Aber die Ergebnisse im Hinblick auf die Erholung des Patienten und die Auswirkungen bei Demenz und Delir sprechen für dieses Verfahren, wenn alle begren- zenden Faktoren berücksichtigt werden. Die Patienten sind bei und nach der Operation weitestgehend beschwerdefrei.“ Das St. Vinzenz-Hospital hat im ersten Jahr mit diesem Verfahren über 60 Patienten erfolgreich be- handeln können. Die Daten dieser Erfahrung werden wissenschaftlich aufgearbeitet. halb ist es nicht immer einfach zu erkennen. Sie treten in der Re- gel plötzlich, innerhalb weniger Stunden oder Tage auf. Hierzu zählen: Probleme bei der Orien- tierung; Schwierigkeiten zu be- greifen, was um den Patienten herum passiert; Desorientierung über zeitliche Zusammenhänge und Tagesabläufe; Nicht-Erken- nen von bekannten Personen, zu- sammenhanglose Sprache (Fan- tasieren), Rückzug, Aggression, Halluzinationen. In unseren Krankenhäusern arbei- ten auf Demenz und Delir speziali- sierte Ärzte und Pflegekräfte. Bitte sprechen Sie diese an, wenn Sie bei einem Krankenhausaufent- halt eines Angehörigen (beson- ders nach einer Operation unter Vollnarkose) Fragen zum Thema haben.

Die Symptome eines Delirs kön- nen unterschiedlich sein – des-

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Wenn plötzlich die Luft wegbleibt Seltene Autoimmunerkrankung greift die Lunge, Muskeln und Gelenke an

er von der in der Region einzigarti- gen Zusammenarbeit von Rheuma- und Lungenspezialisten unter einem Dach. „Einige Symptome deuteten auf ein ‚Antisynthetase-Syndrom‘ hin, obwohl die Erkrankung nicht häufig vorkommt. Die meisten Fälle sind aus Südeuropa bekannt und treten eher bei Frauen auf“, berich- tet der Rheumaexperte. Das Anti- synthetase-Syndrom ist eine Auto- immunerkrankung, bei der sowohl die Lunge, die Muskulatur als auch die Gelenke befallen sein können und die diagnostisch schwer nach- weisbar ist. Ein Lungenfunktions- test (HRCT), eine Muskelbiopsie sowie weitere Laborwerte bestä- tigten den Verdacht. Jetzt kommt Zuralsky einmal im Monat für eine Nacht ins St. Ma- rien-Hospital, wo er eine Infu- sionstherapie erhält, die er trotz erheblicher Nebenwirkungen der Medikamente gut verträgt. Vor al- lem freut er sich über die merkliche Verbesserung seines Zustandes, die schon nach dem zweiten In- fusionstermin eingetreten ist. Die CT-Befunde sind besser, die Finger weniger steif und dem Patienten geht es deutlich besser. „Die Chan- cen, dass er nach Abschluss der sechsmonatigen Therapie wieder ein ganz normales Leben führen wird, stehen sehr gut“, sagt Dr. Andreas Schlesinger, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Pneu- mologie am St. Marien-Hospital.

Markus Zuralsky (2. v. r.) mit (v.li.) Dr. Andreas Schlesinger, Emine Troni, Rheumatologische Fachassistentin, und Oberarzt Sami Zeglam

Markus Zuralsky leidet unter dem ‚Antisynthetase-Syndrom‘, einer äußerst seltenen Rheumaerkran- kung mit Beteiligung der Lunge. Doch er hatte Glück im Unglück. Dank des Engagements seines Hausarztes und der guten Reak- tion im St. Marien-Hospital, ist seine äußerst seltene Erkrankung schnell gefunden worden. Sein Fitnesstraining hatte der 46jährige Zuralsky zuletzt vernach- lässigt – doch als ihm bei einem leichten Anstieg Ende 2018 plötz- lich förmlich die Luft wegblieb, war sofort klar: Da stimmt etwas nicht! Der erste Verdacht beim Haus- arzt deutete auf eine Lungenent- zündung hin. Doch die Antibiotika wirkten nicht. Atemtests zeigten ein erschreckend geringes Lungen- volumen. Ergebnisse weiterer Blut-

untersuchungen legten zunächst einen alarmierenden Verdacht nahe: Lungenembolie oder mög- licherweise ein Herzinfarkt. Zuralsky wurde telefonisch aufgefordert, sich sofort in das nächste Krankenhaus zu begeben. „Da musste ich doch erst einmal ganz schön schlu- cken“, berichtet er heute. Beide Verdachtsfälle konnten jedoch nach einer Herzkatheter-Untersuchung und einer Computertomographie (CT) der Lunge ausgeschlossen werden. Nach rund sechs Monaten kamen weitere Symptome wie steife Fin- gergelenke hinzu. Die Röntgenbe- funde der Lunge waren weiterhin besorgniserregend. So führte der nächste Weg des Patienten zu Rheumaspezialist Sami Zeglam im St. Marien-Hospital. Hier profitierte

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