Fortbildung aktuell - Das Journal
Nr. 2/2011 der Apothekerkammer Westfalen-Lippe 23
Dr. Helge Prinz
Fortbildung ktuell – Das Journal
er A t ekerka er Westfale -Lip e
solide fachliche Qualifikation sowie ins-
besondere die Erfahrung der handelnden
Personen an erster Stelle. Nur dadurch
lassen sich Gefahrstoffe erkennen und
insbesondere auch ein mögliches Gefah-
renpotenzial abschätzen.
Ein Beispiel zum „Erkennen eines Gefah-
renpotenzials“ aus der Praxis
Kaliumaluminiumsulfat (Alaun, Kali-
alaun), das kristallisierte wasserhaltige
schwefelsaure Doppelsalz von Kalium
und Aluminium (KAl(SO
4
)
2
• 12 H
2
O), wird
öfter als Feuchthaltemittel für Knetmas-
se (20-40 g/kg) oder zum Züchten von Kri-
stallen in Apotheken nachgefragt. Zwar
ist die Substanz gemäß Sicherheitsdaten-
blatt nicht als gefährlich eingestuft,
7
Si-
gnalwort und Piktogramme entfallen.
Allerdings reagiert das Hexaaquaalumi-
niumion [Al(H
2
O)
6
]
3+
als Kationsäure in
wässriger Lösung sauer (pKs = 4.97).
8
Die
Acidität des Al(III) ist somit der Essigsäu-
re (Gefahrenpiktogramm „ätzend“, Si-
gnalwort Gefahr) vergleichbar. Tatsäch-
lich liegt der pH-Wert (100 g/L, 20 °C) der
Lösung bei 3-3,5.
7
Nach Verschlucken von
Knetmasse könnten bei Kindern minde-
stens Schleimhautreizungen auftreten,
die Substanz ist also nicht ganz so harm-
los, wie es scheint.
Besonders wichtig beim Umgang mit Ge-
fahrstoffen ist die Kenntnis der einschlä-
gigen Informationsquellen („Möglicher-
weise hätte man ja drauf kommen kön-
nen...“). Herstellerkennzeichnungen auf
Originalgebinden, primär Gefahrenpikto-
gramme sowie Gefährdungs- und Sicher-
heitshinweise (H- und P-Sätze) sowie Si-
cherheitsdatenblätter, technische Regeln
für Gefahrstoffe (TRGS) oder auch vali-
de Daten aus Stoffdatenbanken (GESTIS-
Stoffdatenbank, Gefahrstoffinformati-
onssystem (GisChem)) liefern wertvolle
Informationen.
Auch im Apothekenlabor ist die konse-
quente Nutzung von persönlicher Schutz-
ausrüstung (PSA) im Umgang mit Gefahr-
stoffen sowie die Nutzung von Sicher-
heitseinrichtungen obligatorisch (geeig-
nete Handschuhe, Schutzbrille, Laborkit-
tel, Laborabzug).
In einer Apotheke dienen üblicherweise
der Arbeitsraum (Rezeptur, Laboratori-
um) oder ein Lagerraum mit zusätzlichen
Schutzmaßnahmen oder ein Sicherheits-
schrank als Aufbewahrungsort für Ge-
fahrstoffe in Kleinmengen. Sauberes Ar-
beiten und die Verwendung sowie Bevor-
ratung nur geringer Mengen an Chemika-
lien und Reagenzien tragen ebenfalls we-
sentlich zur Minimierung eines Unfallrisi-
kos bei.
Verschüttete oder ausgelaufene Chemi-
kalien – Sofortmaßnahmen bei unbeab-
sichtigter Freisetzung
Das Szenario ist bekannt. Ein Glasgebin-
de mit einer ätzenden Flüssigkeit oder
einer Festsubstanz geht zu Boden oder
zerbricht beim Anschlagen an die Tisch-
kante. In einem anderen Fall zersplittert
ein durch Alterung spröde gewordenes
Kunststoffbehältnis schon beim Anfassen
wie dünnes Glas.
Im Falle einer solchen unbeabsichtigten
Stofffreisetzung ist das primäre Ziel im-
mer die rasche Stoffbeseitigung. Alle in
Frage kommenden Maßnahmen müssen
immer stoffspezifisch (Eigenschaften?/
Menge?) getroffen werden. Im Falle von
Kleinstmengen harmloser Leichtmetall-
salze (Natriumchlorid, Kaliumsulfat, Cal-
ciumchlorid, Magnesiumsulfat etc.) kann
das Wegspülen mit Wasser in den Ausguss
nach Aufnehmen ggf. eine Lösung sein.
Bei mechanischer Aufnahme von Fest-
stoffen (Zusammenfegen) sollte man ei-
ne Staubbildung vermeiden. Um das Ein-
atmen von Stäuben zu vermeiden, kann
man zur Staubbildung neigende Substan-
zen ggf. mit einer „Blumenspritze“ an-
feuchten, sofern diese sich Wasser gegen-
über unempfindlich verhalten. Spritzer
nicht-oxidierend wirkender Flüssigkeiten
nimmt man üblicherweise mit Fließpapier,
Zellstoff oder Absorptionsmaterial auf.
Sollten entzündbare Flüssigkeiten – wenn
auch nur kleinere Mengen – ausgelaufen
sein, schaltet man sofort alle in der Nähe
befindlichen Zündquellen aus (Gasbren-
ner, elektrische Rührwerke, Elektromo-
toren etc.).
Im Falle ätzender, sauer oder basisch re-
agierender Flüssigkeiten deckt man die-
se sofort mit einem chemisch inerten Ab-
sorptionsmittel in Pulver- oder Granulat-
form vollständig ab. Neutralisationsver-
suche sind meist zeitraubend und vergrö-
ßern das Flüssigkeitsvolumen. Kommer-
ziell erhältliche Absorbentien sind leider
nicht immer vorhanden. Man kann sich
sehr gut mit einem preiswerten minera-
lischen Klumpstreu („Katzenstreu“) auf
Ton- oder Bentonitbasis behelfen. Im Not-
fall tut es jedoch auch Kieselgur (Diato-
meenerde, Staubbildung!).
Sicherheitshinweis
Für oxidierend wirkende Flüssigkeiten
dürfen niemals organische Bindemit-
tel wie Sägespäne, Putzlappen, Papier
oder irgendein anderes organisches
Material zur Aufnahme eingesetzt
werden. Bei Berührung mit oxidierend
wirkenden Flüssigkeiten (konz. Salpe-
tersäure, Schwefelsäure, Perchlorsäure
etc.) besteht Feuergefahr!
Entsorgungshinweis
Mit Chemikalien kontaminiertes Auf-
saugmaterial ist ggf. immer noch
gefährlich und gilt als Sondermüll!
Rückstände von Gefahrstoffen dürfen
nie mit dem normalen Müll entsorgt
werden.